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Niemals besser als jetzt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BOGENHAUSEN
Franz Marc Frei via Getty Images
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Der Tag war unerträglich schwül gewesen. So schwül, dass Irma Legemann von ihrem Plan, heute endlich einmal im nahe gelegenen Cosimapark zu walken, wieder Abstand nahm. Wieder einmal. Wieder einmal mussten die wenigen Meter Gehminuten vom Rosenkavalierplatz zu ihrer Wohnanlage als Ausgleichssport genügen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach, pflegte Irma sich oft zu trösten. Besorgniserregend nur, wie dieses schwache Fleisch von Jahr zu Jahr immer mehr zunahm ...

Zum Jahreswechsel hatte sie sich deshalb ganz fest vorgenommen, im neuen Jahr endlich etwas dagegen zu unternehmen, Sport zu treiben, ihr Leben in puncto Fitness und Ernährung endlich umzukrempeln.

Bisher war es allerdings beim bloßen Vorsatz geblieben. Erst lag zu viel Schnee, dann waren die Wege abwechselnd vereist oder matschig, der Frühling war nahezu durchgehend verregnet gewesen und dann war es von einem Tag auf den anderen viel zu heiß und zu schwül geworden, um an sportliche Aktivitäten überhaupt nur zu denken.

Heute jedenfalls nicht, und auch für den Rest der Woche war laut Wetterbericht keine Abkühlung in Sicht. Kurzzeitig hatte sie noch mit sich gerungen, ob sie nicht wenigsten ein paar Schritte im Denninger Anger machen sollte, der war gleich auf der anderen Straßenseite, wirklich unmittelbar vor ihrer Haustüre.

Aber nicht einmal dazu konnte sie sich aufraffen. Die schwülwarme Luft fühlte sich an wie eine Mauer, deren Widerstand sie mit jedem Schritt, mit jeder Bewegung aufs Neue überwinden musste. Das allein war schon Schwerstarbeit, wie Irma fand.

So war wieder einmal der siebenminütige Fußweg von der Stadtbibliothek, wo sie arbeitete, nach Hause die einzige sportliche Betätigung. Immerhin: Die drei Stockwerke zu ihrer Wohnung ging sie zu Fuß. Das war Ehrensache - zumindest wenn sie keine allzu schweren Einkaufstüten zu schleppen hatte. So war inzwischen die erste Jahreshälfte verstrichen und Irma vertagte ihre Vorsätze auf den Herbst, wenn es nicht mehr so heiß sein würde.

Kurz nach neun begann das Gewitter. Der Regen fiel in großen, schweren Tropfen, die bei ihrem Aufprall auf der Wasserfläche, die sich schon nach kurzer Zeit im Innenhof gebildet hatte, Blasen warfen. Es blitzte und donnerte nahezu ununterbrochen. Ein wahres Inferno.

Niemals besser als jetzt, sie hatte den Satz vor kurzem in einem Krimi gelesen und er gefiel ihr. Hier und jetzt war einer dieser seltenen perfekten Momente, ihre blue hour, wie Irma sie nannte. Aus der Stereoanlage tönte Bob Dylan, und sie stand bei Kerzenschein am Fenster, genoss ein Glas Rioja Gran Reserva und erfreute sich am Unwetter draußen.

Niemals besser als jetzt. Diese knapp 50 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon, das war ihr persönliches Reich. Angekommen in München. Von Himmelkron, einem Kaff in der Nähe von Bayreuth, nach Bogenhausen. Ein Glücksfall. Irma war stolz auf sich. Wie so oft in den vergangenen Jahren dachte sie im Stillen und voll Dankbarkeit an die Cousine ihrer Mutter (die sie persönlich kaum gekannt hatte), der sie dieses Glück zumindest indirekt zu verdanken hatte.

Diese Cousine, eine kinderlose Witwe, hatte es gemeinsam mit ihrem Mann in den goldenen Zeiten des Wirtschaftswunders mit einem der ersten Supermärkte damals mehr oder weniger aus dem Nichts zu einem beachtlichen Vermögen gebracht.

Einen Teil davon hatte sie in ihrem Testament dann Irmas Mutter vermacht, und die wiederum, da das eigene Haus längst abbezahlt war und weder sie noch ihr Mann besondere Ansprüche hatten, hatte den größten Teil davon noch zu ihren Lebzeiten Irma vermacht, der einzigen Tochter.

Wahrscheinlich hegte sie die heimliche Hoffnung, Irma könnte es sich mit ihrer dauerhaften Übersiedlung nach München noch einmal überlegen und sich wenigstens in Bayreuth oder der näheren Umgebung häuslich niederlassen - häuslich im wahrsten Sinne des Wortes, denn für ihre Eltern war es nahezu undenkbar, in einer Wohnung und nicht im eigenen Einfamilienhaus zu wohnen.

Aber Irma hatte es nach längerem hin und her Überlegen schließlich gewagt, sich den Traum einer eigenen Wohnung in München zu erfüllen. Was sollte sie als alleinstehende Frau, damals bereits Anfang 40, auch in Bayreuth?

Der Kauf war ein Glücksfall. Angesichts der rasant steigenden Immobilienpreise hätte sie sich ihre Wohnung nur ein paar Jahre später schon nicht mehr leisten können, wahrscheinlich nicht einmal mehr zur Miete. Und wer weiß, vielleicht wäre sie auf diese Weise schließlich doch noch gezwungen gewesen, sich anderswo um eine Stelle umzutun, wenn sie nicht im letzten Mauseloch hausen wollte.

Der Münchner Stadtteil Bogenhausen erschien ihr damals und auch jetzt noch aus mehreren Gründen ideal. Nicht nur, weil sie seit gut acht Jahren in der örtlichen Stadtbibliothek tätig war. Die Gegend rund um den Rosenkavalierplatz besaß in ihren Augen eine einmalige Mischung zwischen mondänem, international angehauchtem Leben und den überschaubaren Strukturen einer Kleinstadt; vor allem im Sommer, wenn das Viertel von arabischen Touristen bevölkert war.

Irma konnte Stunden damit zubringen, bei einer Weißweinschorle in Wiener's Café sitzend dem Treiben auf dem Platz zuzusehen. Die meist schwarz verhüllten Araberinnen erschienen ihr wie rätselhafte Vögel von exotischer Schönheit, die mit der Regelmäßigkeit von Zugvögeln hier eintrafen. Die Kinderschar betreut von Nannys malayischer Herkunft saßen sie auf den Bänken und unterhielten sich in ihrer gutturalen Sprache.

In den Sommermonaten sah Irma auch regelmäßig einen Mann, den sie den Bettlerkönig nannte. Ein dicker Mensch im Anzug, einem viel zu kleinen Hut auf dem massigen Kopf und mit fleischigen, beringten Fingern saß, nein, thronte er auf einer der Bänke, stets begleitet von einem oder zwei jüngeren Männern, die ihn ehrerbietig behandelten.

Mochte der Mann im echten Leben Zahnarzt, Manager oder Ladenbesitzer sein - für Irma war er der Bettlerkönig, direkt einem Roman entsprungen, den sie einmal gelesen hatte. Darin war der König der Bettler Chef einer organisierten Bande von Bettlern in Istanbul, von wo aus sie zielgerichtet in westeuropäische Städte geschleust wurden, darauf abgerichtet, die systematisch erbettelten Tageseinkünfte Abend für Abend bei ihrem Chef abzuliefern. Ein streng organisiertes Geschäft mit dem Mitleid.

Fortsetzung folgt.

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