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Niemals besser als jetzt (Teil 2)

Veröffentlicht: Aktualisiert:
THUNDER STORM
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Seit Irma hier wohnte, war sie nicht einmal mehr in einen längeren Urlaub gefahren. Das Geld konnte sie sich sparen, kam doch die Welt zu ihr auf diesen Platz. Neben den Fremden gab es aber im Verlauf der Zeit auch immer mehr vertraute Gesichter, ältere Damen mit kleinen Hunden, Mütter mit ihren Kindern, Männer und Frauen, die in den umliegenden Büros irgendeiner Tätigkeit nachgingen, der eine oder andere Nachbar. Mit Ausnahme der Nachbarn, bei denen sie zumindest bei einigen einem Gesicht auch einen Namen zuordnen konnte, kannte sie keinen der anderen Menschen namentlich oder gar persönlich, aber die bekannten Gesichter vermittelten ihr ein Gefühl von Vertrautheit. Das genügte.

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Das Gewitter draußen erreichte allmählich seinen Höhepunkt. Sie liebte diese Stimmung. Die Bäume schwankten bedrohlich, es blitzte und krachte. Irma stand in ihrem bequemen Hausanzug am Fenster, Dylan sang gerade Knocking on heaven's door und sie hatte sich zur Feier des Tages noch ein zweites Glas vom schweren Rioja gegönnt, als sie plötzlich zusammenzuckte. Sie meinte, einen Schatten gesehen zu haben. War da gerade ein schwerer Ast vor ihrem Fenster herabgestürzt? Einen Aufprall hörte sie jedoch nicht, weil es in diesem Moment gerade heftig donnerte.

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Wenige Minuten später ging das Gewitter in gleichmäßig rauschenden Regen über. Irma öffnete ihre Balkontür und sog einige Momente lang die frische Luft ein. Eins mit sich und der Welt ging sie schließlich nach Sara, ihrem absoluten Lieblingssong, kurz nach elf glücklich ins Bett, lauschte noch kurz dem Geräusch des Regens und glitt unmerklich in einen ruhigen, tiefen Schlaf über.

Der Regen der vergangenen Nacht hatte endlich die ersehnte Abkühlung gebracht und es gelang Irma am nächsten Tag, einem Freitag, tatsächlich, ihren inneren Schweinehund zu überwinden und eine Stunde zu walken. Immerhin. Im guten Gefühl, etwas für ihre Gesundheit getan zu haben, verzichtete sie sogar auf das gewohnte Glas Wein und beschränkte sich an diesem Abend auf Mineralwasser. Ihr Ehrgeiz hielt noch für das gesamte Wochenende. Auch an den beiden nächsten Tagen nutzte sie das gute Wetter, um sich endlich einmal ernsthaft zu bewegen. Am Montag ließ ihr Eifer allerdings schon wieder nach. Sie war nach der Arbeit einfach zu müde.

Als sie am Dienstagabend wieder einmal ihren Briefkasten leerte (sie schaute nicht alle Tage hinein, denn es war ohnehin außer Werbung, die sie nicht interessierte, meist nichts drinnen), fand sie eine standardisierte Benachrichtigung vor, sie möge sich mit einem Polizeiobermeister Denzinger von der Kripo unter der angegebenen Nummer in Verbindung setzen. Mit Ausnahme einer Verkehrskontrolle zu der Zeit, als sie noch ein Auto besessen hatte, hatte Irma noch nie mit der Polizei, geschweige denn mit der Kripo, zu tun gehabt und sie konnte sich auch jetzt keinen Anlass vorstellen. Halb neugierig, halb verunsichert und mit einem schlechten Gewissen, weil die undatierte Mitteilung vielleicht schon länger in ihrem Briefkasten gelegen hatte, wählte sie die angegebene Nummer, aber es meldete sich niemand.

Als sie es eine Viertelstunde später noch einmal versuchte, erklärte ihr der diensthabende Beamte, sein Kollege Denzinger sei bereits im Feierabend und erst morgen wieder an seinem Platz. Warum Denzinger sie sprechen wollte, konnte er ihr nicht sagen, sie solle es morgen noch einmal probieren. Als sie es Tags darauf noch einmal versuchte, erklärte man ihr, der Herr Denzinger sei im Moment zu Tisch, sie könne ihn aber heute bis 17:00 Uhr erreichen. Ganz offensichtlich hatten die echten Kriminalbeamten im Gegensatz zu denen im Fernsehen neben ihrer beruflichen Tätigkeit auch noch ein Privatleben und mehr oder weniger geregelte Mahlzeiten.

Am Nachmittag erreichte sie ihn dann schließlich doch. Sie habe seine Nachricht vorgefunden, sie solle sich bei ihm melden. Worum es ginge? Auf diese Frage wusste Denzinger nun auf Anhieb auch keine Antwort. Offensichtlich hatte er, ebenfalls im Unterschied zu den TatortKommissaren, mehrere Fälle gleichzeitig zu bearbeiten und war nicht bei jedem gleichermaßen im Bilde.

"Tut mir leid, Frau Legemann, aber im Moment weiß ich nicht ... wie lautet denn Ihre Adresse? Ah, Daphnestraße - der Selbstmord. Ja, Frau Legemann, da handelt es sich um eine reine Routinebefragung. Der Bewohner der Wohnung über Ihnen, Harald Gutjahn, ist nach unseren bisherigen Erkenntnissen in der Nacht vom 28. auf den 29.6. von der Bedachung über Ihrem Balkon gesprungen. Haben Sie davon etwas bemerkt? Haben Sie etwas gehört oder gesehen?"
Das hatte Irma nicht.

Denzinger hatte offensichtlich auch nicht ernsthaft damit gerechnet. "Das dachte ich mir schon fast, in der Nacht hat es ja heftig gewittert. Von Ihren Nachbarn, sofern sie überhaupt zu Hause waren, hat auch keiner was bemerkt. Eine Frage noch, Frau Legemann, war in der fraglichen Zeit vielleicht außer Ihnen noch jemand in Ihrer Wohnung, den wir befragen sollten?" Irma verneinte. "Ja, dann danke ich Ihnen, dass Sie sich bei uns gemeldet haben, schönen Tag noch, Frau Legemann."

Fortsetzung folgt.

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