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Niemals besser als jetzt (Schluss)

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BALKON
iStock
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Es dauerte einige Stunden, bis die Nachricht tatsächlich in Irmas Bewusstsein gesickert war. Nahezu vor ihren Augen hatte sich ein Mensch umgebracht. War von seiner Wohnung auf das Dach ihres Balkons geklettert, um sich in den Tod zu stürzen, während sie im selben Moment behaglich in ihrem Wohnzimmer saß, Musik hörte und Wein trank. Was genau hatte sie wohl in diesem Moment getan? Sie versuchte, sich den Abend in allen Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen.
Plötzlich fiel ihr der vermeintliche Schatten wieder ein. Was, wenn es weder Einbildung noch ein Ast gewesen war, sondern Harald Gutjahn, dessen Todessturz sie ohne es zu ahnen miterlebt hatte?

Das Gespräch mit Denzinger hatte nur wenige Augenblicke gedauert. Sie war von der ungewöhnlichen Situation so in Anspruch genommen, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen war, genauer nachzufragen. Erst jetzt, Stunden später, fielen Irma Dinge ein, auf die sie vom Kriminalobermeister gerne Antworten gehabt hätte. Wer hatte den Toten gefunden? War er da überhaupt schon tot oder hatte er noch gelebt? Irgendjemand im Haus musste doch irgendwas mitbekommen haben! Doch Irma wusste niemanden von ihren Mitbewohnern, den sie hätte fragen können. Die meisten der Wohnungseigentümer waren deutlich älter als sie und lebten, soweit Irma das beurteilen konnte, zurückgezogen. Irma hatte jedenfalls keinen Kontakt zu ihnen. Bei den Mietern, meist jüngeren Leuten, gab es eine hohe Fluktuation. Oft bekam sie erst Wochen oder Monate später mit, dass offenbar irgendwo im Haus wieder ein Mieterwechsel stattgefunden haben musste.

Wenn sie so darüber nachdachte, waren Gutjahn und sie eigentlich die einzigen ungefähr gleichaltrigen Wohnungseigentümer gewesen. Zumindest schätzte sie ihn etwa in ihrem Alter, genau wusste sie es natürlich nicht. Sie hatte ihn ein oder zwei Mal bei Eigentümerversammlungen gesehen. Man hatte sich gegrüßt, wenn man sich zufällig im Aufzug oder sonst wo begegnete. Mehr nicht. Trotzdem lag sie in dieser Nacht lange wach, wälzte sich hin und her und fand einfach keine Ruhe. Vor ihrem inneren Auge tauchte, ob sie es wollte oder nicht, immer wieder der tote Nachbar auf. Gutjahn in Radlerkluft, Gutjahn auf dem Weg zum Joggen, Gutjahn auf dem Weg zur Arbeit oder wie er nach Hause zurückkam. "Haben Sie etwas bemerkt, haben Sie etwas gehört oder gesehen?", flüsterte beständig die Stimme des Polizeibeamten in ihrem Kopf.

Du musst dein Leben ändern

Der Gedanke an den schrecklichen Selbstmord ging Irma auch in den nächsten Wochen nicht mehr aus dem Kopf. Der Sommer zeigte sich über Wochen von seiner besten Seite, die Stadt war ein Traum, der Himmel von diesem einzigartigen Blau, das so charakteristisch für München ist. Trotzdem konnte sie das alles nicht genießen. Rastlos unternahm sie abends längere Spaziergänge durch den Denninger Anger, den Cosimapark, den Englischen Garten oder hinunter an die Isarauen. Ruhe fand sie jedoch nirgends. Sie konnte sich nicht einmal über diesen neu erwachten Bewegungsdrang freuen. Stattdessen fühlte sie sich vielmehr wie fremdgesteuert, wie eines von diesen Aufziehtieren mit einer kleinen Kurbel im Rücken, wie sie sie als Kind gehabt hatte. Auf ihr selbst nicht erklärbare Weise fühlte sie sich in ihrer Intimsphäre verletzt. Ein Mensch hatte sich vom Dach ihres Balkons in den Tod gestürzt.
Plötzlich war Irma der Tod nahe gekommen. Zu nahe. Der Selbstmord des ihr kaum bekannten Harald Gutjahn erinnerte Irma an ihre eigene Sterblichkeit. Wie lange noch? Sie war jetzt 45, sicher noch kein Alter, um ans Sterben zu denken - aber ganz jung war sie ohne Zweifel auch nicht mehr.

Eine Verszeile aus einem Rilkegedicht ging ihr wie ein Mühlrad im Kopf herum. Du musst dein Leben ändern. Dabei hätte Irma gar nicht gewusst, wie sie ihr Leben ändern könnte oder in welche Richtung sie es würde ändern wollen. Aber der Satz quälte sie. Du musst dein Leben ändern.
Nein, ihr Leben würde sie nicht ändern, doch Irma beschloss, nach vielen Jahren endlich einmal wieder in den Urlaub zu fahren. Vielleicht würde sie das auf andere Gedanken bringen, vielleicht würde ein kleiner Tapetenwechsel einmal nichts schaden. Allerdings würde sie sich als einzige ledige und kinderlose Mitarbeiterin der Stadtbibliothek bis nach den Sommerferien gedulden müssen. In dieser Zeit hatten die Frauen mit Familie Vorrang bei den Urlaubsanträgen.

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