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Meine Hoffnung

03/07/2016 11:41 CEST | Aktualisiert 04/07/2017 11:12 CEST
Nanihta photography via Getty Images

Heute habe ich die Hoffnung begraben. Einfach so. Ohne großes Tamtam. Ich habe sie in eine gebrauchte Schachtel gelegt, die seit Tagen zufällig von einer Paketsendung in der Wohnung herumstand, und sie zum alten Gerümpel in den Keller getragen. Danach habe ich die Fenster geöffnet, frische Luft hereingelassen und tief durchgeatmet.

Die Wohnung kam mir mit einem Mal geräumiger vor, irgendwie strahlender, wie von altem Staub befreit. Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, dass das weniger an der Wohnung lag als vielmehr an meinen Augen. Als wäre ein Schleier von ihnen abgezogen worden. Und weil ich mich auch frischer, ja geradezu lebendig fühlte, habe ich sogar einen Abendspaziergang unternommen. Die kalte Nachtluft tat mir gut.

Während ich nicht wie sonst auf den Boden vor meinen Füßen starrte, sondern hinauf in den Himmel zum Vollmond und den Sternen blickte, stellte ich mir vor, wie die Hoffnung nun in ihrer Schachtel im Keller zetert und jammert. Sie will raus, will wieder zu mir, um sich an meiner Kraft zu laben, wie sie das so viele Jahre getan hat. Die Hoffnung allein ist ein Nichts. Sie braucht immer jemanden, der sie trägt und hegt.

Jetzt, im Keller eingesperrt, hat sie niemanden mehr, den sie aussaugen kann, und so wird sie ihrerseits schließlich kläglich zugrunde gehen. Der Gedanke gefiel mir, er beflügelte meinen Schritt noch mehr. Der Weg, den ich seit Jahren tagtäglich gehe, kam mir plötzlich neu, ungemein schön und interessant vor. Am liebsten hätte ich gesungen, so wohl war mir.

Ich bin ein friedlicher und hilfsbereiter Mensch, das müssen Sie mir glauben. Ich habe noch nie jemandem etwas Schlechtes gewünscht. Aber der Gedanke, wie die mistige Hoffnung immer schwächer würde, wie sie schließlich elendig krepieren würde, bereitete mir lustvolles Vergnügen. Ich konnte mich nicht satt daran denken, Glücksgefühle durchströmten mich und ein Gefühl von Freiheit.

Als wäre ich Ketten entronnen, die mich seit Jahren gefesselt hatten, ohne dass ich mir dessen jemals bewusst gewesen wäe. Es muss sich etwas ändern, es wird sich etwas ändern, hatte sie mir jeden Tag wie lähmendes Gift eingeträufelt. Ich hatte es ihr geglaubt, ja mehr noch: Ich hatte mich an sie geklammert. Ohne mir dessen bewusst zu sein, wurde ich allmählich abhängig von ihr, wurde selbst immer willenloser, kraftloser, ohnmächtiger.

Nun endlich gehört meine Kraft wieder mir. Während die Hoffnung in ihrem Schachtelgefängnis jeden Tag schwächer wird, werde ich jeden Tag ein Stückchen mehr erstarken. Nein, es wird sich nichts ändern. Ich werde mich verändern.

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