BLOG

Hilfe, ich verstehe kein Wort!

04/10/2015 14:35 CEST | Aktualisiert 04/10/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Die schöne, neue Welt der sogenannten sozialen Medien, also Facebook, Youtube und Co, eröffnet ihren Nutzern nahezu ungeahnte Möglichkeiten, hört und liest man immer wieder. Neue Freunde, neue Kunden, neue Verbreitungswege für Informationen - und das alles kinderleicht und zum Nulltarif.

Toll!, dachte ich mir. Ideal für eine noch relativ unbekannte Autorin mit beschränkten finanziellen Möglichkeiten wie mich. Nichts wie rein in das El Dorado des 21. Jahrhunderts! Frohgemut beschloss ich, mich auf den Weg in diese verheißungsvolle neue Welt zu machen.

Ich würde mich durchaus als Frau bezeichnen, die Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, vielfältig interessiert und lernfähig. Das soziale Netz steht angeblich ja allen offen, man muss es nur nutzen. Recherche im Internet, war mir ebenso wie Textverarbeitung seit Jahren vertraut, wenn man so will gehörte es für mich zum Tagesgeschäft.

Da sollte eine intensivere Nutzung dieses Mediums z.B. für PR-Zwecke doch nicht weiter schwierig sein. Und ja, es stimmt, ein Profil auf Facebook war schnell angelegt. „Freunde" finden - ebenfalls kein Problem.

Bei vielen anderen Anwendungen aber war ich noch unsicher. Nicht alles funktionierte auf Anhieb so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und viele vermeintliche Erklärungen durch jüngere Kollegen oder meine Kinder verwirrten mich mehr, als dass sie mir weiterhalfen.

Einen zusätzlichen Dämpfer versetzte mir ein junger Kollege, als er gönnerhaft mir gegenüber vom digital divide sprach und mich bei diesem ominösen Begriff ganz offensichtlich auf der Verliererseite eingruppierte. Digital divide? Nie gehört. Und wieso sollte ich auf der „Verliererseite" stehen?

Digital divide, also die digitale Kluft, beschreibt die Unterschiede verschiedener Bevölkerungsgruppen im Zugang zu und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie, erklärte mir der nette Kollege herablassend.

Der Begriff bezieht sich sowohl auf regionale, nationale als auch internationale Unterschiede, aber eben auch auf Altersgruppen und Geschlecht. Aufgrund meines Alters und meines Geschlechts sollte ich also weniger Zugang zur verheißungsvollen Welt haben? Darüber hatte ich bislang noch gar nicht nachgedacht.

Ich hielt meine Voraussetzungen allen Statistiken zum Trotz für zumindest mittelprächtig, wenn nicht gar gut. Schließlich verfüge ich „selbstverständlich" über einen Internetzugang, hatte bereits einige Erfahrung im Umgang mit Computern, glücklicherweise auch ein hohes Bildungsniveau und auch gute englische Sprachkenntnisse.

Was ich allerdings nicht wusste, war die Tatsache, dass man in dieser schönen neuen Welt eine ganz eigene Sprache spricht. Schulenglisch und Computersprache, so viel wurde mir auch schnell klar, sind zwei unterschiedliche Dinge.

Anstatt dass sich der Nebel lichtete, hatte ich das Gefühl, auf immer neue Fragen zu stoßen. Ich wurde zunehmend verwirrter. Posten und liken, klar, diese Begriffe kannte ich.

Aber was ist ein Account, Social media monitoring? Crossmedialität? Content marketing? Was zum Teufel meinen die mit Content-Map, was ist ein Tweet, was ein Thread und was ein Release? Und was macht ein Blogger und wie kann ich selber einer werden? Was ist ein Hashtag und was bedeutet diese seltsame Raute vor manchen Begriffen? Was wollen die von mir, wenn gefordert wird create space?

Fragen über Fragen! Plötzlich bekam der Begriff Sprachbarriere für mich eine ganz neue Bedeutung. Ich fühlte mich in wachsendem Maß hilflos - ein nicht sehr angenehmer Zustand, wenn man wie ich über Jahrzehnte hinweg das Leben im Großen und Ganzen erfolgreich gemeistert hatte. Und jetzt das! Plötzlich war ich trotz fortgeschrittenem Lebensalter und -erfahrung wieder so etwas wie eine Anfängerin.

Trotzdem und allen Verunsicherungen und Widrigkeiten zum Trotz: Aufgeben kam nicht in Frage. Ich würde mir das virtuelle El Dorado erobern. Dazu war ich wild entschlossen.

Und heute? Nach jahrelangen, durchaus zeitintensiven Gehversuchen?

Ja, ich habe Fortschritte gemacht, durchaus. Die verbliebenen Sprachbarrieren schrecken mich nicht mehr, es sind auch weniger geworden. Ich bin selbstbewusster geworden, was den Umgang mit dem nun nicht mehr ganz so neuen Medium angeht.

Ich stehe definitiv nicht mehr auf der Verliererseite der digitalen Kluft. Auch meine Reichweite und, damit verbunden, meine Verkaufszahlen haben sich durch die Nutzung des neuen Mediums wie erhofft erhöht, gar keine Frage.

Aber die Bäume wachsen bei mir, wie bei den allermeisten, trotzdem nicht in den Himmel. Mag sein, dass im Internet Quantensprünge an erreichten Nutzern möglich sind.

Ich habe (wie die allermeisten anderen auch) was meine Posts anbetrifft, noch keinen erlebt. Dazu ist die Konkurrenz zu groß, sind auch in diesem El Dorado zu viele Glücksritter unterwegs.

Reich bin ich durch die neuen Medien nicht geworden, jedenfalls nicht, wenn man unter „reich" ausschließlich versteht, mehr Geld aufzuhäufen. Ich bin aber reicher an meist positiven Erfahrungen geworden, reicher an Kontakten mit interessanten Menschen, Impulsen, Einblicken - und letztlich auch reicher an Selbstvertrauen.

Ich, die leidenschaftliche Leserin, bin in einem El Dorado für mich interessanter Texte gelandet und ich traue mich inzwischen, dieses El Dorado selbst noch vielfältiger zu gestalten, indem ich von mir verfasste Texte dazu beisteuere, in der Hoffnung, dass sie möglichst viele Leser finden.

Wollen auch Sie etwas Neues beginnen? In meinem Buch verrate ich Ihnen, wie Sie dabei Stolpersteine erfolgreich beseitigen.

2015-10-03-1443887780-8366720-Sollich_Titelseite.jpg

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite