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Darum haben Frauen in ihrer Lebensmitte Angst vor Veränderung

07/01/2016 11:55 CET | Aktualisiert 07/01/2017 11:12 CET

Eine Situation, wie ich sie bei meinen Lesungen immer wieder erlebe:

Neben Exemplaren meiner Krimis und Erzählungen habe ich auch meine beiden Ratgeber zum Verkauf mitgebracht. Der eine, mit dem Titel "UND JETZT?", richtet sich an junge Erwachsene, der andere an Frauen um die Lebensmitte.

Beide wollen Mut machen, den eigenen Weg zu finden und erfolgreich zu gehen. Abwägend halten meine Besucherinnen beide Bücher in der Hand. Sie überlegen, welches sie kaufen sollen.

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Raten Sie mal, für welches Buch sich die Frauen in der Mehrzahl entscheiden? Nein, nicht für den Ratgeber für sich selbst, sondern ganz überwiegend für "UND JETZT?", die Hilfestellung für junge Erwachsene. Tatsächlich liegen die Verkaufserfolge für dieses Buch mehr als zehnmal höher als bei dem für Frauen um die Lebensmitte!

Warum ist das so? Sind alle Frauen in dieser Lebensphase einfach rundum glücklich und wollen überhaupt keine Veränderung ihrer beruflichen oder persönlichen Situation? Ich glaube es nicht; besser gesagt: Aus zahlreichen Gesprächen mit meinen Altersgenossinnen weiß ich, dass dem nicht so ist. Weshalb also treffen die Frauen ihre Kaufentscheidung dann nicht zu ihren Gunsten, sondern im Interesse ihrer fast erwachsenen Kinder?

Mütter haben über viele Jahre gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Familie hintanzustellen.

Meine erste Erklärung lautet: weil sie es "schon immer" so gemacht haben. Mütter haben über viele Jahre gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Familie hintanzustellen. Im Zweifel für die Familie, so lautet, ob bewusst oder unbewusst, das Motto vieler Frauen und das beeinflusst auch ihr Kaufverhalten.

Ein weiterer, meiner Meinung nach noch wesentlich tückischerer Stolperstein, ist die Tatsache, dass unser gesellschaftliches Umfeld bei Frauen um die Lebensmitte meist gar nicht erwartet, dass sie ein neues Ziel anstreben.

Erinnern Sie sich zurück an Ihre Zeit als Schulabgängerin und Sie verstehen, was ich meine: Damals hatten Sie bei aller, manchmal quälenden, Unsicherheit, welchen Weg Sie einschlagen sollten, welche Ausbildung oder welches Studienfach Sie wählen sollten, zumindest den Vorteil, dass Sie mit Ihrem Problem nicht alleine waren.

In dieser Lebensphase befanden sich die meisten vor einer ähnlichen Fragestellung, schließlich erwartet unsere Gesellschaft von jungen Leuten, dass sie ihren beruflichen Lebensweg beginnen.

Oftmals ist es für den Rest der Familie ganz angenehm, wenn die Freuen keine neuen Wege einschlagen.

Für Frauen in der Lebensmitte stellt sich die Sache anders dar: Anders als bei Schulabgängern ist es gesellschaftlich durchaus akzeptiert, wenn Sie als Frau nach der Familienphase weiterhin zu Hause bleiben oder allenfalls einer nur geringfügigen Tätigkeit nachgehen. Ja, oftmals ist es für den Rest der Familie, ob Ehepartner oder erwachsene Kinder, sogar ganz angenehm, wenn die Frauen keine neuen Wege einschlagen.

Man muss sich und seine Gewohnheiten dann nicht umstellen, z.B. über eine Neuverteilung der (ungeliebten) Hausarbeit nachdenken. Alles zu lassen, wie es ist, scheint zunächst einfach sehr bequem zu sein.

Bei vielen Frauen fehlt in Hinblick auf beruflichen Veränderungen offensichtlich der sprichwörtliche Leidensdruck. Das heißt nicht, dass sie sich keine Veränderung wünsche würden.

Sie möchten schon - irgendwie. Aber oftmals überwiegen irgendwelche diffusen Ängste und hindern sie daran, Herausforderungen wirklich ernsthaft anzugehen und tatsächlich Neues zu wagen. Denn ja, neue Wege machen auch Angst. Schließlich begibt man sich damit auf ungewohntes Terrain und weiß nicht, wie die Sache letztlich ausgeht.

Leider gibt es nach meiner Erfahrung auch noch zwei weitere, ganz besonderes tückische, bösartige, gefährliche und (nur für Frauen meiner Generation?) oftmals unüberwindliche Hindernisse. Ich nenne sie die Gespenster des zweiten Schritts.

Dem ersten Schritt folgt kein beherzter zweiter und also wird schließlich auch kein Weg daraus.

Ich möchte sie ganz besonders erwähnen, weil sie gemeinerweise vielen, die eine erste Klippe erfolgreich überwunden haben, auflauern: Es sind die Angst vor der eigenen Courage und die Angst vor dem eigenen Erfolg: Immer wieder treffe ich auf Frauen, die mutig einen ersten Schritt wagen - z.B. eine Fortbildung zu absolvieren, ein Buch zu schreiben oder (nebenberuflich) als Kleinunternehmerin ein Gewerbe anzumelden - und dann scheinbar unvermittelt irgendwie auf halber Strecke stehen bleiben. Dem ersten Schritt folgt kein beherzter zweiter und also wird schließlich auch kein Weg daraus.

Neben der Konzentration auf ein konkretes Ziel brauchen Sie nämlich auch die Konsequenz, es dann tatsächlich auch umzusetzen. Hier spielt vielen Frauen das eigene Selbstbild, also ihre Definition von sich selbst und ihren Fähigkeiten, einen Streich.

Der Psychologe Ian Robertson spricht in diesem Fall von Glasdecken im Gehirn, die sich oftmals als unglaublich hartnäckiges Hindernis gegen das Gewinnen erweisen. Diese Glasdecken zu durchbrechen kostet viele von uns mehr Kraft als die tatsächlichen Widerstände von außen. Aber das kann uns niemand abnehmen. Sie selbst müssen es sich wert sein, an sich und Ihre Ziele zu glauben. Der Weg findet sich dann fast von allein.

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Sie verurteilte immer diese andere Mutter. Was sie dann erfuhr, stellte ihr Leben auf den Kopf

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