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Die zwei Gesichter einer Stadt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MNCHEN
Hans-Peter Merten via Getty Images
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Dieser Tage erscheint ein Gedichtband mit dem schönen Titel "München schillert". Er enthält Beiträge prominenter Künstler und Persönlichkeiten wie Friedrich Ani, Konstantin Wecker, Rainer Langhans, Stefan Scheider - und u.a. auch ein Gedicht von mir. Ich habe meinem Beitrag den auf den ersten Blick nicht sehr lyrischen Titel Linie 19 gegeben.

Die Fahrt mit der Straßenbahn Linie 19 vom Maximilianeum, dem Sitz des Bayerischen Landtags und meiner Arbeitsstelle, zum Hauptbahnhof leitet in der Regel mein Wochenende ein. Ich fahre wieder zurück an meinen Hauptwohnsitz, wie das im Behördendeutsch so schön heißt.

Von einem Ende der Gesellschaft zum anderen

Es sind nicht nur die architektonischen Schätze, die mich auf dieser Strecke auch nach Jahren noch faszinieren. Viel fesselnder finde ich die gesellschaftliche Spannbreite, die ich auf dieser Route durchmesse. Die Stecke ist gut drei Kilometer lang, dauert etwa 12 Minuten und führt mich auf acht Stationen vom einen Ende der Gesellschaft zum anderen.

Die Haltestelle Maximilianeum liegt beschattet von hohen Bäumen auf der Rückseite des Landtagsgebäudes im In-Viertel Haidhausen und ist unspektakulär. Aber schon nach wenigen Metern wird es interessant: Nach der ersten Kurve ein kurzer Blick zurück auf die prächtige Fassade des Landtagsgebäudes mit dem Springbrunnen davor.

Das Ensemble ist ein beliebtes Postkartenmotiv. In der Adventszeit sieht man bei Dunkelheit einen riesigen, hell erleuchteten Christbaum durch das hohe Mittelfenster. Dann geht´s über die Maximiliansbrücke mit einem herrlichen Blick auf die Isar und ihren Kiesstränden, die im Sommer von Sonnenanbetern und Badefreunden bevölkert sind, zum Max-Denkmal ins Lehel.

Ein gutbürgerliches Viertel, wie man an den meisten Fahrgästen, die einsteigen, erkennen kann. Manchmal schicke ich hier einen stummen Gruß an das altehrwürdige Wilhelms-Gymnasium, wo u.a. Lion Feuchtwanger sein Abitur ablegte und ich (freilich zu einer ganz anderen Zeit) Referendarin war.

Die nächste Haltestelle Kammerspiele ist sozusagen der Eingang zur Maximilianstraße, Münchens Prachtboulevard. Läden der Luxusklasse mit Türstehern im schwarzen Anzug reihen sich hier aneinander: Gucci, Prada, Escada, Cartier, Bulgari - und wie sie alle heißen. Dazu das vornehme Vier Jahreszeiten.

Am Straßenrand parken die Luxusmarken der Automobilindustrie und dementsprechend sind auch die Passanten. Junge Frauen auf High-Heels und mit aufgespritzten Lippen am Arm älterer Herren, die sie und die Einkaufstaschen der Nobelmarken wie Trophäen mit sich führen: In der Maximilianstraße wird selbst dieses Klischee Realität.

Weiter Richtung Nationaltheater changiert die Szenerie vom Shoppingerlebnis zu Kunstgenuss. An Premierentagen kann bisweilen schon am Spätnachmittag das Münchner Opernpublikum elegant, weltgewandt und mit sich und der Welt höchst zufrieden im Anzug bzw. dem Gegenstück für Damen, dem kleinen Schwarzen, auf den Stufen des Opernhauses bewundern. Hier verkehren die, die´s auf der gesellschaftlichen Leiter sehr weit nach oben, vielleicht sogar ganz hinauf geschafft haben.

Man sieht´s an ihren Gesichtern und ihrer Haltung, die Selbstbewusstsein ausstrahlen. An der Ecke sitzt jahrein, jahraus, unbeweglich wie eine Steinfigur als wäre er Teil der Gesamtszenerie und kein fühlender Mensch, ein Bettler.

Ich habe noch nie gesehen, dass ihm ein Passant etwas gegeben hätte, aber es scheint sich auch niemand an ihm zu stören. Es ist als gehöre er gewissermaßen zum Inventar dieses Platzes.

Die Straße öffnet sich zum Max-Joseph-Platz hin und bietet mir meinen ganz persönlichen Höhepunkt während der Fahrt: den Blick auf die Theatinerkirche. Ihre eigenwillige Architektur fasziniert mich immer noch und immer wieder. Nicht umsonst habe ich sie auch zu einem wichtigen Schauplatz in meinem Krimi Francobaldi gewählt. Mein Blick geht links zum Franziskaner, rechts vorne zum Spatenhaus.

Nach der Vorstellung werden es sich die Theatergäste in den beiden Traditionsgaststätten gut gehen lassen. Die Preise sind in beiden Lokalen beachtlich, aber wie sagt der Münchner: Wer ko, der ko. Und man kann sich´s eben leisten.

Noch eine Kurve, dann erreicht die Bahn die Haltestelle Theatinerstraße. Wir sind jetzt mitten in der Fußgängerzone. Menschentrauben, Touristen, wohin das Auge blickt. Touristen aus aller Herrn Länder. München ist das ganze Jahr über ein internationales Einkaufsparadies.

Zum Lenbachplatz hin wird´s ruhiger, aber es bleibt elegant, und der Reichtum wird nicht mehr so protzig wie auf der Maximilianstraße zur Schau gestellt. Trotzdem tummelt sich auch hier sehr viel Geld, davon kann man getrost ausgehen. Die Tram fährt an Münchens bestem Hotel überhaupt vorbei, dem Bayerischen Hof.

Einst logierte hier die legendäre Lola Montez, die Geliebte des Königs, wegen ihres unverschämten Auftretens angefeindet von der ganzen Stadt. Das Hotel ist ein wichtiger Schauplatz in meiner Lieblingsserie Kir royal. Aus dem Leben eines Klatschreporters.

Im Februar findet hier die Münchner Sicherheitskonferenz statt, und weil auch Michael Jackson bei seinen Aufenthalten dort gewohnt hat, haben seine Fans kurzerhand die Orlandodi-Lasso-Statue auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Mausoleum für den Popstar umfunktioniert. Seit seinem Tod wird sie regelmäßig mit Postern, Blumen, roten Plastikherzen und Grablichtern geschmückt.

Über den Lenbachplatz an sich gibt´s im Grunde nicht viel zu sagen. Den schönen Brunnen, der dort steht, nimmt man im brausenden Verkehr zwar kaum wahr, trotzdem verleiht er im Zusammenspiel mit den umgebenden Stadtpalais der ganzen Szenerie eine sehr mondäne Note.

Die Stadt der unbeschwerten Heiterkeit

Die nächste Station heißt offiziell Karlsplatz, benannt nach dem Platz, in dessen Nähe sie liegt. Diesen Namen trägt er aber nur für die Fremden, als Tarnung gewissermaßen. Bei den Münchnern heißt er Stachus und ist heute genau wie eh und je Verkehrsknotenpunkt der Stadt.

Ein großer Brunnen mit vielen Fontänen lädt an heißen Sommertagen zum Abkühlen ein, auf den Steinen rundherum sitzen die Leute und genießen die Sonne, die Stadt und das Leben. Im Winter stehen hier eine Eislaufbahn und Glühweinbuden. Hier trifft man sich. München, die Stadt der unbeschwerten Heiterkeit. Die Stadt wird ihrem Ruf auch hier gerecht.

An der nächsten Station endet meine Tour mit der Tram. Gemeinsam mit vielen Touristen und Anzugträgern steige ich am Hauptbahnhof aus. Und plötzlich zeigt München ein anderes Gesicht. Schluss mit Glanz und Eleganz, mit Wohlstand und Wohlleben.

Wer in den Bahnhof will, muss erst durch die Ansammlung trauriger Gestalten, die seinen Vorplatz bevölkern. Hier treffen sich die Obdachlosen und Gestrandeten, die Gesichter vom Alkohol und vom Leben gezeichnet. Mitleidsgestalten, mit denen doch nie jemand Mitleid zeigt.

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Anfangs war ich von diesem jähen Wechsel geschockt, nicht darauf vorbereitet, nach all diesem Glamour so plötzlich auf menschliches Elend zu treffen. Ich hatte befürchtet, dass der kurze Weg in den Bahnhof zum Spießrutenlauf werden könnte,hätte Zornausbrüche, Pöbeleien oder Schimpftiraden erwartet, wenn nicht gegen mich, so doch gegen irgendjemanden aus dieser Masse der offenkundig Privilegierten.

Nichts dergleichen. In all den Jahren nicht. Inzwischen ist es eben dieses Hinnehmen, dieses Nicht-Aufbegehren, das mich am meisten erstaunt. Vielleicht gibt es irgendeinen unausgesprochenen Deal mit den Sicherheitskräften, die diese traurigen Verlierer unserer Gesellschaft so lange auf dem wettergeschützten Vorplatz dulden, solange sie nicht randalieren oder sonst irgendwie negativ auffallen. Ich weiß es nicht.

Die Fahrt mit der Linie 19 aber zeigt mir immer wieder die Janusköpfigkeit der Stadt, die es über weite Strecken so gut versteht, die Armut zu verbergen, dass man meinen könnte, es gebe sie hier gar nicht.

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