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Elisabeth Ehninger Headshot

"Verstörend": Ein schockierender Augenzeugen-Bericht über die Vorfälle in Dresden

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Elisabeth Ehninger war dabei, als sich Deutschlands Spitzenpolitiker in der Dresdner Frauenkirche trafen, um in einem Gottesdienst den Tag der Deutschen Einheit zu feiern. Und sie war dabei, als rechte Pöbler das Verlassen der Kirche zum Spießrutenlauf machten.

Der Vorsitzenden des Vereins "Dresden - Place to be!", der sich für die Integration von ausländischen Wissenschaftlern und inzwischen auch Flüchtlingen kümmert, ist Fassungslosigkeit anzuhören, Abscheu. Und der Wille, sich das viele Gute nicht kaputtmachen zu lassen, das sie erlebt.

Ich habe die Politiker am Ausgang mit verabschiedet, dann ging die Kirchentüre auf. Und ein Höllenlärm brach los. Die Leute schrien, pfiffen mit Trillerpfeifen. Es war einfach schrecklich. Unwürdig. Wo bleibt da die Menschenwürde?

Es war deprimierend

Ich hatte im Gottesdienst meine Lebensgeschichte, einer Frau die sich aus dem Westen kommend hier integriert hat, vorgestellt. Mir klang diese wunderschöne Orgelmusik noch in den Ohren. Und dann das. Es war deprimierend.

Das hat die deutsche Kultur nicht nötig. Es ist verstörend, sicher nicht kreativ.

Da wird gegen den Islam geschrien und gefordert, dass man die christliche Kultur erhalten muss - und dann grölt und schreit man Kirchgängern die widerlichsten Wörter entgegen.

Als ich die Kirche später verlassen habe, standen die pöbelnde Menge immer noch da. Die Polizei hat am Absperrzaun eine Linie gebildet, ein Polizist am anderen. So haben sie uns dann seitlich hinausgeleitet.

Alles unter der Gürtellinie


Die Pöbler haben weiter geschrien. Was, das will ich nicht wiederholen. Das war alles unter der Gürtellinie.

Aber eine karibische Band stand nicht weit von den Grölenden entfernt. Auf der einen Seite das dumpfe Gepöbel, daneben die karibische Band, die Fröhlichkeit ausgestrahlt hat, die Leute, die getanzt haben.

Dresden ist eine so tolle, kreative Stadt. Es gibt viele Künstler. Das macht die Stadt lebenswert. Es tut weh, wenn dann in der Presse alles gleichwertig nebeneinander steht, das Gepöbel und das Wunderschöne.

Dresden ist eine so tolle Stadt


Es ist so eine unglaubliche Aufbauarbeit geschafft worden in Dresden. Es ist traurig, wenn diese Leistung nicht gesehen wird.

Zwei Tage lang hat es ein riesengroßes Fest gegeben, mit Infos, Tanz und Gesang. Wir haben Tango auf der Straße getanzt, denn wir wollen ein weltoffenes Dresden zeigen, Flüchtlinge haben mitgetanzt.

Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Polizei die Pöbler so nahe an die Kirche heranlassen würde. Erfahrungen mit Pegida aber haben wir.

Ich brauchte viel Mut


Als wir unseren Verein "Dresden - Place to be" 2014 gegründet haben, sollte es nur was ganz Kleines sein. Wir wollten es den Wissenschaftlern, die aus aller Welt herkamen, leichter machen, mit Paten. Und wir wollten, dass Dresden im Wettbewerb um die besten Köpfe bestehen kann.

Ein halbes Jahr später kam dann Pegida. Wir waren geschockt und haben spontan unsere Arbeit auf Flüchtlinge ausgeweitet, weil die bürgerliche Mitte so ruhig war. Im Januar 2015 haben wir das Konzert mit Herbert Grönemeyer für Weltoffenheit und Toleranz initiiert, zusammen mit den Kulturschaffenden Dresdens.

Dazu brauchte ich dann viel Mut. Wir wurden von Pegida bedroht. Wenn wir nicht sofort aufhören würden, würde was passieren. Viele Dresdner haben sich auf unsere Seite gestellt. Und ein Anwalt hatte Tag und Nacht sein Handy in der Tasche, um uns kostenlos zu helfen.

Es ist paradox. Da schreien sie was von Lügenpresse - und wären ohne die Presse, die über ihr Geschrei berichtet, doch gar nichts.

Pegida, das ist eine Minderheit. Gestern kamen viele aus ganz Deutschland. Dresden wird benutzt.

Früher wurde in der Schule hier gelehrt, dass im Krieg nur Dresden zerstört wurde. Dass auch Westdeutschland in Schutt lag, wollten die meisten gar nicht glauben, als ich es ihnen aus eigener Erfahrung erzählt habe. Diese Einstellung prägt wohl.

Wir lassen uns nicht unterkriegen


Aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Und deshalb haben wir das Weltoffene Dresden beim Fest vorgestellt. Man kämpft. Aber ist auch ein bisschen hilflos.