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"Ich habe keine Angst vor einer antisemitischen Welle - ich sorge mich um die Demokratie"

07/11/2016 12:17 CET | Aktualisiert 08/11/2017 11:12 CET
Fabrizio Bensch / Reuters

In vielen Umfragen heißt es, der Antisemitismus in Deutschland wachse seit Jahren. Da muss man jedoch genau hinsehen und unterscheiden zwischen Antisemitismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft und Antisemitismus unter den muslimischen Einwanderern.

Was die deutsche Mehrheitsgesellschaft betrifft, glaube ich nicht, dass er wächst, nur dass er sich heute offener artikuliert.

In jeder Gesellschaft suchen Unzufriedene einen Schuldigen

Jede demokratische Gesellschaft hat zehn bis zwanzig Prozent Menschen, die unzufrieden sind und Schuldige dafür suchen.

Es sind Menschen, die glauben, sie kämen zu kurz - oder die meinen, ihr Leben würde von irgendwelchen äußeren Mächten bestimmt. Menschen, die keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen und keine konstruktive Sicht auf die Dinge entwickeln.

Übrigens funktioniert das bei Muslimen, die Israel-Hass und Antisemitismus demonstrieren, genauso. Sie wollen sich nicht eingestehen aus Diktaturen zu stammen, die ihre Bevölkerung erniedrigen, wofür die Bevölkerung aufgrund falscher moralischer Werte aber auch eine Mitverantwortung trägt.

Erfolgreiche Minderheiten sind ideale Projektionsfiguren

Sie sind anfällig für Hass und Verschwörungstheorien. Erfolgreiche Minderheiten wie die Juden sind für sie ideale Projektionsfiguren.

Manche grenzen sich völkisch ab und finden ihr Forum in der AfD und der Pegida. Aber auch die links eingestellten unter den Unzufriedenen schlagen antisemitische Töne an, wenn sie sich zum Beispiel gegen „Wallstreet", die amerikanische Allianz mit Israel oder die angebliche „jüdische Lobby" wenden.

Plötzlich trafen sich die Unzufriedenen in der AfD

Es gibt solche Menschen auch in den demokratischen Parteien.

Solange zum Beispiel der rechtsreaktionäre Flügel in der CDU eingebunden war, wurde er unter der demokratischen Mehrheit ruhig gehalten. Dann kam die Sozialdemokratisierung durch Angela Merkel. Durch diese Verschiebung sind die Unzufriedenen am rechten Rand plötzlich freigesetzt und treffen sich in der AfD.

Ich sorge mich um die Demokratie

Deshalb glaube ich, dass ein Teil des Hasses, auch wenn er lauter als früher antisemitische Töne birgt, keinen wirklichen Anstieg an Antisemitismus bedeutet. Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist jedenfalls nicht gestiegen.

Letztlich habe ich keine Angst, dass es eine antisemitische Welle geben könnte. Wohl aber sorge ich mich angesichts der Radikalisierungen unter den Unzufriedenen um die Demokratie.

Man muss allerdings aufpassen, dass Juden nicht durch die mediale Auseinandersetzung mit Antisemitismus als bedrohte Gruppe ausgesondert werden - und damit wirklich Grund zur Angst bekommen.

Mich erschüttert, was viele über das Judentum denken

Mich erschüttert, dass viele meinen, Judentum sei gleichbedeutend mit Antisemitismus und Schoah; mich ärgert, dass viele nicht die geringste Ahnung vom Judentum als eine lebendige Kultur und Tradition haben.

Da zieht sich schon etwas in mir zusammen, wenn Leute mit verquasten Fragen kommen, ob es stimmt, dass alle Juden reich seien - oder ob die Juden so leiden müssen, weil sie Jesus nicht als Messias anerkennen.

Ich finde es regelrecht belästigend, wenn ich zum Beispiel einen Vortrag über die erste Rabbinerin der Welt, Regina Jonas (1902 Berlin - 1944 Auschwitz) halte, über die ich ein Buch geschrieben habe und die mich inspiriert hat, selbst Rabbinerin zu werden - und mich dann jemand aus dem Publikum fragt: „Wie stehen Sie zur Politik Israels?"

Ich versuche da, höflich zu bleiben und klarzumachen, dass Israel nicht mein Thema ist. Offen gestanden weiß ich zu wenig über die israelische Gesellschaft in ihren inneren politischen Struktur, ihre sicherheitspolitischen Erfordernisse und die tatsächliche Situation in den Palästinensergebieten, um von hier aus etwas Richtiges sagen zu können.

Ich mag es auch nicht, wenn mir von außen mit gut gemeinten Ratschlägen mein Leben als Jüdin in Deutschland vorgeschrieben werden soll.

Mehr zum Thema: "Irre, wer sich da gegen Juden zusammengeschlossen hat"

Ich freue mich, wenn mich jemand etwas zum Judentum fragt, wenn jemand zum Beispiel wissen will, was es mit dem Schabbat auf sich hat. Bei solchen Fragen erkenne ich aber auch, wie wenig die Leute über das Judentum wissen.

Die Kinder müssen das Positive am Judentum kennenlernen

Die Kinder müssten hierüber viel mehr in der Schule lernen - und ihr Wissen über Juden nicht nur auf die Schoah beschränken. Sie müssen das Positive, die Traditionen kennenlernen, sie müssen hören, wie stark das Judentum Europa geprägt hat, wie viel das Christentum dem Judentum zu verdanken hat.

Auch wünsche ich mir, dass in den Medien Deutschland stärker als ein multireligiöses Land dargestellt wird.

Als sich ein ZDF-Moderator im Dezember mit den Worten verabschiedet hat "Ich wünsche allen Zuschauern schon jetzt schon ein gesegnetes Weihnachtsfest", da war ich beleidigt. Wir Juden hatten gerade unser Hanukkah-Fest - doch sprach der Moderator offenbar nur die christlichen Zuschauer an.

In den Niederlanden, wo ich lange gelebt habe, sind gute Wünsche zu Festen verschiedener Religionen selbstverständlich.

Manchmal erlebe ich aber auch in Deutschland Situationen der Offenheit. Ein Edeka-Laden am Frankfurter Ostbahnhof hat eine koschere Abteilung eingerichtet.

Ich fragte die Verkäuferin zunächst fast ein wenig verlegen danach. Aber sie zeigte mir das Angebot ganz selbstverständlich und fragte, ob ich denn lieber einen koscheren Wein aus Israel oder aus Frankreich haben wolle.

Ich fand es toll, wie sie die jüdischen Wörter aussprach. Ich fühlte mich dabei als Teil einer Gesellschaft, für die Juden genauso wenig Fremde sind, wie für mich Christen. So sollte die jüdische Zukunft in Deutschland beschaffen sein.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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