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"Ich habe keine Angst vor einer antisemitischen Welle - ich sorge mich um die Demokratie"

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SYNAGOGUE GERMANY
Fabrizio Bensch / Reuters
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In vielen Umfragen hei├čt es, der Antisemitismus in Deutschland wachse seit Jahren. Da muss man jedoch genau hinsehen und unterscheiden zwischen Antisemitismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft und Antisemitismus unter den muslimischen Einwanderern.

Was die deutsche Mehrheitsgesellschaft betrifft, glaube ich nicht, dass er w├Ąchst, nur dass er sich heute offener artikuliert.

In jeder Gesellschaft suchen Unzufriedene einen Schuldigen

Jede demokratische Gesellschaft hat zehn bis zwanzig Prozent Menschen, die unzufrieden sind und Schuldige daf├╝r suchen.

Es sind Menschen, die glauben, sie k├Ąmen zu kurz - oder die meinen, ihr Leben w├╝rde von irgendwelchen ├Ąu├čeren M├Ąchten bestimmt. Menschen, die keine Verantwortung f├╝r ihr Leben ├╝bernehmen und keine konstruktive Sicht auf die Dinge entwickeln.

├ťbrigens funktioniert das bei Muslimen, die Israel-Hass und Antisemitismus demonstrieren, genauso. Sie wollen sich nicht eingestehen aus Diktaturen zu stammen, die ihre Bev├Âlkerung erniedrigen, wof├╝r die Bev├Âlkerung aufgrund falscher moralischer Werte aber auch eine Mitverantwortung tr├Ągt.

Erfolgreiche Minderheiten sind ideale Projektionsfiguren

Sie sind anf├Ąllig f├╝r Hass und Verschw├Ârungstheorien. Erfolgreiche Minderheiten wie die Juden sind f├╝r sie ideale Projektionsfiguren.

Manche grenzen sich v├Âlkisch ab und finden ihr Forum in der AfD und der Pegida. Aber auch die links eingestellten unter den Unzufriedenen schlagen antisemitische T├Âne an, wenn sie sich zum Beispiel gegen ÔÇ×Wallstreet", die amerikanische Allianz mit Israel oder die angebliche ÔÇ×j├╝dische Lobby" wenden.

Pl├Âtzlich trafen sich die Unzufriedenen in der AfD

Es gibt solche Menschen auch in den demokratischen Parteien.

Solange zum Beispiel der rechtsreaktion├Ąre Fl├╝gel in der CDU eingebunden war, wurde er unter der demokratischen Mehrheit ruhig gehalten. Dann kam die Sozialdemokratisierung durch Angela Merkel. Durch diese Verschiebung sind die Unzufriedenen am rechten Rand pl├Âtzlich freigesetzt und treffen sich in der AfD.

Ich sorge mich um die Demokratie

Deshalb glaube ich, dass ein Teil des Hasses, auch wenn er lauter als fr├╝her antisemitische T├Âne birgt, keinen wirklichen Anstieg an Antisemitismus bedeutet. Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist jedenfalls nicht gestiegen.

Letztlich habe ich keine Angst, dass es eine antisemitische Welle geben k├Ânnte. Wohl aber sorge ich mich angesichts der Radikalisierungen unter den Unzufriedenen um die Demokratie.

Man muss allerdings aufpassen, dass Juden nicht durch die mediale Auseinandersetzung mit Antisemitismus als bedrohte Gruppe ausgesondert werden - und damit wirklich Grund zur Angst bekommen.

Mich ersch├╝ttert, was viele ├╝ber das Judentum denken
Mich ersch├╝ttert, dass viele meinen, Judentum sei gleichbedeutend mit Antisemitismus und Schoah; mich ├Ąrgert, dass viele nicht die geringste Ahnung vom Judentum als eine lebendige Kultur und Tradition haben.

Da zieht sich schon etwas in mir zusammen, wenn Leute mit verquasten Fragen kommen, ob es stimmt, dass alle Juden reich seien - oder ob die Juden so leiden m├╝ssen, weil sie Jesus nicht als Messias anerkennen.

Ich finde es regelrecht bel├Ąstigend, wenn ich zum Beispiel einen Vortrag ├╝ber die erste Rabbinerin der Welt, Regina Jonas (1902 Berlin - 1944 Auschwitz) halte, ├╝ber die ich ein Buch geschrieben habe und die mich inspiriert hat, selbst Rabbinerin zu werden - und mich dann jemand aus dem Publikum fragt: ÔÇ×Wie stehen Sie zur Politik Israels?"

Ich versuche da, h├Âflich zu bleiben und klarzumachen, dass Israel nicht mein Thema ist. Offen gestanden wei├č ich zu wenig ├╝ber die israelische Gesellschaft in ihren inneren politischen Struktur, ihre sicherheitspolitischen Erfordernisse und die tats├Ąchliche Situation in den Pal├Ąstinensergebieten, um von hier aus etwas Richtiges sagen zu k├Ânnen.

Ich mag es auch nicht, wenn mir von au├čen mit gut gemeinten Ratschl├Ągen mein Leben als J├╝din in Deutschland vorgeschrieben werden soll.

Ô×Ę Mehr zum Thema: "Irre, wer sich da gegen Juden zusammengeschlossen hat"

Ich freue mich, wenn mich jemand etwas zum Judentum fragt, wenn jemand zum Beispiel wissen will, was es mit dem Schabbat auf sich hat. Bei solchen Fragen erkenne ich aber auch, wie wenig die Leute ├╝ber das Judentum wissen.

Die Kinder m├╝ssen das Positive am Judentum kennenlernen

Die Kinder m├╝ssten hier├╝ber viel mehr in der Schule lernen - und ihr Wissen ├╝ber Juden nicht nur auf die Schoah beschr├Ąnken. Sie m├╝ssen das Positive, die Traditionen kennenlernen, sie m├╝ssen h├Âren, wie stark das Judentum Europa gepr├Ągt hat, wie viel das Christentum dem Judentum zu verdanken hat.

Auch w├╝nsche ich mir, dass in den Medien Deutschland st├Ąrker als ein multireligi├Âses Land dargestellt wird.

Als sich ein ZDF-Moderator im Dezember mit den Worten verabschiedet hat "Ich w├╝nsche allen Zuschauern schon jetzt schon ein gesegnetes Weihnachtsfest", da war ich beleidigt. Wir Juden hatten gerade unser Hanukkah-Fest - doch sprach der Moderator offenbar nur die christlichen Zuschauer an.

In den Niederlanden, wo ich lange gelebt habe, sind gute W├╝nsche zu Festen verschiedener Religionen selbstverst├Ąndlich.

Manchmal erlebe ich aber auch in Deutschland Situationen der Offenheit. Ein Edeka-Laden am Frankfurter Ostbahnhof hat eine koschere Abteilung eingerichtet.

Ich fragte die Verk├Ąuferin zun├Ąchst fast ein wenig verlegen danach. Aber sie zeigte mir das Angebot ganz selbstverst├Ąndlich und fragte, ob ich denn lieber einen koscheren Wein aus Israel oder aus Frankreich haben wolle.

Ich fand es toll, wie sie die j├╝dischen W├Ârter aussprach. Ich f├╝hlte mich dabei als Teil einer Gesellschaft, f├╝r die Juden genauso wenig Fremde sind, wie f├╝r mich Christen. So sollte die j├╝dische Zukunft in Deutschland beschaffen sein.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen ├╝ber Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut l├Ąuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie pr├Ągen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie f├╝hlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Fl├╝chtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gel├Âst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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