Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Elisa Gratias Headshot

Die Einstellung, die unsere Welt retten kann

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NYE PARTY
JGI/Jamie Grill via Getty Images
Drucken

Meine Freundin Maria ist zu einer Restauranteröffnung eingeladen, wo sich die Reichen und Schönen Mallorcas tümmeln. Sie nimmt mich mit.

Ich freue mich über die Gelegenheit, mich mal so richtig herauszuputzen.

Als ich jedoch mit meinen hohen Absätzen über den Schotterparkplatz zum Eingang stolpere, bekomme ich Lampenfieber.

Es ist eine andere Welt. Ich komme aus der stinknormalen Mittelschicht und saß vor ein paar Tagen noch mit anderen Freunden, die auf dem Bau arbeiten, Bier aus Büchsen trinkend in einer mallorquinischen Bucht. Da kenne ich die Gepflogenheiten.

Aber hier. Keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Redet man einfach mit jedem? Was, wenn jemand bekannt ist und ich ins Fettnäpfchen trete?

Dank meiner Selbstliebe-Bücher (das ist nur halb ironisch gemeint) spreche ich mir (in Gedanken) liebevoll zu und gehe intuitiv direkt zur Bar. Ein Gläschen Weißwein schadet nie.

Meine Freundin trifft Bekannte. Darunter eine Dame, von der sie mir bereits erzählt hatte, dass sie Millionärin ist und ein angesehenes Design-Geschäft besitzt. Maria stellt mich vor. Es stellt sich heraus, dass die Frau auch Deutsche ist. Ein Small-Talk entsteht und ich habe Angst, meine Freundin zu blamieren.

Zu meiner Überraschung macht die Millionärin - sie heißt Hanna - einen ziemlich bodenständigen Eindruck und meint, sie würde bei den kleinen Häppchen, die serviert werden, nie satt werden. Ich gestehe ihr, dass es mir genauso geht und wir schlagen beide jedes Mal zu, wenn ein Kellner mit dem Tablett an uns vorbeikommt.

Maria muss für ihre Arbeit Kontakte knüpfen. Am Anfang wackle ich ihr wie ein Dackel hinterher und komme mir blöd vor. Irgendwann bleibe ich einfach an der Bar stehen.

Nach dem dritten Glas Wein entspanne ich mich langsam. Ich fühle mich plötzlich wohl, denn es scheint irgendwie keiner auf mich zu achten. Also beobachte ich die Menschen ein wenig.

Nach einer Weile gesellt sich Hanna zu mir. Sie ist richtig sympathisch. Wir kommen ins Gespräch.

Da jeder sie kennt, dauert es nicht lange, bis eine kleine Gruppe wildfremder und sehr künstlich wirkender Menschen um uns herum steht. Ein schwules Designer-Pärchen regt sich über einen fiesen Artikel, der in der Presse über sie erschienen war, auf.

Hanna dreht sich zu mir und sagt auf Deutsch, dass sie die Presseleute nicht verstehe. Ob sie denken, die anderen hätten keine Gefühle. Das Pärchen tut ihr leid. Der Journalist verstand sich beim Treffen mit den beiden wohl sehr gut, sodass so viel Boshaftigkeit sie noch mehr traf.

Aus Reflex streichle ich Hanna an der Schulter, um sie zu trösten. Wir sehen uns in die Augen und plötzlich beginnt sie zu weinen. Ich nehme sie in den Arm.

Sie erzählt von ihrer Kindheit, ihren Eltern, die ihr nie zeigten, was Liebe ist. Sie sagt zu mir: „Wenn doch jeder anderen Menschen mit so offenem Herzen begegnen würde wie du." Ich bin gerührt und überrascht von einer so intensiven Begegnung, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte.

Am Ende des Abends fahren Maria und ich Hanna nach Hause. Wie drei Freundinnen, die sich seit Ewigkeiten kennen.

Als ich nachts im Bett liege, kann ich nicht schlafen.

Mir fällt auf, wie ungerecht die Welt auch den Reichen gegenüber ist.

Wie ungerecht wir, die Nichtreichen, gegenüber den Reichen sind.

Wir verhalten uns wie ein arroganter Penner, wie ich sie zuhauf in der Pariser Metro traf und hasste. Sie stellten sich vor einen und verlangten Geld, als wäre es meine heilige Pflicht ihnen welches zu geben, weil ich eben mehr hatte.

Wie oft stellen wir uns erhobenen Zeigefingers hin und verlangen, dass die Reichen doch endlich ihren Reichtum teilen und abgeben, weil sie eben mehr haben als wir?

Wie diese Menschen sich fühlen, was sie für Probleme oder Schmerzen erleiden, interessiert keinen. Wer reich ist, darf nicht unglücklich sein. Und wenn er es trotzdem ist, dann ist er sowieso selbst Schuld und darf nicht darüber reden. Und dann beschweren wir uns, dass sie so künstlich wirken.

Und gibt es nicht auch viele Wohlhabende, die sehr großzügig sind, während viele Mittelständler, die im Vergleich zu den meisten anderen Menschen der Welt auch schon sehr reich sind, doch eigentlich selbst alles, was sie verdienen und haben, für sich behalten wollen?

Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die ein erfülltes Leben haben und mit sich im Reinen sind, automatisch mit anderen teilen möchten und dies auch tun.

Also sagte ich mir halb im Scherz, dass ich eine Hilfsorganisation für die Reichen gründen möchte. Die Aufgabe soll sein, sich diesen Menschen liebevoll zuzuwenden und sich für ihre Gefühle und Bedürfnisse zu interessieren. Ihre Seele zu heilen.

Nun wirst du sagen, dass die sich doch einfach einen Therapeuten nehmen können.

Doch ich denke, dass es vor allem darum geht, dass jemand sich für sie als Mensch interessiert, ohne dass sie diese Person bezahlen müssen.

Bisher versuchen wir die Probleme der Welt zu beheben, indem wir uns nur den materiell Armen und Bedürftigen zuwenden. Den Wohlhabenden mit einem Mangel an aufrichtigem Interesse und Menschlichkeit in ihrem Umfeld widmet sich keiner.

Es ist Zeit, umzudenken!

Wie wäre es, wenn wir aufhörten zu glauben, es wäre die Pflicht der Reichen, die Welt zu retten, während wir uns nicht an die eigene Nase fassen.

Jeder Menschen kann seinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten, egal wie viel er besitzt. Was leistest du? Es muss doch keine Spende sein. Du kannst auch Mitgefühl, Interesse und Zeit geben. Anstatt die Verantwortung denen in die Schuhe zu schieben, die mehr haben als du.

Schluss mit Urteilen und Forderungen und Tür auf zu einer neuen Zeit der liebevollen Begegnung unter Menschen.

Dann können Wunder geschehen. Dessen bin ich mir sicher.

Wie ist deine Meinung zu diesem Thema? Schreibe mir einen Kommentar. Ich bin gespannt.

Sei es dir wert.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.