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Warum das Fernbleiben von der #NichtMitUns-Demo am Samstag das beste Zeichen gegen den Terror war

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FRIEDENSMARSCH
Sascha Schuermann via Getty Images
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Unter den etwa 1000 Teilnehmern von #NichtMitUns waren augenscheinlich wenig Muslime.

Einige behaupten, dass Muslime die Chance, "ein Zeichen gegen Terror zu setzen" vertan haben. Ich sehe das anders.

Am Samstag war ich unter denjenigen, die sich versammelt haben, um "ein Zeichen gegen Terror zu setzen". Doch ich teile die Botschaft dieser Veranstaltung nicht. Ganz im Gegenteil, ich denke, dass dieser Slogan stigmatisierend ist.

Ich bin bei #NichtMitUns mitgelaufen. Nicht weil ich mich als gläubige Muslimin verpflichtet fühlte, "ein Zeichen gegen Terror" zu setzen, wie die Organisatoren der Veranstaltung es behaupten. Nein, das finde ich absurd.

Wir tun seit Jahren mehr als nur ein Zeichen zu setzen

Gegen Mord, Vergewaltigung, Folter oder gegen Korruption, Einbruch, Entführung setzt man keinen Zeichen. Man handelt. Man bestraft, man verhindert, man geht vor.

Auch gegen Terror brauchen die Muslime kein "Zeichen zu setzen". Die deutlichsten Zeichen gegen abscheuliche Straftaten aller Art werden rechtlich gesetzt.

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Übrigens, mehr als "Zeichen setzen" tun die Muslime seit Jahren mit ihrer Basisarbeit. In den Moscheegemeinden tun sie genau das, was eine Anti-These zum Terror darstellt: Sie leben einen gemäßigten, friedlichen Islam und leisten ihren gesellschaftlichen Beitrag.

Extremisten jeglicher Couleur finden keinen Platz in ihren Reihen. Für diejenigen Muslime, die in einer Moscheegemeinde sozialisiert sind, ist "Extremismus" ein Fremdwort. Doch das scheint nicht zu genügen.

Ich empfinde den Legitimationsdruck, den "Geht-auf- die-Straßen- und-zeigt- uns-ob- ihr-gute- Muslime-seid"-Druck entwürdigend.

Nicht weil man gegen den Terror protestieren muss, sondern weil diese Forderung explizit an die Muslime gerichtet ist.

Ich muss mich nicht unter Beweis stellen

Mit den Terroristen habe ich gar keine Gemeinsamkeiten. Sie werden nicht von meinen lautstarken Slogans beeinflusst. Ich kann sie mit meinen Plakaten nicht überzeugen, ihre Menschlichkeit wiederzufinden.

Zwischen denen und mir gibt es keine Kommunikationskanäle, keine Sprache, keinen
gemeinsamen Nenner. Wenn ich ein "Zeichen" setze, werden sie diese ignorieren.

Warum soll ich "mich", meine Persönlichkeit, nochmal unter Beweis stellen müssen, nur weil einige meine bisherige, selbstverständliche Position nicht ausreichend finden?

Warum soll ich die Behauptungen derer als eine Grundlage für meine Handlung nehmen, die denken, dass die muslimische Gemeinschaft den Terror "nicht stark genug" verneint?

Deshalb haben so wenige Muslime an der Demo teilgenommen

Unter den etwa 1000 Teilnehmern von #NichtMitUns sah man also überwiegend Nicht- Muslime. "Zeichen setzen" sollten eigentlich die Muslime, so war es von den Organisatoren geplant.

Sie rechneten eigentlich mit zehnmal mehr Teilnehmern. Die geringere Teilnahme an der Demo heißt nicht, dass die Mehrheit der Muslime kein "Zeichen gegen Terror" setzt. Doch sie sind so souverän, dass sie sich gar nicht in dieser Rechtfertigungsposition sehen.

Mehr zum Thema: Es waren die schlimmsten 90 Minuten meines Lebens - wie ich den Anschlag vor der Londoner Moschee erlebte

Somit zeigen Muslime, dass sie diese entwürdigende "Seid-ihr- wirklich-gegen- Terror?"-Skepsis nicht ernst nehmen. Für die Muslime bringen

Terrorangriffe das Fass zum Überlaufen. Nebenbei dieser ständige Druck, dass sie sich nach jedem Terroranschlag wieder neu positionieren müssen, obwohl auch sie Ziel von Terroranschlägen sind, ist für sie ungerecht.

Terror abzulehnen, ist selbstverständlich

Die geringere Teilnahme seitens der Muslime war auch eine Message an die Organisatoren, aber auch an die Mehrheitsgesellschaft: "Wir sind selbstverständlich gegen Terror. Aber wir sind auch gegen den Zwang, der nach jedem Terroranschlag entsteht. Wir müssen uns nicht jedes Mal neu positionieren.

Wir müssen uns unserer Gesellschaft, unseren Mitmenschen nicht jeden Tag neu vorstellen und unsere Standpunkte neu vermitteln. Wir müssen uns nicht gegenüber Anderen beweisen, als ob wir eine Bringschuld hätten.

Wir müssen auch nicht unsere Nachbarn und unsere politischen Vertreter von Selbstverständlichkeiten überzeugen, in dem wir lautstark "Nein zum Terror" rufen. Terror abzulehnen, ist schon selbstverständlich.

Von uns wird erwartet, klarzustellen, dass wir keine Terroristen sind

Die Erwartung an Muslime, "sich gegen Terror" zu positionieren, wird von Lamya Kaddor interessanterweise vertreten. Sie stellt den Menschen, die sich gegenüber diesem Rechtfertigungszwang skeptisch äußern, folgende Frage: "Brauchen wir auch keine Demos gegen Rechts?"

Zu dieser Aussage eine Klarstellung: Für die Demos gegen Rechts werden nicht explizit einige Gruppierungen genannt, die sich beweisen oder gar vom rechtsextremistischem Gedankengut distanzieren müssen.

Den Kirchen zum Beispiel werden keine Forderungen gestellt, "sie sollen sich endlich klar gegen Rechts positionieren". Anti-Rassismus- Demos werden als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen.

Bei #NichtMitUns ist es nicht so. Hier wird explizit von Muslimen erwartet, dass sie klarstellen müssen, dass der Terror "ohne sie" verwirklicht wird.

Die geringe Teilnahme ist kein Grund zur Schadenfreude

Deswegen wurden die großen islamischen Verbände explizit dazu aufgerufen. Deswegen war die Enttäuschung dementsprechend groß, als sie diesen ablehnen.

Interessant ist, dass diejenigen, die sich skeptisch gegenüber der Demo äußern, nach Ansicht der offiziellen Twitter-Seite von #NichtMitUns "die Konsequenzen tragen müssen". Somit wird angenommen:

"Wer an der Demo teilnimmt, ist gegen Terror. Wer nicht, ist nicht stark genug dagegen und trägt Konsequenzen." Genau diese Stigmatisierung ist abzulehnen. Genau deswegen nahmen viele Muslime -meiner persönlichen Einschätzung nach- an der Demo nicht teil.

Mehr zum Thema: "Türkische Hochzeiten sind größer als die Demo": Medien kritisieren Friedensmarsch der Muslime

Wir brauchen klare Signale, die unser friedliches Zusammenleben verstärken. Die Muslime genau nach einem Terroranschlag zum Protest aufzurufen und falls sie dieses nicht machen, sie als "nicht-stark-positionierende-potenzielle- Terror-Unterstützer" zu stigmatisieren, ist genau das, was wir nicht brauchen.

Ich bin mir sicher, dass die Organisatoren und Mitläufer der Veranstaltung ihren eigenen Beitrag leisten wollen und dass sie keinerlei böse Absichten haben.

Die geringere Teilnahme ist kein Grund zur Schadenfreude, sie muss nur richtig verstanden werden.

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