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Die Erdoganisierung des Abendlandes

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ERDOGAN
Getty
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Als ich das erste Mal anfing Deutsch zu lernen, hatte mich das Wort „differenziert" einfach fasziniert. Ich konnte es nicht direkt ins Türkische übersetzen. So etwas gab es auf Türkisch nicht. So was gab es, meiner Einschätzung nach, auch nicht in der türkischen politischen Kultur.

Ich habe jedoch zunehmend die BefĂĽrchtung, dass die deutsche Ă–ffentlichkeit, gerade wenn es um Erdogan geht, dem tĂĽrkischen Beispiel folgt. Leider.

Deutschlands Erdogan-Liebe

„Erdogan" wurde in den letzten fünf Jahren in Deutschland häufiger gegoogelt als „Gauck" und häufiger als das Wort „Demokratie". Im Ländervergleich wurde er, nach der Türkei und Aserbaidschan, am häufigsten in Deutschland gegoogelt. Deutschland steht also mit seiner Erdogan-Such-Liebe auf Rang Drei.

Es ist kein Scherz, aber Martin Schulz fordert „von Erdogan", dass er Deniz Yücel freilässt. Als wäre Yücel im Keller Erdogans in Gefangenschaft.

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In der Sendung von Maybritt Illner war ein Bild zu sehen, auf dem Deniz Yücel hinter den Gittern ist und Erdogan mit den Schlüsseln in der Hand vor der Zelle steht. Die AKP-Politiker seien Politiker Erdogans, als wäre es gang und gäbe, Politiker über ihre Staatspräsidenten zu definieren.

Man fliegt in Erdogans Türkei, als ob er die Menschen höchstpersönlich am Flughafen empfängt.

Man verwendet Erdogan als ein pejoratives Adjektiv in Deutschland. Ein Präfix für alles Negative. Dadurch misst man ihm eine unnahbare Position bei. Unveränderbar. Unüberzeugbar. Unantastbar.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass man auf eine gewisse Weise all die Probleme von seiner Existenz abhängig macht und somit lediglich sein Verschwinden, sogar seinen Tod als eine endgültige Lösung betrachtet. Sehr destruktiv.

Erdogan, Erdogan, Erdogan, Erdo...

In den Talkshows, in Zeitungsartikeln, auf dem Podium wird die Frage gestellt, wie viel Erdogan unser Land verträgt. Diskutiert wird, wie lang der Arm Erdogans reiche. Wie mächtig er sei und wie gefährlich. Es wird über Erdogans Flüchtlingsdeal gesprochen. Über Erdogans Wahlkampf. Über Erdogans Imame.

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Ich muss zugeben: Es war sehr naiv von mir, dass ich in meinem vorherigen Artikel „Erdogan ist überall" geschrieben habe. Nein, Erdogan ist nicht nur überall.

Wir haben ihn in Deutschland schon regelrecht verinnerlicht. Er ist zu einem ständigen Teil unserer politischen Diskurse geworden. Wir leben gerade in einem „erdoganisierten" Land. Er hat „unser" Land endlich erobert. Er bestimmt „unsere" Agenda. Er dominiert „unsere" innerparlamentarischen Diskussionen im Land- und Bundestag.

Man hat eine bequeme Konstruktion von ihm geschaffen. Diese Konstruktion dient den Politikern verschiedenster Couleur fĂĽr alle Zwecke.

Die deutschen Politiker sind im Rennen, diesem postmodernen „Sultan" endlich eine klare Kante zu zeigen. Die Kanzlerin wird beauftragt, Erdogan zu zeigen, wer der eigentliche Boss ist. So pathetisch, so undifferenziert.

Einst gab es eine heterogene türkische Community in Deutschland. Jetzt ist sie homogenisiert und erdoganisiert: Jetzt ist der/die Türke/Türkin entweder Anhänger oder Gegner Erdogans. Mehr nicht.

Die deutsche Doppelmoral

„Erdogan", das Unwort in Deutschland, produziert aber nicht nur eine Hysterie, sondern legt auch eine Doppelmoral offen. Man kann Sisi nicht als einen verlässlichen Partner für Deutschland ansehen und gleichzeitig Erdogan wegen den Menschenrechtsverletzungen in der Türkei kritisieren.

Man kann Erdogan wegen der fehlenden Presse- und Meinungsfreiheit nicht beschuldigen und dann ein Redeverbot für die türkischen Minister erteilen. Man kann die politische Partizipation der Türkeistämmigen in Deutschland nicht nur dann unterstützen, wenn diese der Meinung der deutschen Mehrheitsgesellschaft entsprechen.

Man kann den Druck auf Andersdenkende in der Türkei nicht beanstanden, wenn man in Deutschland selbst den Andersdenkenden, nämlich denjenigen, die beim Referendum mit einem „Ja" abstimmen werden, einer Art Gesinnungstest unterstellt.

Wenn hier in Deutschland einige türkischstämmige Bürger gar Angst haben, als „Erdogan-Anhänger" bezeichnet zu werden, also als Anhänger eines klar nicht sehr großartigen, aber doch legalen, offiziellen Präsidenten eines Landes, dann darf man die Verfolgung politischer Oppositioneller in der Türkei nicht kritisieren.

So tritt man in Deutschland selber die eigenen Thesen, eigenen Prinzipien und eigenen Werte mit den FĂĽĂźen. So machen sich die deutschen Politiker unglaubwĂĽrdig. So wird eine undifferenzierte politische Kultur geschaffen. Und so kann man das Land im Handumdrehen erdoganisieren, in dem man alles, was man zuvor kritisierte, einfach selbst umsetzt.

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