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Erdoğan ist überall: Wie die Deutschen ihre Erdoğan-Obsession überwinden können

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN
Baz Ratner / Reuters
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In der Türkei ist mittlerweile eine neue Online-Tradition entstanden. Besonders im Ekşi Sözlük schreibt man am Ende des Kommentars: „PS: Ich bin kein AKPler". Somit versucht man, im Vorfeld klarzustellen, dass man objektiv und nicht aus der Brille einer ideologischen Einstellung heraus kommentiert.

Dasselbe werde ich hier tun: Nein, ich bin keine AKPlerin und keine Erdoğan-Anhängerin. Nur weil ich eine religiöse Türkin bin, nur weil ich Böhmermanns Aussagen über Erdoğan erbärmlich finde, nur weil ich eine differenzierte Perspektive in Sachen „Erdoğan" fordere, und schließlich nur, weil ich mich gegen den Militärputsch am 15. Juli einsetze und eine transnationale „Sowohl-als-auch-Identität" befürworte, heißt das nicht automatisch, dass ich ein „Erdoğan"-Fan bin.

"Scheiß Erdoğans, geht nach Istanbul zurück"

Aber auch wenn ich eine leidenschaftliche „Erdoğan-Anhängerin" wäre, sollte dies eigentlich kein Problem darstellen. Tut es aber. Inzwischen ist „Erdoğan" ein Schimpfwort in Deutschland. Man identifiziert Erdoğan-Anhänger sofort, wenn Menschen vor einem Bildungszentrum der Gülen-Bewegung randalieren, als ob sie am Kragen ein Bild von Erdoğan tragen. Die Imame, die aus der Türkei gekommen sind, oder richtiger: „Erdoğans Imame", werden direkt aus der Tasche von Erdoğan bezahlt.

Die türkische Community in Deutschland, die seit Jahren nicht geschafft haben, sich in der Weise zu integrieren, wie es sich Frauke Petry wünscht, warten auf ein Fingerschnipsen von Erdoğan, um die deutschen Straßen zu besetzen. Erdoğans Ideologie, Erdoğans Statthalter, Erdoğans Sprachrohr, Erdoğans Türkei, Erdoğans Herrschaft, Erdoğans Diktatur, Erdoğans langer Arm... Erdoğan ist da, Erdoğan ist dort. Erdoğan ist überall.

Sogar die drogenabhängige Nachbarin meiner Freundin schreit „Scheiß Erdoğans, geht nach Istanbul zurück", als sie in Begleitung von Polizisten in Haft genommen wird, nachdem sie die Familie meiner Freundin bedroht und beleidigt hatte. Als eine deutsche Urlauberin am Schwarzen Meer im Radio eines Taxis die Stimme Erdoğans hörte, fordert sie den Fahrer dazu auf, das Radio auszuschalten.

Erdoğan ist eine Form von Beleidigung geworden

Erdoğan ist eine Form von Beleidigung geworden. Eine Projektionsfläche für alte Vorurteile. Ein unsterblicher Gegner. Er ist alles, wofür es im europäischen Raum keinen Platz gibt. Mal ist er der Türke, der sich in deutsche Gesellschaft nicht integrieren lässt und in einer „Parallelgesellschaft" lebt.

Mal ist er der Macho, der ständig seine Frau schlägt, seine Tochter zum Kopftuch zwingt und sie vom koedukativen Schwimmunterricht abmeldet. Mal ist er der Nordafrikaner, der in der Sylvester-Nacht deutsche Frauen belästigt. Mal ist er der Sultan, der Europa zu erobern versucht. Komplexe Dynamiken, die für die sozialen oder politischen Prozesse entscheidend sind, werden ausgeblendet. Die einzige Erklärung für alles Übel auf der Welt ist: Erdoğan.

Noch schlimmer: Nach dem man so ein großes Feindbild geschaffen hat, scheint es völlig legitim zu sein, jemanden als „Erdoğan-Anhänger" zu stigmatisieren und ihm dann seiner Rechte zu berauben. Das Wort „Erdoğan" hat eine bezaubernde Funktion auf die deutsche Gesellschaft. Wenn „Erdoğan" ausgesprochen wird, dann ist die Sache klar. Auslandsimame? - Eigentlich holen auch andere Religionsgemeinschaften ihre Geistlichen aus dem Ausland, aber es ist halt dieser gefährliche Erdoğan, da muss man intervenieren.

Meinungsfreiheit? -Wenn jemand seine Meinung über die türkische Politik sagt und Erdoğan mehr oder weniger lobt, ist dies keine freie Meinungsäußerung mehr, sondern Erdoğan-Propoganda, die verboten gehört. Versammlungsfreiheit? - Demonstranten, die sich hinter Erdoğan stellen, sind der verlängerte Arm Erdoğans, denen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden sollte.

Erdoğan dient als ein Lackmuspapier für die deutsche Öffentlichkeit. Deutsche Politiker, die kein einziges Wort über die 200 von Putschisten getöteten Zivilisten verlieren, sorgen sich plötzlich um die Putschisten.

Deutsche Politiker, von denen kein Ton zu hören ist, wenn es um Menschenrechtsverletzungen in Ägypten, afroamerikanische Opfer von rassistischer Polizeigewalt in den USA oder die ungerechte Wasserverteilung zwischen Israel und Palästina geht, sind bei Erdoğan auf einmal lupenreine Hüter der vielbeschworene „europäischen Werte". Man badet im Becken der selbstdefinierten „Wertegemeinschaft" und bildet sich etwas drauf ein, dass man ja Europäer ist -zumindest wenn es um Erdogan geht.

Verharmlosung des Putsches

Wenn ich behaupte, dass die Meinungen der türkeistämmigen Erdoğan-Unterstützer in den deutschen Medien nicht fair wiedergegeben werden, dann spreche ich nicht von „Lügenpresse". Nein, so funktionieren die Medien nicht. Hinter Medien stecken ganz normale Menschen, die das politische Geschehen aus ihrer persönlichen Perspektive betrachten und womöglich auch Vorurteilen ausgesetzt sind.

Die Journalisten können an ihren eigenen Überzeugungen festhalten. Es ist sogar wahrscheinlich, dass sie an einer anderen Perspektive einfach nicht interessiert sind. Einige deutsche Journalisten sind sich häufig sicher, dass dieser böse Mann es nicht wert ist, um die eigene Perspektive in Frage zu stellen.

Jedoch laufen die Diskussionen innerhalb der türkischen Community anders als es in deutschen Medien dargestellt wird. Der Türkeistämmige, der sowohl deutsche als auch türkische Medien rezipiert, merkt sofort, dass ein Sachverhalt in den deutschen und den türkischen Medien unterschiedlich reflektiert wird. Er sieht, was in der Türkei passiert ist und wie dies hier in Deutschland interpretiert wird. Somit entsteht ein geistiger Abgrund zwischen „dort" und „hier".

Wie können Deutsche ihre Erdoğan-Obsession überwinden?

In deutschen Medien werden die Aufnahmen der Straßenkameras aus Istanbul und Ankara nicht gezeigt. Auch nicht die Bombardierungen des türkischen Parlaments. Die Deutschen schicken sich nicht gegenseitig Videos zu, in denen zu sehen ist, wie Bomben und Panzer die zivile Bevölkerung überrollen. Und die meisten Deutschen haben auch keine Verwandten in der Türkei und müssen daher nicht erleben, wie sie nach einer Whatsapp-Nachricht von Verwandten, in der „Gerade gab es eine Explosion" steht, keine Verbindung mehr zu den Verwandten aufbauen können und bis die Verbindung wieder steht tausend Tode sterben.

Die Türkeistämmigen aus Deutschland haben die Massaker der Nacht vom 15. Juli Sekunde für Sekunde verfolgt. Mehr noch: Weil Urlaubszeit war, haben sich viele Türken aus Deutschland in den Straßen von Istanbul und Ankara den zivilen Putschgegnern angeschlossen und standen in vielen Fällen ganz vorne.

Für so eine Person grenzt die Haltung von jemandem aus Deutschland, der ein paar Auszüge aus den Nachrichtenagenturen gelesen hat und zum Schluss gekommen ist, das alles sei nur Theater, an nicht auszuhaltende Verbohrtheit.

Viele Türkeistämmige empfinden die versuchte Diskreditierung der Putschgegner und Verharmlosung des Putsches als ermüdend und abstoßend. Sie erwarten Respekt gegenüber Menschen, die durch die Panzer, Bomben und Schüsse getötet wurden. Sie erwarten bedingungslose Solidarität mit den Hinterbliebenen, bevor die deutschen Politiker ihre Bedenken über die menschenrechtliche Lage in der Türkei äußern.

Sie sind sensibilisiert und gehen auf die Straßen, nicht weil sie sich gerne für die türkische Politik einsetzen und „Erdoğan-Propoganda" betreiben wollen, sondern weil sie fest davon überzeugt sind, dass die Türkei die einzige Alternative für sie ist, falls sie eines Tages in Deutschland Schlimmeres als in Solingen erfahren müssen. Die Türkei ist ein sicherer Hafen für die Türkeistämmigen in Deutschland, die tagtäglich in der Schule, auf der Arbeit diskriminiert und in den Medien als „Integrationsverweigerer" oder als „Islamisten" dargestellt werden.

Genau in diesem Grund ist es unerträglich für diese Menschen, dass manche ihrer Schulfreunde und Arbeitskollegen fast schon enttäuscht sind, dass der Putsch misslungen ist.

Ein unbewaffneter Zivilist, der in seinen Händen die türkische Flagge hochhält und sich vor einen Putschisten-Panzer stellt, ist kein „Erdoğan-Anhänger", sondern jemand, der sein Leben riskiert, um sein Land vor der Gefahr eines demokratiefeindlichen Militärputsches zu beschützen.

Wie können Deutsche ihre Erdoğan-Obsession überwinden? Die Antwort ist simpel: Ideologische Brille absetzen und einfach versuchen, die Sachen nicht durch ein selbst-inszeniertes Horrorszenario zu erklären, sondern durch Vernunft. Menschen, die in den deutschen Straßen türkische Flaggen schwenken, protestieren nicht, weil Erdoğan ihnen einen Auftrag gegeben hat. Auslandsimame sind nicht in Deutschland, weil Erdoğan sie nach Deutschland geschickt hat. Hier spielen viele andere Faktoren eine wesentlich größere Rolle.

Viele werfen den AKPlern immer wieder vor, sie würden blind auf Erdoğan hören und seine Forderungen unreflektiert befolgen. Doch tun viele Deutsche nicht das gleiche, wenn die liebe Medienfee spricht?

Der Putschversuch in der Türkei wird sehr kontrovers diskutiert. Es gibt die unterschiedlichsten Meinungen und Analysen zu den Hintergründen. Alle Beiträge dazu findet ihr hier.

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