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Das steckt dahinter, wenn Männer Frauen die Welt erklären

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DISCUSSION WORK
Thomas Barwick via Getty Images
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Mansplaining ist ein relativ neuer Begriff, der derzeit durch die Medienwelt zieht, und das Phänomen benennen soll, dass Männer Frauen ungefragt die Welt erklären.

Die taz etwa spricht von einer "männlichen Unart", und auch die Zeit.de widmet dem Phänomen: "Wenn Männer Frauen die Welt erklären" einen Artikel.

Als Sexualtherapeut hinterfrage und erforsche ich seit 2014 aktiv, welche Auswirkungen geschlechterrollenbasiertes Denken auf die menschliche Seele hat.
Seitdem habe ich mir angewöhnt, die geschlechtsgebundene Zuschreibungen von menschlichen Verhaltensweisen kritisch zu hinterfragen und zu schauen, welche menschlichen Regungen und Bedürfnisse sich dahinter verbergen.

Nun, Mansplaining ist wieder eines dieser Phänomene, bei denen es sich lohnt, die gewohnte Geschlechterrollen-Brille abzusetzen und zu schauen, welche menschlichen Bedürfnisse eigentlich hinter einem bestimmten, vermeintlich typisch männlichen, oder auch typisch weiblichen Verhalten stecken.

Mansplaining ist wieder eines dieser Phänomene, bei denen es sich lohnt, die gewohnte Geschlechterrollen-Brille abzusetzen


X- plaining, also Besserwisserei, entlarvt sich bei genauerer Betrachtung als eine Bewältigungsstrategie von Menschen, die sich unterlegen oder/ und hilflos fühlen, und entfaltet sich dann dort, wo ein Mensch sich noch an sichersten fühlt und er/ sie noch am ehesten mit Rückhalt rechnen kann. Da unterscheiden sich Männer und Frauen vom Verhalten her in keiner Weise. Lediglich die Schauplätze sind, bedingt durch immer noch tradierte Zuschreibungen von Geschlechterrollen, verschieden.

So erhalten Männer (noch) den größeren Rückhalt in der Außenwelt Beruf, Business, Wirtschaft, während Frauen (noch) in der "Innenwelt" das Sagen haben, zu der nicht nur Heim und Familie, sondern auch der Bereich der Emotionalität gehört.

Hier ergeht es dann vielen Männern nicht anders als vielen Frauen eben auch in der Arbeitswelt.
Ich habe, im Zuge der Arbeit an meinen Buch
Männliche und weibliche Erregungskurven - Plädoyer für eine sexuelle Selbstbestimmung jenseits von Scham und Rollenklischee
einmal Männer befragt, warum sie eigentlich schweigen. Frauen gegenüber, aber eben auch untereinander.

Ein Gefühl von Ungleichheit, fehlender Wertschätzung und Hilflosigkeit

Letzteres wurde erst gar nicht beantwortet, aber es gab mehrere Antworten, die im Bereich Emotionalität gegenüber Frauen ein Gefühl von Unterlegenheit ohne wirklich legitime Grundlage, fehlender Wertschätzung und daraus folgend ein Gefühl der Hilflosigkeit beschreiben.

So antwortete ein Mann z.B. sinngemäß:

„Wenn jedes Wort, das ich sage, falsch ist und ich befürchten muss, seelische Prügel zu beziehen, dann schweige ich lieber. Dann fallen die Prügel weniger doll aus. Oft habe ich auch das Gefühl, absichtlich missverstanden zu werden. Und dann wäge ich natürlich jedes Wort genau ab. Wer will da noch reden? Gibt es für so etwas überhaupt Lösungen? Männer schweigen doch oft, um sich selbst zu schützen.

Ich glaube auch, dass das Schweigen bei Männern noch zunehmen wird. Schließlich ist es das einzige, womit ein Mann sich heute noch schützen kann gegen jede Art von seelischer Grausamkeit. Und ich finde es heutzutage auch wichtig, dass ein Vater seinem Sohn 'richtiges' Schweigen beibringt. Also ein Gefühl dafür zu kriegen, wann man besser nichts sagt. Und sich um des lieben Friedens willen zurückzuhalten.

Ein junger Mann würde heute sonst ins offene Messer laufen. Dank der Emanzipation sind Mädchen heute darauf trainiert, den Gutgläubigen auszunutzen. Wenn ein Vater seinen Sohn darauf nicht rechtzeitig vorbereitet, wird dieser definitiv einen Knacks in der Seele kriegen, der sich gewaschen hat."

Ganz so, wie es die Frau im aktuellen Artikel der Zeit.de aus ihrer Arbeitswelt beschreibt: "´Mir wurde klar, dass sie mich nicht als Gleiche unter Gleichen betrachten - sondern offenbar als ein junges Dummchen, dem Mann etwas erklären muss´, sagt sie. Mehr noch: Sie sah sich mit einem Legitimationsproblem konfrontiert. Denn trotz der formal höheren Hierarchieposition wurde ihr diese Stellung innerhalb der Gruppe nicht zugestanden." ist dort zu lesen.

Ebenso wie der Mann in meiner Umfrage erlebt sie Hilflosigkeit und das Gefühl fehlender Wertschätzung.

Infolge eines Gesellschaftssystems geraten Männer und Frauen in Rollen, in denen sie keine Wertschätzung in ihrer Ganzheit mehr erfahren.

Aus meiner Sicht schließt sich hier ein Teufelskreis, der vielleicht erst erkennbar wird, wenn wir die Geschlechterrollen-Brille abnehmen und hinterfragen, welche Auswirkungen für die menschliche Seele diesen Rollen immanent ist:

Infolge eines Gesellschaftssystems geraten Männer und Frauen in Rollen, in denen sie keine Wertschätzung in ihrer Ganzheit mehr erfahren. Das führt zu den Gefühlen von fehlender Wertschätzung und von Hilflosigkeit in den Bereichen, die traditionell dem jeweils anderen Geschlecht zugeordnet werden. Emotionaler Ausgleich wird dann dort gesucht, wo ein Mensch sich sicherer und machtvoller fühlt.

Traditionell sind das bisher (noch) für Männer die Arbeitswelt, und für Frauen (noch) Heim, Haus Familie und eben Emotionalität. Hier findet die anderorts erlebte Hilflosigkeit oder fehlende Wertschätzung ihre Genugtuung im X-plaining.

X-plaining kommt aber auch unter Menschen gleichen Geschlechts vor - eben immer dort, wo Gefühle von fehlender Wertschätzung kompensiert werden sollen.

Eine geschlechtsgebundene Zuordnung von Klugscheisserei, wie wir sie im Begriff "Mansplaining" vorfinden, ist somit kaum etwas anderes als ebenfalls Klugscheisserei, und führt letztlich lediglich zu einer weiteren Runde im Karussell eines bereits ewig währenden Geschlechterkrieges. Das können wir natürlich weitertreiben.
Aber wir müssen es nicht.

Manchmal reicht es, einfach die Brille abzunehmen.

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