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Sind männliche und weibliche Erregungskurven wirklich verschieden?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SEX
Tom Merton via Getty Images
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"Frauen brauchen etwa 25 Minuten, Männer knapp 5 Minuten
von der ersten Erregung bis zum Orgasmus.
"

oder auch:

"Frauen [haben] eine langsamere und flachere Erregungskurve als Männer und [benötigen] daher länger, bis der sexuelle Höhepunkt erreicht ist."

Viele Menschen haben traditionell das Bild von der nur langsam erregbaren Frau und dem allzu leicht erregbaren Mann tief verinnerlicht. Beinahe scheint es als unumstößliches biologisches Naturgesetz die Rahmenbedingungen zu markieren, innerhalb derer sich Männer und Frauen sexuell begegnen. Es wurde uns ja auch immer wieder vermittelt:

„Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass mit nur geringen Ausnahmen die Frauen instinktiv der sexuellen Vereinigung widerstehen. „ hieß es z.B. 1961 noch im Ehehandbuch „Liebe ohne Furcht - eine offene Einführung in das Liebesleben" über die Sexualität der Frau. Und bereits 1945 erfuhren z.B. wir von dem Psychoanalytiker Theodore Reik (The Psychologie of Sex Relations) über die Männer: Der rohe Sexualtrieb ist eine biologische Notwendigkeit, die vom Instinkt herkommt. (...) Wenn er sehr erregt ist, braucht er eine augenblickliche Entladung."

Seit den 1960ern sind zum Glück einige Jahre vergangen.

Doch obwohl es auch wissenschaftlich längst nicht mehr haltbar ist, erscheint es vielen Menschen immer noch als naturgegeben, dass Frauen schwerer erregbar sind als Männer. Daran änderten bis heute zahlreiche Veröffentlichungen auch namhafter Sexualforscher, die dies widerlegen, nichts:

Kinsey (1948 und 1953), Masters und Johnson (1966), Shere Hite (1976), Daniel Bergner (2014), und viele Andere haben das Bild von der unterschiedlichen Erregbarkeit von Mann und Frau überzeugend in Frage gestellt.

Dennoch halten die meisten Menschen lieber am Gewohntem fest, und die Populärwissenschaft bietet dazu den nötigen Halt. Die Errungenschaften der sexuellen Revolution der 1960er und der Frauenbewegung der 1970er und 80er Jahre scheinen fast vergessen: Bücher z.B. über das weibliche und männliche Gehirn verfestigen mit inzwischen kaum mehr haltbaren Thesen die tradierten Rollenbilder vom jagenden Mann und der das Feuer hütenden Frau.

Und so kommt es uns bis heute als völlig normal vor, wenn wir hören:

„Die meisten Frauen brauchen, um zum Höhepunkt zu kommen, ein Vorspiel. Die sexuelle Reaktion der Frau verläuft anders als die des Mannes."

Solche Aussagen fußen fraglos auf immer wiederkehrenden Beobachtungen.

Und die Konsequenz daraus scheint klar zu sein: Bereits bevor es überhaupt zu ersten sexuellen Begegnungen kommt, haben wir gelernt, was wir zu erwarten, und wie wir zu haben:

„Frauen brauchen eine Extraportion Aufmerksamkeit, der Mann muss sich mehr Zeit nehmen, mehr einbringen, sich der Frau anpassen und sich zurücknehmen." heißt es immer wieder in den Textantworten in einer von mehreren anonymen Umfragen, die ich seit November 2014 durchgeführt habe.

Wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung bestätigt sich häufig, was wir erwarten.
Viele Menschen finden innerhalb dieses Rahmens durchaus auch Erfüllung und sexuelle Identifikation.

Noch mehr Frauen und Männer allerdings leiden unter der Enge dieser Rollenbilder, fühlen sich unsicher und misstrauen den eigenen sexuellen Impulsen ebenso wie denen ihrer PartnerInnen.

In drei Umfragen
haben mir insgesamt über 700 Teilnehmer Antworten gegeben auf die Fragen: Was sind Deine eigenen Erfahrungen? Stimmt dieses „Naturgesetz" der unterschiedlichen Erregbarkeit von Männern und Frauen? Immer?

Oder gibt es auch Unterschiede in verschiedenen Situationen: Mit dem eigenen Partner, der Affäre, bei der Selbstbefriedigung, bei verschiedenen Praktiken usw.?

Und wieweit beeinflusst dieses Männer- und Frauenbild, was wir erwarten, was wir fühlen und wie wir handeln? Was würde sich verändern, wenn wir das nicht glaubten?

Dabei hat mich vor allem interessiert, inwieweit die Befragten den obigen Aussagen allgemein zustimmen, und ob dies auch mit ihrem persönlichen Erleben übereinstimmt.

In der dritten und inhaltlich umfangreichsten Umfrage hatte ich deshalb um die Angabe der jeweils kürzesten und längsten erlebten Zeit von der ersten Erregung bis zum Höhepunkt gebeten.

Hier die Ergebnisse dieser anonymen Internetumfrage mit insgesamt 290 Teilnehmern (192 Frauen, 90 Männer, sowie 8 Teilnehmern, die sich keinem der beiden biologischen Geschlechtern eindeutig zugehörig fühlen), die im Kern die beiden vorigen Umfragen bestätigt:

Erregungskurven lassen sich nicht nach Geschlechtern zuordnen!
Vielmehr sind sich Männer und Frauen im Durchschnitt überraschend ähnlich!

Die Umfrage ergab:
Während Männer mit 2,5 Stunden durchschnittlich länger Sex erleben und sich längeren Sex wünschen als Frauen (längste erlebte und auch gewünschte Zeit bei den Frauen: im Durchschnitt 1h40min) , gibt es im durchschnittlichen Bereich der „erlebten" (Männer: 6min16sek; Frauen: 6,min29sek) und der „gewünschten" Mindestzeit keine wirklichen Unterschiede zwischen Männern (26min40sek) und Frauen (22min42sek).

Wenn es nicht die Geschlechtszugehörigkeit ist, die über schnelle oder langsamere Erregung entscheidet - was ist es dann?

Mehrere Sexualforscher und Sexualtherapeuten (darunter David Schnarch und Ann Marlene Henning) weisen auf das Zusammenwirken der genitalen, bzw. physiologischen Erregungskurve und einer emotionalen Erregungskurve hin.

Auf den Ablauf der genitalen Reflexe nimmt die emotionale Erregung Einfluss, d.h., sie kann die Reflexe verzögern, beschleunigen oder auch unterdrücken.

Aus diesem Grund habe ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meiner Umfrage auch darüber befragt, inwieweit verschiedene Gefühlslagen in verschiedenen Situationen den Erregungsverlauf beschleunigen, verzögern, oder gar die Erregung zum Erliegen bringen können.

Und hier zeigen sich eindeutige Unterschiede. Wenn auch Männer traditionell gelernt haben, weniger stark emotional zu reagieren als Frauen, gibt es letztlich kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern, aber eine deutliche Trennlinie zwischen verschiedenen Gefühlslagen, so, dass sich festhalten lässt:

Unterschiedliche Erregungskurven haben nichts mit Geschlechtern zu tun, sondern mit Gefühlen!

Vertrauen (für 77% der Frauen und 56% der Männer:) und Lust ( für 96,5% der Frauen und 89% der Männer) beschleunigen und intensivieren sexuelle Erregung für Männer, stärker aber noch für Frauen.

Geilheit beschleunigt die Erregung für 93,5% der Männer und 89% der Frauen deutlich.

Eindeutig auf der anderen Seite der Trennlinie finden sich folgende Gefühlslagen, die die Erregung verzögern oder sie ganz zum Erliegen bringen:

Angst bremst für 92% der Frauen und 88% der Männer die Erregung klar aus. Bei Unlust verzögert sie sich für 96% der Frauen und 90% der Männer. Mit Misstrauen sinkt die Erregung für 96% der Frauen und 85% der Männer deutlich.

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer schrieben, sie fühlten sich angesichts der unterschiedlichen sexuellen Rollenbilder im Bett verunsichert und dem Druck ausgesetzt, bestimmten Erwartungen an männliches oder weibliches Verhalten zu entsprechen oder dieses zu unterdrücken, um mit dem Partner/der Partnerin erfüllende Sexualität erleben zu können.

Ausgleichend wirkt sich da bei etwa einem Viertel aller Antwortenden aus, sich anonym zu fühlen:

Für 27% der Männer und 25% der Frauen steigt die Erregung dabei. 48% von den Männern und 58% von den Frauen vergeht die Erregung allerdings, wenn es zu anonym zugeht.

Fast ein Drittel aller Antwortenden stimmen dem Bild der unterschiedlichen Erregbarkeit von Mann und Frau zwar zu, wünschten sich aber, es wäre anders.

Vielen Menschen fällt es sicherlich leichter, sich mit dem Glauben an die unterschiedliche Erregbarkeit der Geschlechter zu arrangieren, als den Gefühlen nachzuspüren, die einer erfüllenden Sexualität möglicherweise im Wege stehen. Dabei könnte sich das lohnen:

Immerhin 45 Prozent halten das Bild unterschiedlicher Erregbarkeit für unzutreffend.

In dieser Gruppe scheint sexuelle Identifikation stärker über das Selbstempfinden zu entstehen. Hier findet sich in den Textantworten häufiger eine Betonung von Eigenverantwortung für das sexuelle Erleben, und auch mehr Bewusstheit für das körperliche und emotionale Erleben während sexueller Begegnungen wird spürbar.

Aus diesen Antworten klingt eine größere Vielfalt sexuellen Erlebens in Zeit, Intensität und Vorlieben an.

Sicherlich sind die Ergebnisse zahlenmäßig noch nicht repräsentativ und taugen erst recht nicht dazu, Gesetzmäßigkeiten festzustellen. Das ist auch gar nicht das Ziel dieser Umfrage und meines inzwischen erschienenen Buches "Männliche und weibliche Erregungskurven", das unter anderem die hier vorgestellten Ergebnisse enthält.

Vielmehr will ich mit dieser Umfrage, wie auch mit dem Buch eine Diskussionsgrundlage dazu schaffen, die in ihrer Festlegung ja ohnehin schon brüchig gewordenen Geschlechterrollen noch weiter zu hinterfragen.

Ich denke nicht, dass dabei das „erotisierende Spiel von männlich und weiblich" aufgegeben werden muss. Im Gegenteil! Mehr Bewusstheit ermöglicht ja überhaupt erst einen spielerischen Umgang mit Rollen. Und mehr Bewusstheit wäre wichtig!

Denn unabhängig davon, ob die Befragten dem tradierten Bild männlicher und weiblicher Erregbarkeit allgemein zustimmen, oder ob sie es für allgemein unzutreffend halten, gibt es eine klare Tendenz hin zu der Ansicht, dass ein Mann sich in sexuellen Begegnungen „auf die Wünsche und auf die Geschwindigkeit Frau einstellen sollte". Das finden Männer ebenso wichtig wie Frauen. Darüber hinaus erkennen auch viele Frauen für sich selbst die Wichtigkeit, ein gutes und vertrauensvolles sexuelles Selbstbild zu entwickeln, sich und ihren Körper gut zu kennen.

Anders sieht es da bisher leider bei Männern aus:
Für die meisten Frauen und Männer scheint es wenig Bedeutung zu haben, dass Männer sich und ihren Körper gut kennen, oder dass sie ein gutes vertrauensvolles Bild ihrer eigenen Sexualität entwickeln. Das ist schade!

Ein älterer Mann sagte mir, er habe erst mit Ende fünfzig festgestellt, dass seine Brustwarzen erogene Zonen sind. Das mag auch damit zu tun haben, dass Männern in unserer Gesellschaft allgemein wenig Körper- und Gefühlsbewußtsein vermittelt wird, und dass auch das oft misstrauisch beäugt wird, wenn Männer sich mit ihrer eigenen Sexualität beschäftigen.

Das tradierte Misstrauen sitzt tief:

„Wohin soll das führen, wenn Männer nun auch noch dazu ermuntert werden sollen, ungehindert das zu tun, worauf sie Lust haben?" fragte mich jüngst eine dreißigjährige Frau.

Eine Blitzumfrage, die ich nach der obigen Auswertung zusätzlich und abschließend noch durchgeführt habe, ergab, dass nicht nur Frauen, sondern tatsächlich auch Männer selbst, männlicher Sexualität spürbar weniger Vertrauen entgegenbringen als der Weiblichen!

Ich frage mich aber, woher Männer die Fähigkeit nehmen sollen, sich auf eine/n PartnerIn einzulassen, wenn sie sich und ihren eigenen Körper selbst kaum kennen, und ihrer eigenen, ihrer männlichen Sexualität nicht trauen?

Darum wünsche mir nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer eine offene, gerne auch kritische, aber nicht auf Misstrauen eingeengte, liebe- und freudvoll zugewandte Sicht auf männliche, ebenso wie auf weibliche Sexualität.

Ein wichtiger Schritt dahin wäre es, schnellere oder langsamere Erregungkurven als das zu erkennen, was sie sind:

Eine Ausdrucksebene von Gefühlen. Und Gefühle sind nicht geschlechtsspezifisch.

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Dieser Artikel enthält Auszüge aus dem Buch
"Männliche und weibliche Erregungskurven - Ein Plädoyer für eine sexuelle Selbstbestimmung jenseits von Scham und Rollenklischee", Eilert Bartels, Mai 2016