BLOG

Bauen wir die Stadt der Zukunft

12/04/2017 18:05 CEST | Aktualisiert 12/04/2017 18:05 CEST
Daniel Viñé Garcia via Getty Images

Städte genießen weltweit enorme Glaubwürdigkeit. Warum adaptieren wir nicht endlich die Portalkonzepte der Ubers, AirBnBs oder Amazons und bauen die digitale Stadt der Zukunft? Aus Wutbürgern würden Wohlfühlbürger. Teilhabe, Basisdemokratie und lokale Wertschöpfung, eingebettet in digitale Prozesse, könnten entscheidend helfen, das Gespenst der Ungleichheit zu verscheuchen.

Metaphern sollte man nicht überstrapazieren. Dass sich ein disruptives, weltumspannendes Instrument wie das Internet dafür besonders eignet, liegt auf der Hand. Deswegen debattieren wir seit einiger Zeit beispielsweise über ein Internet der Energie und das Internet der Mobilität.

In den meisten Fällen, wo auf die Epochalmetapher Internet zurückgegriffen wird, geschieht das, um in einem generalisierten Bild auf etwas hinzuweisen, dass auf einen markanten Veränderungsprozess hinweist. Wenn wir "Internet von XY..." sagen, dann meinen wir, dass (digitale) Vernetzung in einem System auf unseren Märkten Einzug halten wird. Selten gehen solche Metaphorisierungen jedoch über intuitive Vernetzungsphantasien hinaus.

Stadt 2.0 als Gegenmittel zu Populismus und Ungleichheit

Bei dem Thema, wie wir in Zukunft städtisches Leben organisieren können, lässt sich das Bilder vom Internet der Urbanität deutlich konkreter fassen. Und: Was unter der Entwicklung von neuen Vernetzungs- und Portalisierungsstrukturen in den nächsten Jahren in den Städten tatsächlich passieren könnte, hat womöglich sehr konkrete Auswirkungen auf drängende Probleme in unserer aktuellen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Situation.

Städte waren schon immer Treibhäuser des Wandels

Städte galten schon immer als die Inkubatoren des Neuen, von Trends und Provokation. Städte waren oft auch die in Beton gegossenen Labore von Freiheit, Befreiung und Emanzipation. Hinzu kommt, dass Städte jetzt und natürlich in der Zukunft die Powerhäuser für wirtschaftliches Wachstum sein werden.

Laut dem "Global Metro Monitor" sorgen mittlerweile die 300 wirtschaftlich am schnellsten wachsenden Städte für fast die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Ein Drittel dieser Städte gehört zu den Wachstumstreibern ihrer jeweiligen Länder.

Wichtiger ist vielleicht aber noch, dass Städte - in einer von Krisen und Unberechenbarkeit gekennzeichneten Weltlage - für viele Menschen ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit haben. Während nur noch einer von fünf amerikanischen Bürgern (Stand vor der Trump-Wahl) der Regierung vertraut, glauben drei Viertel von ihnen, dass ihre Stadtoberhäupter die richtigen Entscheidungen treffen.

Mit anderen Worten: Städte könnten dort Vertrauen und lebensweltliche Vertrautheit zurückgeben, wo unsere Gesellschaft von Ungleichheit und Abstiegsängsten gekennzeichnet ist. Städte, in denen Entscheidungen nach wie vor sehr autonom getroffen und rasch umgesetzt werden können, könnten in der Zukunft ein wichtiges Soziotop sein, um den verunsicherten Menschen wieder Vertrauen in sich selbst und politische Prozesse zu geben.

Von Uber lernen - aber richtig

Eine tragende Rolle könnte dabei - und damit komme ich wieder auf die Internet-Metapher zurück - die Idee der digitalen Portale spielen. Das Personenbeförderungsportal Uber ist momentan das Lieblingsbeispiel, um zu zeigen, wie sich komplexe Abläufe in unserem Mobilitätsverhalten automatisieren und kostengünstig umgestalten lassen.

Uber hat sich zum Ziel gesetzt, mithilfe seines digitalen Portals, auf dem sich gigantisch viele Menschen tummeln, die Personenbeförderung nachfragen oder selbst als Personenbeförderer (mit eigenem PKW) agieren wollen, Fortbewegung radikal neu zu organisieren.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Schaut man ein bisschen genauer in das Geschäftsmodell von Uber, stellt man indes fest, dass dort arbeitende Menschen aber eigentlich gar nicht mehr vorgesehen sind, wenn denn dann tatsächlich in den nächsten Jahren das autonome Fahren marktfähig würde.

Wir können es nun als moralisch fragwürdig abkanzeln, dass der digitale Kapitalismus zwar an der Beförderung von Menschen Geld verdienen möchte, Menschen mit ihren hergebrachten Berufsprofilen (der klassische, schlecht bezahlte Taxifahrer) aber die kalte Schulter zeigt.

Ich plädiere dafür, dass wir uns die Portalideen à la Uber, AirBnB, Facebook, Whatsapp etc. einmal etwas genauer anschauen. Dabei fallen Facetten ins Augen, die unser Leben in der Stadt radikal umkrempeln könnte. Wie gelangen wir von der seelenlosen Mechanik des Uber-Geschäftsmodells in die Zukunft unserer Lebensräume?

Die Sprache von Politik und Verwaltung versagt - Digitalisierung schafft neue Kommunikationshorizonte

Die Wahl in den USA hat, vereinfacht gesagt, gezeigt, dass es einen tiefen Stadt-Land-Gegensatz gibt. Die Liberalen leben in den Städte, doch der autoritäre Populist Trump wurde vor allem von der Landbevölkerung gewählt. Die gleichen Verhältnisse beim Brexit: 75 Prozent der Bürger Londons stimmten „remain".

Längst wissen wir, was den Menschen häufig fehlt und was ihre Anfälligkeit für den Populismus befeuert, ist das Gefühl, nicht in Entscheidungen einbezogen zu sein. Beklagt wird immer wieder die mangelnde individuelle Ansprache, mit der es gelingt, auch komplexe Vorgänge zu erklären. Letzteres ist den Menschen in digitalen Zeiten jedoch seit Jahren über die Nutzung von Smartphones und Apps vertraut.

Die erste Anforderung an einen städtischen Soziotop der Zukunft lautet deshalb: "Sprich so persönlich und wirksam zu mir, wie es in der digitalen Welt längst möglich ist; vernetze mich mit anderen, mit Institutionen, Dienstleistungen und Märkten - und das am besten in Realzeit.

Aber was hat das nun mit der Stadt der Zukunft zu tun? In der Stadt der Zukunft könnten - ja: müssen - diese Instrumente im lokal-städtischen Rahmen fruchtbar gemacht werden.

Die moderne Stadt als digitales Portal - ein Tor zu neuen Bindungen

Dieses "Matching", diese auf den ersten Blick recht technische „Ermöglichung" von Kommunikationen könnte in der Stadt der Zukunft bei bürokratischen Prozessen stattfinden (was in Ansätzen schon der Fall ist). Es könnte jedoch ungleich stärker als bislang vor allem auch bei politischen Entscheidungsprozessen stattfinden (mehr Partizipation, online und offline).

Mehr zum Thema: Daimler und Bosch wollen den Straßenverkehr mit Robotertaxis revolutionieren

Und mehr noch: Die Stadt der Zukunft sollte umgehend die Chancen nutzen, die die digitalen Portalemodelle von AirBnB, Uber etc. bereits seit längerem "ausformuliert" haben und umsetzen. Sie basieren darauf, dass Dienstleistungsabläufe in hohem Maße digital definiert werden (dezentraler, personalisierter, tendenziell raum- und zeitunabhängig) und aufgrund des hohen Automatisierungsanteils auf null Grenzkosten zulaufen.

Digitalportale wie TaskRabbit (smarte Dienstleistungen), Craigslist (digitales Schwarzes Brett), Skype/WhatsAppWeChat (persönliche Kommunikation) haben eigentlich bereits eine Blaupause dafür entwickelt, wie es aussehen könnte, wenn in modernen Städte und Kommunen in den kommenden Jahren neue Kommunikationsformen für Gesundheit, Erziehung und natürlich auch für Verwaltung - technisch in erster Linie auf Software basierend - aufgebaut werden.

Ein Anfang dafür kann schon dadurch gemacht werden, dass die große (aber natürlich auch die kleinen und cleveren Städte) den ersten Schritt machen und digitale Portale im Rahmen ihrer Städte nach dem Vorbild der Technologieriesen entwickeln. Das Verbot von Uber unter anderem in Barcelona oder Austin (Texas) hat dort innerhalb kürzester Zeit dazu geführt, dass lokale Uber-Alternativen aus dem Boden schossen.

Digitale Portale verbinden niedrige technologische Zugangshürden mit einem globalen, einfachen Nutzer-Zugang und individueller Lokalisierbarkeit von Dienstleistungen. Sie sind leicht zu kopieren, was die Beispiele aus Barcelona, Austin und selbst auch im Indonesischen Jakarta bestätigen.

Mit dem AirBnB-Modell städtischen Wohnraum neu organisieren

In einem weiteren Schritt könnten diese digitalen Leuchtturm-Städte - im Sinne einer White-Label-Strategie - damit beginnen, die Konzepte der Ubers, TaskRabbits, AirBnBs etc. auf lokaler Ebene „nachzubauen" und für Interessierte zur Verfügung zu stellen. Jobvermittlung findet künftig dann auf städtischer Ebene nach dem Modell Craigslist oder TaskRabbit statt. Wohnraumvergabe und moderne touristische Angebote würden à la AirBnB gesteuert, wobei - anders als beim realen AirBnB - die Einnahmen vor Ort bleiben.

Mehr zum Thema: SPONSORED BY NISSAN

Diese fünf genialen Ideen machen unsere Städte sauberer und lebenswerter

Wenn sie sich auf die Digitalisierung der Kommunikation einlassen, können insbesondere Städte in den kommenden Jahren zu Keimzellen einer lokalen Neuorganisation werden. Sie sind einflussreich genug, um politischen Einfluss innerhalb eines Landes, einer Region auszuüben und überschaubar genug, um den Menschen das Gefühl zurückzugeben, Veränderungsprozesse aktiv mitgestalten zu können.

Warum den Technologiegiganten das Geschäft überlassen?

Sind auf diese Weise erste Modelle geschaffen und Prototypen entwickelt worden, lassen sich schnell weitere Zukunftsthemen finden, die in den kommenden Jahren zu lokal-digitalen Portalen ausgebaut werden könnten. Ich nenne nur Urban Farming, Müllentsorgung bzw. Recycling, Minijob-Börsen, Tauschbörsen, Bürgerverwaltung, Bürger-Journalismus usw. Warum also den Technologiegiganten das Geschäft mit den digitalen Infrastrukturen überlassen, wenn das im Rahmen einer zukunftsoffenen und digital aufgeschlossenen Stadt noch viel wirkungsvoller möglich ist?!

Macht wird in der digitalen Stadt der Zukunft neu verteilt

Städte würden, auch davon bin ich fest überzeugt, einen neuen Aufschwung erleben. Es würde vielen Mensch klar werden, weswegen sie sich für Demokratie vor Ort (aber nicht nur dort) einsetzen sollen und was Teilhabe in einem lebendigen städtischen Umfeld tatsächlich bedeuten kann.

Das ko-kreative Lernen von den großen digitalen Portalen könnte tatsächlich dazu führen, dass Macht in unserer (Stadt-)Welt in neuer Weise aufgeteilt wird. Digitalisierung (aber natürlich nicht die Technologie alleine) eröffnet uns die Chance, vom "Ihr da oben - wir hier unten" wegzukommen.

Von Prototypen könnte gelernt werden, eine Toolbox für die digitale Stadt der Zukunft könnte dabei entstehen, die in anderen Regionen, bei anderen Stadtgrößen den konkreten Vorortbedingungen angepasst werden.

Mehr zum Thema: Die Politik will die Väter ins Kinderzimmer zwingen

Städtisch-digitale Kollaborationsmodelle mit minimalen Fixkosten würden vielerorts für einen lokalen Neustart sorgen - und liefern ein neues Identitätsversprechen in Zeiten dramatisch schwindender Bindungskräfte gegenüber unseren hergebrachten gesellschaftlichen Institutionen.

Postskriptum: Noch einmal zurück zum Stadt-Land-Gegensatz und den Populisten. Ein solches „Internet der urbanen Erneuerung" kann als Organisationsprinzip natürlich auch Kommune, Kleinstädte und Landkreise auf dem Land in eine bessere Zukunft führen.

Die Möglichkeiten der Digitalisierung werden in den kommenden Jahren maßgeblich dazu beitragen, dass der ländliche Raum nachhaltig und kostensensibel modernisiert wird. Dann werden wir irgendwann womöglich nicht mehr von einem Stadt-Land-Gegensatz sprechen.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft