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Das "Solar-Momentum" ist eine Waffe gegen Nationalismus und Populismus, wir sollten es nutzen

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SOLAR PANNEL
ERIC FEFERBERG via Getty Images
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Zur Sonne, zur Freiheit? Schaut man etwas genauer auf eine Zukunftstechnologie wie die Solarenergie, zeigt sich, dass damit nicht nur die Energiewende geschafft werden kann, sondern eine umfassende Transformation unserer weltweiten Lebensbedingungen möglich wird.

Was den Schritt in eine sonnige Zukunft jedoch verhindert, ist nicht nur Donald Trump, sondern die weltweite Liebe autoritärer Staaten zu den schmutzigen alten Energien.

Die Vorteile der Erneuerbaren Energien liegen seit Jahren auf der Hand. Aber machen wir uns nichts vor, nach wie vor tickt die Welt noch anders und Donald Trumps Kohle-Retro ist keine Ausnahme, sondern in Staaten eher die Regel und eine Art destruktives Glaubensbekenntnis, wo sich gerade autoritäre Regierungen formieren.

Auch hier also Ideologien und Glaubenskriege. Wer wird gewinnen, die technologieversierten Klimaretter oder die Klimareaktionäre? Vieles wird davon abhängen, welchen klimapolitischen Weichenstellungen China in den kommenden Monaten vornimmt.

Und blickt man auf Europas Energieziele bis 2040, kommt gute Laune auf. Das EU-Gebiet wird bis 2040 seinen Primärenergieverbrauch um 0,4 Prozent reduzieren, wobei die Erneuerbaren Energieträger eine Steigerung um hundert Prozentpunkte vollziehen.


Läuft alles soweit.
Und es gibt noch mehr Grund zu Optimismus, denn offenbar kommen die Erneuerbaren Energien auch in klimapolitischen Schlüsselstaaten wie Indien und China schneller voran als erwartet:

Die Indische Regierung hat Investitionen in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar in Wind und Sonne angekündigt. In China sollen bis 2020 allein 137 Milliarden US-Dollar in die Entwicklung der Solarenergie fließen. Doch speziell China muss endlich globale Verantwortung übernehmen und darf seine veraltete Kohlestrategie nicht weiter exportieren.

Natürlich hängt von den USA klimapolitisch vieles ab. Trump wird sich irgendwann entscheiden müssen, ob er die Jobmaschine Erneuerbare Energien den Vorzug gegenüber dem Bedienen von Lobbyinteressen gibt.

Solar schafft Jobs - nicht Bergbau und Kohle

Eine Kilowattstunde Solarenergie weltweit zu produzieren kostet laut Agora Energiewende mittlerweile gerade einmal 2,6 Cent, während die Kilowattstunde Kohlestrom 9,37 Cent und Atomstrom 11,51 Cent kostet. Der am schnellsten wachsende Jobsektor in den USA sind Techniker für Windanlagen. Entlassene Mitarbeiter au den Öl- und Gassparten finden ausgerechnet in der Solarindustrie neue Jobs.

Und laut CNN beschäftigt der US-Solarmarkt schon heute mehr Menschen als die Öl- und Erdgasbranche zusammen. Nahezu dreimal mehr Menschen arbeiten in dieser Zukunftsindustrie als im Bergbau, dem Trump ja, aus welchen Gründen auch immer, zu einer Renaissance verhelfen will.

Dass Solar gegenüber fossilen Energien preislich in globalem Maßstab konkurrenzfähig ist, steht eigentlich seit 2015 fest.

In der Zwischenzeit häufte die Industrie jedoch Überkapazitäten an, was vor allem auf erbitterten Preiskriege zurückgeht, und dem Markt die bekannten Berg-und-Tal-Fahrten bescherten, die zusätzlich noch durch regionalen Subventions-Hickhack verstärkt wurden. Doch jetzt, wo Gridparität nachweisbar ist, werden die Konturen eines neuen Marktdesigns wahrnehmbar. Solar wird auktionierbar?

Die Investitionslage bei Wind und Solar ist ebenfalls stabil. Endlich, denn ab jetzt brauchen wir nicht mehr die Moralkeule als Argument. Der Sprung zurück in fossile Energien ist irrational. Wir brauchen jetzt Anreizsysteme für die Umsetzung der Energiewende in einer multipolaren Welt.

Das Ende der Subventions-Ära bricht an

In fast allen großen Industrienationen ist irgendwann einmal in den vergangenen Jahren die Solar-Subventionsblase geplatzt. Unsicherheiten und ein volatiler Markt waren fast überall das Ergebnis. Durch die Preisparität finden Weltmarktführer wie Sun Power, Canadian Solar oder Jinko Solar jetzt endlich stabile Bedingungen vor und haben ihre Infrastrukturen so gut ausgebaut, dass sie weltweit operieren können.

Solarenergie ist deshalb seit 2016 definitiv konkurrenzfähig. Und in Ländern wie Mexiko, Chile und Vereinten Arabischen Emiraten gewinnt Solar schon jetzt regelmäßig bei der Ausschreibung großer Energieprojekte. Große Volkswirtschaften wie Japan, Indien, Saudi Arabien, Brasilien, Argentinien, Spanien und Deutschland haben angekündigt, dass sie bis 2018 nachziehen werden.

Solarenergie garantiert nicht nur eindeutige Nachhaltigkeitsprofite (Klimawandel, Feinstaub) und Kostenvorteile, sie ist auch eine Zukunftstechnologie, die durch viele weitere Eigenschaften die Transformation unserer Gesellschaft entscheidend voranbringen könnte.

Armut, Krankheit und patriarchale Strukturen lassen sich in Afrika wirkungsvoll über die Förderung dezentraler Energien bekämpfen. Ein Land wie Nigeria bekämpft tapfer grassierende Energiearmut mit ersten Erfolgen bei der Installation dezentraler Solaranlagen.

Seit 1990 ist in dem afrikanischen Land die Anzahl der Menschen ohne Strom von 44 Millionen auf 75 Millionen angewachsen.

Das Solar-Momentum: Zugang zu Energie fördert Emanzipation und Modernisierung

Und auch in Krisengebieten hilft die gezielte Förderung dezentraler Solarprojekte dort, wo die Not am größten. Im afghanischen Helmland wurden auf ein Klinikum der Bost University 240 Solarpanele montiert, so dass jetzt Notfälle schneller und effizienter behandelt werden können.

Verbunden mit einem Batteriespeicher kommt das Krankenhaus mittlerweile komplett ohne Dieselaggregate aus. Statt den monatlichen 500 US-Dollar für klimaschädliches Diesel, investiert die Klinik 410 US-Dollar in das Leasing der Solarpanele, die innerhalb eines Jahres komplett in den Besitz der Bost University übergehen.

Dezentrale Solarenergie steht in einem Land wie Afghanistan für Hoffnung und Neuanfang, für saubere Luft, schnellere Prozesse, ein ruhiges Genesungsumfeld und sichere Stromversorgung, denn wiederholt wurden die Stromnetze, die die Klinik vorübergehend versorgten, bei Kampfhandlungen einfach gekappt.

Das Momentum für Solar - nach langen Jahren des Auf-und-abs durch Subventionen und technologische Explosionen - muss von Unternehmen, Gesellschaft und Politik jetzt mit Entschlossenheit umgesetzt werden.

Solar ist nicht nur eine technologische Disruption. Die Sonnenenergie als dezentrales Versorgungskonzept liefert darüber hinaus Lösungen, die aktiv zur gesellschaftlichen Modernisierung, zur Modernitätsbekämpfung und Emanzipation eingesetzt werden können.

Wie das Solar Momentum in einer multipolaren Welt umgesetzt werden kann

Aber wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben. Der Sieg der Erneuerbaren Energien gegen die fossile Lobby ist noch nicht errungen. In den energiehungrigen Schwellenländern ist der politisch-ökonomische Kampf um den Strom gerade erst ausgebrochen.

Während Länder wie Chile und die Vereinigten Arabischen Emirate im vergangenen Jahr rekordverdächtige Solarstrompreise unter drei Cent pro Kilowattstunde erzielten (die Hälfte dessen, was Kohlestrom in diesen Ländern kostet), setzen autoritäre Staaten wie die Philippinen und die Türkei und nicht weniger krisengeschüttelte Länder wie Indonesien und Ägypten auf immer mehr Kohlestrom.

Klimawandel und saubere Energien spielen in diesen Ländern kaum eine Rolle. Es herrscht auch energiepolitisch nationaler Egoismus.

Populismus pur: Kurzfristige Eigeninteressen (Machterhaltung, Arbeitsplätze) gepaart mit Ängsten der Bevölkerung (Preiserhöhungen Arbeitslosigkeit) lassen die Energiewende als Luxusproblem erscheinen.

Unsere multipolare Welt befindet sich in einem turbulenten Neuorientierungsprozess, der sich offenbar nicht nur politisch auswirkt, sondern immer stärker auch die Energiefrage in das ideologische Schisma mit einspannt.

Dabei schert sich der Klimawandel (und damit die drohende Vernichtung unserer Lebensgrundlagen auf der Erde) nicht um neu ausgebrochene ideologische Grabenkämpfe - er beschleunigt sich und verlangt konzertiertes Handeln.

Osteuropa: Die Neoautoritären kleben an der dunklen Energievergangenheit

Die größten Herausforderungen für eine nachhaltige Energiewende kommen fatalerweise aus den autoritären und neoautoritären Staaten. Polen bekennt sich offen zu Kohle und fossile Energien und schließt seine Bergwerke wieder auf.

Erneuerbare Energien halten die Vertreter der regierenden rechtspopulistischen PIS-Partei für eine Verschwörungstheorie der Westeuropäer, sprich: der Deutschen. 95 Prozent des polnischen Energiebedarfes werden nach wie vor durch Kohle gedeckt. Und gegenwärtig befinden sich neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung von mehr als 4.000 Megawatt im Bau.

In Oberschlesien, Polens Kohlenpott, schürfen noch immer etwa 100.000 Menschen unter Tage nach dem „polnischen Gold", obwohl damit nur noch Dumpingpreise zu erzielen sind. Dafür ist der Wintersmog in einer wunderschönen Stadt wie Krakau ist berüchtigt. Und jährlich sterben rund 45.000 Menschen an den unmittelbaren Folgen der eklatanten Luftverschmutzung.

Einige hundert Kilometer weiter östlich ist die Lage nicht besser. Russlands Ja zum Pariser Klimaabkommen kann man problemlos als eine weitere hinterhältige Finte Wladimir Putins werten. Zwar hat sich Russland zu rund 30 Prozent CO2-Reduktion bis 2030 bekannt.

Durch die dramatische Deindustrialisierung in dem Land, das eigentlich nur Erdgas und Erdöl der Weltwirtschaft anbieten kann, liegen die CO2-Rückgänge jedoch jetzt schon bei 40 Prozent, so dass Russland absurderweise sogar mehr CO2 ausstoßen könnte als bislang.

China: Hehre Klimaziele und Export der dreckigen Alttechnologien

Und während China für das eigene Land die verstärkte Nutzung regenerativer Energien zum Staatsziel erklärt hat, exportiert es sein schmutziges Geschäft mit den Altenergie in die klammen Schwellenländer. Von wegen, die Kohlenwasserstoffe müssen im Boden bleiben. Für Chinas Banken und Industrieunternehmen ist Divestment ein Fremdwort.

Vor einigen Monaten erst wurde im pakistanischen Karachi die weltgrößte Kohleabbaufläche in Betrieb genommen. Und China hat für das Schwellenland große Pläne: 3,5 Milliarden US-Dollar stehen für die Kohleförderung in der Thar Desert bereit. Und wenn alles glatt läuft, werden bis 2020 sieben neue Kohlekraftwerke in Pakistan in Betrieb genommen.

Pakistan wird dann 24 Prozent (2016: 0,1 Prozent) seines Stroms aus klimaschädlicher Kohle gewinnen. In den vergangenen 15 Jahren hat China weltweit 50 Kohlekraftwerke finanziert. Momentan arbeiten chinesische Unternehmen weltweit an 79 Kohlekraftwerksprojekten. Der Kampf gegen die Kohle hat im globalen Maßstab also noch nicht einmal begonnen.

Die Entwicklungsländer dürsten nach billigem Strom, um wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Und China braucht die ehemalige dritte Welt für günstige Rohstoffquellen und als dankbare Handelspartner. Initiativen für Erneuerbare Energien dürfen dabei nicht zum moralischen Feigenblatt verkommen.

1. Dezentrale Energiekonzepte versprechen gesellschaftlichen Aufbruch: Durch die neuen geopolitischen Gräben hindurch müssen die disruptiven Potenziale der dezentralen Energiewende deutlich werden.

Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass es sich bei den Erneuerbaren Energien um eine vom Westen aufgepfropfte „westliche Siegertechnologie" handelt, bei der indes wieder nur einer gewinnt. Klimawandel und Energiewende dürfen nicht als Luxusproblem des Westens wahrgenommen werden. Googles "Project Sunproof" erlaubt es schon jetzt, für nahezu jedes Hausdach in den USA zu prüfen, ob Solarmodule in Frage kommen.

Auf ganze Regionen dieser Welt ausgeweitet, könnte damit eine große Solaroffensive gestartet werden, die die dezentrale Energieversorgung (Solar, Wind, Energiespeicher) zu einem globalen Entwicklungsprojekt machte. Auf diese Weise könnte das große Thema der Energiearmut in den nächsten Jahren gelöst werden.

2. Solar Momentum gegen Energienationalismus: Mit entscheidend ist hierbei die Rolle Chinas, das sich ausdrücklich aus seiner Double-bind-Position (Energiewende nach innen, Export der alten Energien) herauslösen muss.

Dem von Trump angekündigten Energienationalismus stehen in den USA die Zivilgesellschaft, die Mehrzahl der Großunternehmen und insbesondere bundesstaatliche Gesetzgebungen gegenüber, die nicht ausgehebelt werden können. Schwerer wiegt die zu erwartende Blockadehaltung der Trump-USA in den Gremien bei der Umsetzung des Pariser Abkommens. Trotzdem: das Solar Momentum ist stärker als die Ignoranz Donald Trumps.

3. Dezentrale Energiewende wird Schwellenländer nachhaltig modernisieren: Letztlich ist es eine tiefsitzende Angst vor dem Systemwechsel, die gerade auch in den Schwellenländern mit festsitzenden Bedenken einhergeht, bei dem nächsten Wettrennen um die Zukunftstechnologien wieder einmal den Kürzeren zu ziehen.

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Bezogen auf die Digitalisierung und speziell den Telekommunikationsmarkt trifft das jedoch nicht mehr zu. Und die Energiewende in den Schwellenländern wird vor allem dezentral verlaufen und ist ohne Digitalisierung überhaupt nicht vorstellbar.

4. Globale Energiewende weiterhin von Überzeugungstätern abhängig: Der radikale Wandel, der insbesondere mit Solar und neuer Energiespeicherung möglich wird, muss noch offensiver kommuniziert werden.

Dass dadurch in vielen Gebieten der Welt Elektrifizierung überhaupt erst möglich wird und alte Technologien wie enorm teure Großkraftwerke und Netze überflüssig werden, dafür muss weltweit geworben werden. Ein Dominoeffekt in Richtung eines fossilen Retros wäre fatal für die Eindämmung des Klimawandels.

Auf internationaler Ebene muss daraufhin gewirkt werden, dass nationale Alleingänge nichts anderes als einen destruktiven Egoismus freisetzen, der auf kurzfristige Effekte (Arbeitsplätze, Preisstabilität) abzielt.

Mit anderen Worten: Die Energiewende ist ein Megatrend. Und das bedeutet, dass sich ihre Veränderungsdynamik nur unter extremen Bedingungen ausbremsen lässt. In den kommenden Jahren wird es darauf ankommen, ihr konstruktives Vermögen gegenüber den (energie-)politischen Dunkelmännern in Stellung zu bringen.

Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability) beschäftigt. An dieser Stelle beschreibt er, wie eine Effizienzrevolution gelingen kann, die keine Mäßigung predigt und Überfluss erlaubt.

Eike Wenzel ist Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung. Er gibt den Newsletter Megatrends! heraus und ist Mitglied des Nachhaltigkeitsrats der Landesregierung Baden-Württembergs.

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