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Lieblingstonträger: Shura - Nothing's Real

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Von ihrer Mutter hat sie die russische Hälfte ihrer Gene, das -ks- in ihrem Vornamen, die Liebe zum Winter und die eisblauen Augen. Dabei ist sie sonst ein richtiges Britpop-Girl mit Dip Dye und einer Facebookseite voll Pastellfarben und Grimassenfotos. Oder?

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HOLY COW. My Debut Album is Finished. You can preorder it now. I'm so excited. I don't think I really slept. Hjälp!

Welcome to my Shuniverse! So begrüßt uns Aleksandra Lilah Yakunina-Denton zum Point-and-Click-Adventure-Erlebnis auf ihrer Homepage. Gerade ist sie 24 geworden und kann sich immer noch freuen wie ein Kind. Süß. Lustig. Unverfälscht. Pink, Türkis, Herzchen. Peace-Gesten und Grimassenfotos.

So weit, so sweet. Aber kratzt man ein bisschen an der pastellfarbenen Oberfläche, merkt man schnell, dass da noch viele Schichten kommen. Zum Beispiel: Sport. Nichts da künstlerischer Feingeist ohne Interesse und Talent für körperliche Betätigung. Sie hat sich davon abgewendet. Nicht das vergebene Potential nachträglich glorifizierend, sondern mit der Fähigkeit zur Selbstironie.

Lettuce take you Behind the 'Scenes of What's it Gonna Be?'. It may or may not include the worst cartwheel you have ever seen. (SPOILER: it does)

Sie redet nicht mal drüber, dass sie in der Grundschule von Manchester United angeheuert wurde. Dort spielte, bis sie 16 war. Warum hat sie aufgehört? Sie hatte keine Lust mehr auf Schmerzen. Immer Schlamm, Kälte, Kratzer, Prellungen, wo sie sich doch genauso gut drinnen ein behagliches Rockstarleben aufbauen konnte? Man merkt schon - dieser Grips ist zu schade für Kopfballtore.

Zu talentiert obendrein. Früher als es ihre Spice Girls-Freundinnen verstehen konnten, entflammte sie für Electro, Drum'n'Base, sogar Jungle. Wie immer - schuld ist der große Bruder. Letzteres wurde nicht nur musikalisch zu einem großen Thema: Anglistik studieren, Bücher lesen, sich in die Idee vom Amazonas verlieben. Nächster logischer Schritt: hinfahren. Von enttäuschten Erwartungen keine Spur, der Dschungel war wirklich so toll, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Einziger Haken: Alles dort will dich auffressen oder umbringen, die Bäume, die Tiere. Der Zirkuspuma (mit dem Understatement-Namen „Gato", zu Deutsch: „Katze"), mit dem sie zur kontrollierten Auswilderung acht Stunden am Tag durch den Urwald spazierte, war alles in allem recht freundlich, zerriss ihr nur einmal die Leggings am Knie. Ansonsten fühlte sie sich dabei wie Lara Croft, bis auf die Brüste, erzählt sie, lachend, da ist sie wieder, die kleine Shura.

Styling out falling on my ass at The Roundhouse last week. Come see it potentially happen again at Shepherd's Bush Empire on the 26th of May.

Bestandsaufnahme ihrer Faibles: Fußball, Wildnis, Bücher. Dazu kommen: Science Fiction und der Weltraum. Auf den Mars auswandern, findet sie zu unrealistisch, es könnte aber sein, dass das Videospiel No Man's Sky, wenn es im August erscheint, komplett von ihrem Leben Besitz ergreift und deshalb nie ein zweites Album rauskommt. Sagt sie und lacht. Wir glauben das mal nicht.

Dann also zur Musik. Ihre erste Kassette war von Madonna. Wenn man in ihr neues Album Nothing's Real reinhört, ist man froh, dass es nicht Dr. Alban oder Snap! war. Zu Songs wie Nothing's Real oder Indecision könnte man nämlich super im engen neonpinken Gymnastikanzug auf einem neongelben Pezziball über eine neongrüne Sportmatte rutschen. Die späten 80er kommen zurück - und werden von Shuras reifer, melancholischer und überhaupt nicht poppigen Stimme jetzt, 2016, genau im richtigen Moment ausgebremst.

"Touch" war Shuras erste Single. Man könnte jetzt denken: Erster Track, machen wir mal ein Video mit Zunge, das sorgt für Klicks! Glaubt man hingegen Shura, hat sie einfach spontan ihre Freunde zusammengetrommelt, und dann wurde untereinander ein bisschen durcheinandergeknutscht. Selbiges passiert jetzt immer bei Konzerten. Man denkt unweigerlich: Musikeuphorie direkt gekoppelt an körpereigenes Knutschendorphin, wenn das mal kein cleveres Marketing ist!

Zu Gast bei Max erzählte sie auch von ihrer Tour mit CHVRCHES und dass man nach einem Gig nicht einfach schlafen gehen kann. Klar, man gehe gerne ab und zu raus, das Adrenalin zerfeiern. Aber am liebsten sitzt sie nach dem Konzert mit einer Tasse Tee draußen und hört Musik. Natürlich andere Musik als die letzten drei Stunden, sagt sie lachend. Und dann zweifelt man auch keine Sekunde mehr an dem Spontanbusseln unter Freunden. Das war tatsächlich: Ooops, voll den Nerv der Zeit getroffen. Zwei dieser Freunde sind übrigens bis seit damals ein Paar.

In sechs Zeilen fasst Wikipedia Shuras bisheriges Leben zusammen. Sie selbst tut das in zwölf Tracks. Ihr Debutalbum ist eine Audiobiographie, immer wieder sind Tonschnipsel von Videos aus Kindertagen zu hören. So darf auch die Familie zu Wort kommen, so zum Beispiel in "Tongue Tied", in der die Stimme ihres Vaters aus den 90ern zu uns hallt und damit eine unglaublich verklärte, Atmoshäre jenseits von Raum und Zeit schafft. In "White Light" berühren sich ebenfalls Weltallphantasie und Wohnzimmer: Gewidmet ihrem Zwillingsbruder und inspiriert von Asari-Aliens aus Mass Effect. Ihren Bruder beschreibt Shura als „ein bisschen anders" - insofern eine ganz passende Kombination.

Ihre Songs klingen spacig und sie ist definitiv in Richtung All losgestartet. So ganz fassen kann sie sich selbst aber noch nicht. Nothing's Real - außer sie selbst!

THERE I AM ON THE The New York Times WEBSITE. Holy Cannoli.

Holy Cannoli, aber echt. Ganz ernst nehmen wird sie sich wahrscheinlich nie. Quirlig-tiefgründig, hochtalentiert und Flachwitze reißend. Mit einem Bein auf dem Boden, mit dem anderen im Shuniverse. Und vielleicht irgendwann nochmal bei uns im Studio, mit neuem Album, intelligenten Antworten und Aluminiumhut. Lettuce hope so!

Hier das komplette Interview mit unserem Max zum Nachhören:

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