BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Anna Lindener Headshot

Lieblingstonträger: Kraftklub - Keine Nacht für Niemand

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Die eigene Biografie ist fertig erzählt, jetzt sind Kraftklub in Berlin und wenden sich neuen Dingen zu: Keine Nacht für Niemand ist einerseits eine Hommage an Künstler, die die fünf Chemnitzer prägten, und andererseits eine Sammlung kleiner musikalischer Charakterstudien.

2017-06-26-1498477402-1472125-kraftklub_keinenachtfrniemand_cover.png

Nach den ersten beiden Alben Mit K(2012) und In Schwarz (2014) war der Status Quo hinlänglich geschildert, die Geschichte erzählt, musikalisch und textlich Ende Gelände, Schicht im Schacht. Deshalb hatten Kraftklub nach dem letzten Konzert der letzten Tour eine Karrierepause auf unbestimmte Zeit angedacht. Einziges Problem: Kaum war der Druck raus, kam die Inspiration von selbst. So ist das mit der Muse - plötzlich kommt sie zurück und will knutschen. Vorzugsweise nach Sonnenuntergang. Keine Nacht für Niemand: Die Band mit K ist wieder da.

Dass die Fans die Band langsam kennen, ist den fünf Chemnitzern keineswegs jetzt erst aufgefallen. Schließlich trauern sie schon auf dem Song „Unsere Fans" des zweiten Albums den Zeiten nach, als noch 30 Eingefleischte mittags um drei auf der Festival Show von Kraftklub rumhingen. Und lamentieren augenzwinkernd: „Unsere Fans sind jetzt Mainstream". Deshalb auch die geplante Pause: Um mal zu sehen, woher die Inhalte fürs neue Album kommen könnten, was man diesem multiplizierten Mainstream-Publikum als nächstes bieten könnte.

Statt der Fanbase mit ewigem Hauptstadt-Hate aus der Provinz die Ohren zu pinseln, geben sie dieses Mal ganz frei zu, dass das Album dort aufgenommen wurde und die Schlüsselnächte dort stattfanden, lediglich unterbrochen durch Arbeit und Tagschlaf im Studio. Der entscheidende Schritt, den die Band mit Keine Nacht für Niemand geht, ist aber nicht der nach Berlin, sondern der vom Autobiografischen ins Fiktionale. Befreit vom privaten Mitteilungsdrang tollen die Jungs herum auf eine Spielweise aus Vergleichen, schlüpfen in Rollen, lassen sich zwar weiterhin vom nahen Umfeld inspirieren, spinnen die Situationen jetzt aber weiter. Aus der Studie ihres eigenen Publikums auf In Schwarz wird so auf dem neuen Album der Song „Fan von Dir", bei dem es ums Fansein selbst geht, um fanatische Anhängerschaft bis zur Selbstaufgabe.

Der Song ist der längste auf der Platte, hier nimmt sich die Band knapp fünf Minuten Zeit um diesen armen, besessenen und doch von der Selbsterkenntnis zermürbten Fan zu beschreiben, dessen Klagelied ("Ich bin leider immer nur ein Fan von dir") mit einem ausgedehnten Gitarrenseufzer ausläuft. Diesen Spaß am Schauspiel, an der Figurenzeichnung, merkt man ihnen auf der Platte immer wieder an. So auch im Eröffnungssong „Band mit K":

Sich gleich mal im ersten Song als Übermensch darzustellen ist ja immer sehr sympathisch.

Zu Fan und der Übermensch gesellen sich der Drogensüchtige und der Lohnsklave - eine Clique, der man auch im echten Leben auf der dunklen Seite der Nacht über den Weg läuft. Kaputte, verzweifelte Symbolfiguren und parabolische Vergleiche ersetzen jetzt den Erfahrungsbericht.

Es bleibt dabei einfach: Sexuelle Machtspielchen vs. Versklavung (oder Selbstgeißelung) für die Firma zum Beispiel. Es ist ein Gedankenspiel, die Freude an einer fixen Idee - simple as that. So funktioniert auch „Dein Lied": Hier ist unsere Idee. Streicher gegen Sänger. Zarte Rockballade gegen Zornausbruch. Kraftausdrücke im Tutu. In der Mitte des Liedes wirst du merken, dass genau nicht das kommt, was du erwartet hast. Getrollt! Und jetzt zeigen wir dir, wie das geht.

Und dann wird „Dein Lied" doch zum wohl kontroversesten Stück des Albums. Die Hurendebatte bricht aus: DÜRFEN DIE DAS? Das ist doch kein Punk! Und kein HipHop! Wollen die jetzt Punk oder HipHop machen?

Tatsächlich finden Kraftklub Spaß am Zitieren und rollen mit dem roten Album auch einen roten Teppich für die Helden ihrer eigenen musikalischen Evolution aus - darunter auch Punker und HipHopper. Sie selbst bezeichnen Keine Nacht für Niemand als „Puzzle der Einflüsse". Teilweise passiert das ganz versteckt, teilweise wird aber auch wörtlich zitiert, lose angeknüpft.
Und wieder: Dürfen die das? Große Songzeilen unkommentiert hinstellen? Und überhaupt - sollte man sich nicht fragen, ob man bei diesem Schritt der inhaltlichen Evolution vielleicht Hörer zurücklässt, die nach zwei spaßigen Autobiographien nicht gewillt oder nicht darauf vorbereitet sind, Rollen auszulegen und Zitate auszugraben und umzudeuten? Denn: Mit welcher Erwartung, mit welcher Bereitschaft zur aktiven Deutung verborgener Botschaften gehen diese Fans ans dritte Album? Wenn bisher „Ich will nicht nach Berlin" immer einfach bedeutet hat, dass ich nicht nach Berlin will?

Einer Band mehr abzuverlangen ist einfach: Mehr Anspruch, mehr Verantwortung. Aber Kraftklub hatten nie den Anspruch, die Musik neu zu erfinden. Sie haben sich in diesem Spagat zwischen Eindeutigkeit und künstlerisch-metaphorischem Anspruch für einen Weg entschieden und ziehen ihn konsequent in allen Tracks durch. Wer das verstanden hat, bei dem kommt die Message rüber.

Mit dem neuen Album entfernen sich Kraftklub nicht maßgeblich vom Stil der beiden Vorgänger. Aber es geht voran, sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Und ein wichtiges Kriterium darf gerade bei Kraftklub nicht vergessen werden: der Spaßfaktor. Man muss auch ein bisschen grölen können. Sei es aus Frust über die Gesellschaft, aus Trennungsschmerz, oder einfach nur, weil man Krach machen will. Genau, denn das darf auch mal sein. Und Kraftklub müssen gar kein Sprachrohr sein. Sie geben uns lieber ein Megaphon in die Hand.

Tracklist: Kraftklub - Keine Nacht für Niemand
01 Band mit dem K
02 Leben ruinieren
03 Chemie Chemie Ya
04 Am Ende
05 Fenster
06 Fan von Dir
07 Hausverbot (Chrom & Schwarz)
08 Dein Lied
09 Sklave
10 Venus
11 Hallo Nacht
12 Liebe zu Dritt

Keine Nacht für Niemand ist am 02. Juni 2017 via Universal erschienen.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffiPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.