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Lieblingstonträger: Drangsal - Harieschaim

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Schwarze Seele verpackt in flauschigem Pop: Nach drei Jahren Arbeit hat der Herxheimer Drangsal sein Debütalbum veröffentlicht.

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Herxheim. 10.543 Einwohner bei einer Größe von 21,12 Quadratkilometern. Von oben betrachtet sieht die Kommune aus wie ein hässlich gemaltes Herz, umgeben von viel Grün und viel Nichts. Ein Friedhof sticht noch ins Auge, ansonsten war's das aber auch schon. Es scheint, als hätte man in Herxheim nur zwei Möglichkeiten für Teenager zu bieten: Man wird entweder verschroben und schließt sich einem Kult an oder aber in sein Zimmer, hört die DAF-Platten des Vaters, schaut MTV und bringt sich selbst diverse Instrumente bei. Max Gruber scheint jedoch irgendwie beides miteinander verbunden zu haben.

Nur, dass er sich keinem bestehenden Kult angeschlossen hat, sondern einfach mal so seinen eigenen gegründet hat: Drangsal. Das Wort ist ein Synonym für Leiden oder qualvolle Bedrückung, Max Gruber soll in erster Linie aber von einem (entgegen des düsteren Namens sehr freundlich wirkenden) Bestattungsunternehmen in Landau zum Künstlernamen inspiriert worden sein.

18 Jahre lang wuchs der in Herxheim auf, bis er die Landflucht ergriff - nach Berlin. Nun ist das ein ziemlich krasser Unterschied zwischen diesen beiden Orten und nicht für jeden aus einer pfälzischen 10.000er Metropole mir nichts dir nichts machbar. Ausgehalten hat es Max Gruber in der Hauptstadt deswegen erst mal nicht lang, es zog ihn kurz darauf nach Leipzig. Dort lebte er gemeinsam mit Fabian Alstötter - dem Frontmann von Sizarr - in einer WG. Kennengelernt hat man sich in Landau, das ganz in der Nähe von Herxheim liegt.

Obwohl Drangsals Debütalbum mit dem Titel Harieschaim (was ein früherer Name von Herxheim ist) eher seiner Heimatstadt gewidmet ist, meint man schon, Leipziger Einflüsse darin hören zu können - gerade der noisige Track "I Think You Have a Brother" würde in Tagen des Wave Gothic Treffens prima ins Institut für Zukunft passen.

Apropos: Genau dort, also beim WGT, wird Drangsal mit Live-Band dieses Jahr unter anderem auch auftreten. Anm. d. Red.: Absoluter Reisetipp, wenn ihr mal ganz andere Dimensionen von Abgefahrenheit erleben wollt, fernab von Berliner Prätention. Vom 13. bis 15. Mai ist es soweit! Auch der eher technoide "Goler Tear" und der post-punkige "Sliced Bread #2" kommen dort sicherlich gut an und wecken in uns den Wunsch, einmal eine Kollaboration zwischen Drangsal und Petra flurr in die Wege zu leiten.

Auf verstörende Art und Weise könnte diese Zusammenarbeit ein ziemlicher Erfolg sein. Aber wie dem auch sei. Neben Noise und Techno hat Harieschaim noch diverse andere Genres-Elemente zu bieten.

Den größten Einfluss auf dem Album hat Wave aus den 80er Jahren. Dabei wird dann ganz schnell der Vergleich zu Depeche Mode, The Cure, Joy Division gemacht und ja: alle meint man auch durchaus auf Harieschaim zu hören. Von keinem will Drangsal aber was wissen, tatsächlich empfindet er jegliche Vergleiche sogar als Beleidigung.

Seine Inspiration kommt viel mehr von Künstlern wie DAF und B-52s. Die Assoziation mit ersteren wird gerade bei "Ich will nur dich" geweckt - in erster Linie, weil dies auch der einzige Song auf dem Album ist, auf dem deutsch gesungen wird.

Neben vielen Klangelementen sind auch einige Bezüge auf Harieschaim zu finden - von denen der ein oder andere wohl eher kaum beabsichtigt ist, gerade in Anbetracht des oben erwähnten. Im Song "Wolpertinger" meinen wir nämlich durchaus eine Referenz zu The Cures "Why Can't I Be You" zu hören. Aber gut, hier wollen wir nicht falsches unterstellen, möglicherweise handelt es sich auch schlichtweg um eine düstere Hommage an "I Want to Be Like You" vom Dschungelbuch.

Allerdings ist es nicht so, dass man Referenzen in Harieschaim an den Haaren herbei ziehen müsste. Ziemlich offensichtliche gibt es nämlich zuhauf. Der Titel "Goler Teal" beispielsweise ist an die amerikanische Menschenrechtlerin Goler Teal Butcher angelehnt, mit Tracks wie "Hertzberg" (ein Adelsgeschlecht, dessen Ursprung sind bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt) gibt es auch historische Referenzen und auch geografische Bezüge finden sich auf Harieschaim, wie etwa "Moritzzwinger" (liegt in Halle) oder "Hinterkaifeck" - welche eine der morbidesten Referenzen ist.

Diesen Namen müsst ihr kennen, wenn ihr auch nur einmal im Jahr einen der öffentlichen TV-Sender einschaltet, immerhin gibt es circa dreitausend Filme, Serien und Dokumentationen über diesen Bauernhof, beziehungsweise die grauenhafte und bis heute noch unaufgeklärte Tat, die sich dort im Jahre 1922 abspielte: Sechs Menschen wurden brutal niedergeschlagen und ermordet. Sechs Menschen, von denen fünf entfernte Verwandte von Drangsal sind.

Dieser Drangsal ist echt morbide und kann sich obendrauf auch noch wahnsinnig gut inszenieren. Endlich aber gibt es mal wieder einen Querulanten im arg brav gewordenen Indie-Pop, der auch kein Problem damit hat, über andere her zu ziehen und der verdammten Bild-Zeitung ein Interview zu geben, nur um die Indie-Kids (seine Fans) zu provozieren.

Merkwürdiger und auch etwas makaberer Zufall: Zum Tod von Prince kam nicht bei wenigen der Gedanke auf, dass Ikonen und große Künstler vom Aussterben bedroht sind, da einfach keine mehr nachkommen. Nun aber ist da dieser Drangsal, der sich so prima inszeniert und mystifiziert... die Hoffnung ist also noch nicht ganz dahin.

Drangsal zu Gast bei Max
Drangsal hat am 27. April bei Max im Studio vorbeigeschaut. Das komplette Interview gibt's hier noch mal zum Nachhören.

Tracklist: Drangsal - Harieschaim
01. Allan Align
02. Der Ingrimm
03. Will ich nur dich
04. Hinterkaifeck
05. Do The Dominance
06. Moritzzwinger
07. Love Me Or Leave Me Alone
08. Schutter
09. Sliced Bread #2
10. Wolpertinger

Harieschaim von Drangsal wurde am 22. April 2016 via Caroline (Universal Music) veröffentlicht.

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