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Lieblingstonträger: Claire - Tides

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Mit dem zweiten Album liefern die Münchner eine detaillierte Bestandsaufnahme des heutigen Elektro-Pops ab: Clever wird dieser zerlegt, reflektiert, zitiert und weitergedacht.

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Der Titel des Albums, Tides, hält sein Versprechen auf bemerkenswert vielen Ebenen, dass man sich als Hörer die tiefere Symbolik beliebig auswählen kann. Textlich zum Beispiel geht es in den Songs um die Gezeiten zwischenmenschlicher Beziehungen, persönliche Unsicherheit, sowie auch hinderliches Hin- und Hergerissensein. Auf konkrete Situationen übersetzt: Jemanden brauchen/ sich eingeengt fühlen; schwimmen/ ertrinken; do /die.

Damit ist nicht nur lyrisch der Tatendrang, den Claire bei ihrem Debütalbum The Great Escape (2013) an den Tag gelegt haben, einer gewissen Bedrücktheit gewichen: Auch musikalisch wirkt der Sound insgesamt schwerer.
Die einzelnen Klangdetails auf Tides (das sind eine Menge) amalgamieren dabei zu einer feinen Masse - keine Ecken, keine Kanten. Was für den einen Hörer zu wenig Möglichkeit gibt, sich festzuklammern, überschwemmt den anderen mit lauschiger Harmonie. Während die meisten Tracks außerdem mit Wucht daher gekommen, finden sich auf dem Werk ebenso sanftere Songs, die einen zwar nicht zerschmettern, dafür aber tückisch tief ins Klangmeer hineinziehen. Da wird einem erst klar, an welch perfekter Stelle der Track "Drowning" ins Spiel kommt: Sieben brachiale Wellen - die muss man überstehen. Danach glättet sich die See erstmal wieder (fachsimpeln zumindest die Portugiesen gerne vor sich hin). Ob das nun bewusst oder unbewusst war: Tides überwältigt generell mit ausgeklügelter Raffinesse, was gerade auf die Synthusiasten und Beat-Frickler Matthias Hauck, Nepomuk Heller und Florian Kiermaier zurückzuführen ist, die an Claire mit ähnlicher Professionalität rangehen, wie sie es auch als Produzenten- und Komponistenteam für We Are Modular machen.

Weitere Feinheiten wurden durch die Fingerchen des britischen Produzenten und Singer/Songwriters Dave McCracken gespachtelt, der schon mit Größen wie Depeche Mode, I Blame Coco und Florence + The Machine zusammengearbeitet hat. Im Studio hat er der Formation nicht nur bei der Arbeit am Album selbst geholfen, sondern auch die generelle Aufgabenverteilung der einzelnen Mitglieder strukturiert.

Die relativ lange Pause zwischen den beiden Alben war übrigens nicht geplant. Im September 2014 erlebten Claire auf ihrer (geplanten) UK-Tour einen herben Rückschlag, als der Bandbus samt komplettem Equipment gestohlen wurde. Das Quintett war erstmal genauso ratlos wie die britischen Behörden, die den Fall zunächst zu ihren ungelösten Akten gelegt haben.
Im Dezember erhielten die Münchner dann plötzlich einen anonymen, kryptischen Anruf und kurz darauf eine e-Mail, in der der Standort des geklauten Zeugs verraten wurden: Raseiniai, eine Provinzstadt in Litauen. Das Versteck wurde kurz vor Weihnachten dann von einem Sondereinsatzkommando der Polizei gestürmt, wobei das verloren geglaubte Equipment fast komplett zurück an ihre Besitzer kam. Was die Band daraus machte, kann man getrost unter die Floskel "Aus Scheiße Gold machen" packen: Das Erlebte wurde nicht nur auditiv mit der EP Raseiniai verarbeitet, sondern auch noch mit einem 40-minütigen Film visualisiert.

Claire ist eben anders als die gewöhnliche Lokalheldenband. Claire ist ein Gesamtkonzept, bei dem jedes Detail feinstens aufs andere abgestimmt ist - klanglich, wie auch optisch.
Die Frage dabei ist nur: Kann das Publikum hierzulande mit durchdachtem Pop überhaupt was anfangen?

Tracklist: Claire - Tides
claire tides cover
01. End Up Here
02. Friendly Fire
03. No Way To Save It
04. Two Steps Back
05. Say It
06. Burn
07. Masquerade
08. Drowning
09. Back To Shore
10. Treading Water
11. The Crash
12. Come Close

Tides von Claire wurde am 07. April 2017 via Island (Universal Music) veröffentlicht.

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