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Lieblingstonträger: Wild Beasts - Boy King

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Mattia Pelizzari via Getty Images
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Von gegenwärtiger Internet-Faszination zurück ins Private: Die Wild Beasts laden uns mit dem fünften Album in ihr Inneres ein und offenbaren intimste Gefühle - begleitet von dreckigem Klang.

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Ganz verabschiedet haben sich die Engländer von ihrer Idee elektronischer Musik noch nicht, dennoch mussten sich die 80s-Elemente vom Vorgängeralbum schleichen, um Platz für eine Gitarre mit Riesenego zu machen. Diese mutierte bei Boy King zum alleinstehenden Charakter, beziehungsweise zur "phallischen Gestalt, dem alles erobernden Männlichen", wie Gitarrenherr Hayden Thorpe es selbst beschreibt.

Ich lebe meinen inneren Byron komplett aus. Ich dachte, ich hätte diese dunkle, düstere Seite an mir gut versteckt, aber sie brach sich wieder mit Vehemenz ihre Bahn, wie der Unglaubliche Hulk.

Paradebeispiel: "Eat Your Heart Out Adonis". Dort knarzt die Gitarre besonders schön, während Thorpe sich seinem geliebten Falsett hingibt. Klingt nicht nur richtig dreckig, macht auch irgendwie an.

Ansonsten sind die Songs auf Boy King eher von flächigen Keyboard-Akkorden und starken Beats geprägt, was für verlangsamtes Zeitempfinden sorgt - Fauvismus par excellence: Schon die französischen Wild Beasts der 20er Jahre waren Verfechter davon, Kunstwerken eine größere Dauer zu geben. Heute würde man sowas mit dem Hashtag Entschleunigung kombinieren und dafür mindestens 3.000 Likes bekommen.

An dieser Stelle würden wir allerdings gerne noch anmerken, wie äußerst verantwortungslos es ist, einen Song "Big Cat" zu nennen, im Video aber keine einzige auftauchen zu lassen.

Auch wenn sie - wie bei jedem ihrer Alben - eine Ballade ("Dreamliner") an letzte Stelle gesetzt haben, wollten sich die Wild Beasts bei Boy King von allen bestehenden Schemata distanzieren - eine neue Herangehensweise sollte her, sowohl was das Schreiben, als auch das Komponieren angeht.

Nüchtern gesagt: Boy King ist aus einem gepflegten Fuck-This-Shit-Moment heraus entstanden. Text und Klang sind deswegen eher intuitiv, intimer und sexueller. Was Sinn macht: Wenn von der einen auf die andere Sekunde alles anders gemacht werden soll, sind Bauch, Psyche und Trieb noch die zuverlässigsten Insipirationsquellen. So konnte Freud bei "Get My Bang" auch noch eine Feature-Rolle abgreifen, quasi. Thorpe dazu:

Der Song handelt von den horrenden Strecken, die man hinter sich bringen muss, um in der heutigen Gesellschaft, in der man seinen düster-romantischen Charakter nicht ausleben kann, Befriedigung zu erlangen. Deswegen gehen wir dann einkaufen und streiten uns über das Fernsehprogramm. So befriedigen wir unser „Es", jenen von Freud definierten ursprünglichen Lusttrieb - so bekommen die Leute ihren Orgasmus.

Neben Freud findet sich auf Boy King auch noch eine Quasi-Hommage an Michael Caine, beziehungsweise Alfred Pennyworth - so heißt es in "2BU":

I'm the type of man who wants to watch the world burn.

Ein weiterer starker Mann also - das passt nur allzu gut in das Konzept des Albums, das sich der Krise des Mannes verschrieben hat. Während sich die Frauen von heute zunehmend von äußeren Wert distanziert und sich mit Kopf an diverse Spitzen kämpft, steht der Mann geradezu eingeschüchtert da, dass ihm gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als schmollend mit den Muskeln zu zucken.

Reichlich erbärmlich, das sehen auch die Frontmänner Thorpe und Fleming so, müssen allerdings auch einräumen, dass auch sie hin und wieder dieser Typ Mann sind, was auf der neuen Platte ausgiebig thematisiert wird. Boy King wirkt deswegen nicht nur aggressiv und düster, sondern gar bedrohlich. Erst recht, wenn Hayden Thorpe in "Alpha Female" Sätze wie "I'll be right behind ya" raushaut. Geradezu machohaft wird es dann noch in Songs wie "Celestial Creatures" und "Tough Guy".

Dass hinter den Wild Beasts große Testosteronspiegel stecken, hört man an Boy King wie nie zuvor. Die unterschwellige Aggression des Schaffensprozesses scheint darin perfekt konserviert worden zu sein. Die beiden Frontmänner Thorpe und Fleming hatten immerhin ganz unterschiedliche Klänge im Sinn - während Thorpe eher in die soulige Richtung gehen wollte, schrammelte Fleming einfach drauf los.

Problematisch war dies jedoch nicht, viel mehr stachelten sich die beiden dazu an, den innersten Aggressionen freien Lauf zu lassen. Nicht zuletzt deswegen ist Boy King wahnsinnig ehrlich und die wohl emotionalste Platte der Wild Beasts.

Obendrauf regt sie durch die übertriebene Darstellung des schmollenden Machos zum Nachdenken an - klar ist Emanzipation wichtig und klar haben wir noch irre viel zu tun. Doch sollten wir dabei doch bitte kein Geschlecht vernachlässigen. Gerade, wenn es ein derart weinerliches ist.

Tracklist: Wild Beasts - Boy King
01. Big Cat
02. Tough Guy
03. Alpha Female
04. Get My Bang
05. Celestial Creatures
06. 2BU
07. He The Colossus
08. Ponytail
09. Eat Your Heart Out Adonis
10. Dreamliner

Boy King von Wild Beasts wurde am 5. August 2016 via Domino Records veröffentlicht.

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