BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Anna Lindener Headshot

Lieblingstonträger: Marteria - Roswell

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Vor acht Jahren verkaufte er 80 Tickets im Vorverkauf und drei an der Abendkasse, heute frisst ihm die Fangemeinde aus der Hand. Marteria hat allen Grund zur Gelassenheit. Und das hört man auch auf seinem neuen Album.

2017-05-30-1496164714-6505927-marteria_roswell_cover.jpg

Im Jahr 2009 ging Marteria zum ersten Mal auf Tour. Durchschnittlich 80 nerdige Fans erwarben damals Karten im Vorverkauf und zwei, drei fanden dann noch den Weg an die Abendkasse, wie uns der Rapper im Interview mit Max erzählt hat. Acht Jahre später hat er genau diese erste Tour wiederholt.

Wir wollen ja unsere Erinnerung wieder auffrischen, weil wir damals noch hart gesoffen haben und ganz viel weg ist.

Diesmal läuft es: Die komplette Tour war nach 60 Sekunden ausverkauft, und seine enorme Fangemeinde wird ihm auch das neue Album Roswell, das am Tag des letzten Konzerts erscheint, aus den Fingern reißen. Heute folgen Marteria allein auf Facebook fast eine Million Menschen. Sie prügeln sich nicht nur um Konzertkarten, sondern wollen an seinem Leben teilhaben, fragen ihn beispielsweise in Kommentaren, ob alles gut sei, er klinge so erkältet. Kein Wunder, denn inzwischen bietet seine Facebook-Seite ein Full-Time Entertainmentprogramm in allen Kategorien. Reiseberichte, prominente Freunde und Bekannte, Sport & Freizeit und immer jede Menge bunte Herzchen. Jetzt frisst die Crowd ihm aus der Hand. Er geht mit ihren Müttern auf Kaffeefahrt, zieht mit ihren Familien um und badet in ihrer Liebe - es ist viel passiert in den letzten acht Jahren.

2016 erhielt er den deutschen Musikautorenpreis für seine Texte, die immer scharfsinnig und brandaktuell sind und so treffend, dass sie es selbst übersetzt und in Kalenderspruchaufmachung in Alicia Keys' twitter-Timeline schaffen.

Wie ist das auf Roswell? Mit der ersten Auskopplung „Aliens" hat sich unser Appetit auf eine neue Platte voll cleverem Hip Hop jedenfalls in nagenden Hunger verwandelt. Kurz bevor der Blutzuckerspiegel einen kritischen Tiefpunkt erreicht, schmeißen wir die Scheibe ein. Und tatsächlich retten uns das titelgebende Intro, direkt gefolgt von „Aliens", vor dem Kollaps.

Die Aliens der heutigen Zeit hinterlassen die größten Fußabdrücke im Album. Sie sind der wunde Punkt. Die Vertriebenen: sie sind es, die Marteria derzeit umtreiben. Denn sie sind Angelpunkte für die drei kräftigsten Songs des Albums: „Alien" und „Elfenbein", in dem aus der Sicht eines Flüchtenden erzählt wird, sowie „Skyline", in dem der 17-jährige Marten zu uns spricht, als Geflüchteter aus einem New York, wo das World Trade Center noch steht. Mit diesen Titeln gelingt es ihm, uns das Thema nicht nur ans, sondern wie eine Eisenklaue ums Herz zu legen. Und nichts anderes wollen wir.

„Scotty Beam Me Up", der ebenfalls extraterrestrische Tendenzen aufweist, sucht uns dann mit einer ziemlich irdischen Hook heim. Auch „Cadillac" und „Große Brüder" knüpfen musikalisch dort an, wo „Das Geld muss weg" angefangen hat: melodiös und eingängig sind das die chartverdächtigen Ohrenschmeichler des Albums.

Wütend, düster und melancholisch hat er 2007 angefangen, am seidenen Faden über dem Geländer hängend. Seitdem geht es mit jedem Album weiter nach drinnen. Mit Roswell hebt er den Blick und blickt entspannt aus das große Bild.

Ist es das, was die 80 zahlenden Gäste vom Jahr 2009 suchen? Vielleicht nicht. Deshalb nimmt er sie mit „Skyline" noch einmal mit in alte Zeiten. Ebenso in „Blue Marlin". In diesem Song steckt das Verschachtelte, Düstere, das ihm so gut steht. Und täuschen wir uns oder schimmert da im Blau der Tiefsee auch einen altbekannter, psychedelisch-grünen Schimmer?

Heute sitzt Marteria mit seiner großen Fangemeinde auf dem Fensterbrett. Bequem, möchte man sagen, ohne Wahn und Schwindel. Aus dieser Perspektive lässt er den Blick schweifen, dem trotz dieses inzwischen erarbeiteten Komforts die wichtigen Themen nicht entgehen. Die Macht der Sprache hat er sowieso auf seiner Seite. So zum Beispiel in „El Presidente", einer schmerzfreien, aber dennoch kritischen, aberwitzigen Wortakrobatik über verlogene Politiker.

In seinem Interview bei uns hat Marteria auch über sein Nierenversagen vor zwei Jahren gesprochen, eine Erfahrung, die er im Song „Tauchstation" verarbeitet. Sein Fazit aus dieser Erfahrung? Völlige Abstinenz macht gar nicht unglücklich. Man merkt, dass Marteria nicht mehr mittendrin steckt, sondern diese Erfahrung mit einem klaren Kopf besingt. Es ist ein sehr versöhnlicher Song über den Rausch.

Nach acht Jahren harter Arbeit heißt es heute: Abhängen mit Aussicht statt aussichtslos über dem Abgrund. Das ist die Sprache, die Roswell spricht. Man gönnt es ihm. Auch wenn dabei weniger eindringliche Songs entstehen. Auf der Fensterbank ändert sich eben die Perspektive des Künstlers. Und dort warten auch ganz neue Möglichkeiten, ganz andere Grenzen, an die man gehen kann: voraussichtlich am 7. Juni veröffentlicht Marteria hier seinen Film „Antimarteria". Frei zugänglich für jeden.

Es ist das wahnsinnigste Projekt, das wir je gemacht haben. Wir sind jetzt alle pleite.

Einer unserer Lieblingskünstler, einer Musiker, der von der Tiefsee bis ins Weltall gegangen ist, hat dazu mal ganz passend gesagt: Das Geld muss weg.

Tracklist: Marteria - Roswell
01. Roswell
02. Aliens (feat. Teutilla)
03. Scotty Beam Mich Hoch
04. El Presidente
05. Das Geld Muss Weg
06. Tauchstation
07. Blue Marlin
08. Cadillac
09. Links
10. Große Brüder
11. Skyline mit zwei Türmen
12. Elfenbein (feat. Yasha & Miss Platnum)

Roswell wurde am 26. Mai 2017 via Green Berlin (Sony Music) veröffentlicht.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.