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Lieblingstonträger: Lewis Del Mar - Lewis Del Mar

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Was habt ihr schon in eurem Schlafzimmer produziert, außer einer versifften Matratze? Lewis Del Mar für ihren Teil haben eines der besten Alben dieses Jahres dort gebastelt.

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Mit ihrer Musik übersetzen Lewis Del Mar vom Rockaway Beach nicht nur ihren Wohnort, der das Beste aus Großstadt und Strand vereint, sondern machen ihn gleich zum Stilelement ihres Klanges: Hier werden melodische Gitarrenklänge mit hartem Industrial-Sound fusioniert.
Diese Ansage macht bereits der erste Track des selbstbetitelten Debütalbums, "Such Small Scenes". Die anfängliche Härte verbindet sich mit dem Einsetzen von Dannys Gesang zu einer Hymne all derjeniger, die mit dem Heimatbegriff nicht besonders viel anfangen können.

Swimming in my new life downtown, now I realize never felt at home in my hometown. And it's no surprise.

Der nächste Track, "Loud(y)", richtet sich gegen halbautomatische Quasselstrippen und die reizüberflutende Stadt. Besonders clever ist der zweite Vers, in dem sich richtig ausgekotzt wird - gesprochen, nicht gesungen und das fast zu leise, dass man es vor der Gitarre kaum hören kann. Die folgende, zweisekündige Stille, bevor der Chorus brachial einsetzt, hat hier schon dem ein oder anderen Radiomoderator das Herz in den Magen fallen lassen.

Mit diesem Song hat übrigens alles angefangen, vor gerade mal einem Jahr. Danny Miller und Max Harwood hatten "Loud(y)" einfach mal ins Internet gestellt, ohne sich vorher auszumalen, was damit passieren und wie ihr musikalisches Projekt angenommen werden könnte. Noch viel weniger als überhaupt nichts, hätten sie wohl nie gedacht, dass "Loud(y)" einen derartigen Hype auslöst. Auch für uns war klar: Das sind Künstler, die ihr auf dem Radar haben solltet.

Dabei wollte man den Jungs nicht mal glauben, dass es sich dabei um ihren ersten Song handelt - derart kongenial, dass Danny und Max doch schon seit Jahren zusammenarbeiten müssen. Ganz falsch ist das auch nicht. Die beiden kennen sich bereits seit der Grundschule und waren schon mal vor Lewis Del Mar gemeinsam in einer Blues-Band, dessen Namen sie allerdings nicht verraten wollen. Schnee von gestern. Dabei hört man das Bluesige auch noch am aktuellen Klang, gerade an den Gitarrenriffs und den selbstreflektierenden, persönlichen Texten. Danny Millers Gesang ist dabei so eindringlich, dass man nicht nur zuhören will, sondern meint, unbedingt zuhören zu müssen.

Vorzeigebeispiel für besagten Blues ist "14 Faces", in dem auf die Jugend zurückgeblickt und mit heute verglichen wird, während sich Sturm (tosendes Getrommel) und Schönwetter (zarte Gitarrenriffs) ein Wechselspiel leisten.

14 ages, used to be bravest, I used to be young but now life is so dangerous and I'm feeling the days, feeling the days.

"Painting (Masterpiece)" ist ein kleiner Ausreißer, weil relativ steril - der Track kommt ohne schrammige Klänge aus. Die Botschaft ist etwas beliebig, da schon in jedem Shanti-Buch gelesen (sollte es nicht tatsächlich um Zimmerfarbe gehen):

If you want it, you can have it, every color that you see, see, see. If you want it, want it bad, build yourself a technicolor masterpiece.

Aka: Du kannst alles haben, was du willst. Du musst nur dazu bereit sein, dich selbst darum zu kümmern.

"Tap Water Drinking" macht unwiderstehliche Lust auf Leitungswasser aus der Karibik und lässt den ein oder anderen Münchner daran zweifeln, dass ihres wirklich das allerbeste auf der Welt ist. Allerdings verbirgt sich dahinter gar keine Werbung, sondern vielmehr ein Seitensprunggeständnis - und gleichzeitig eine sehr explizite Abrechnung mit dem Mädchen, das ebenfalls einen Freund hatte. Ab der zweieinhalbsten Minute entwickelt sich daraus regelrechter Wutgesang. Heieiei.

I want to drink your water, a tap from the Caribbean. Forbidden fruit's in season Cherry lips and fresh peaches. You know I am cheating but I can't feel guilty in the Mojave, so I want to drink your water, I want your water.

"Malt Liquor" erinnert mit dem Duett aus sanftem Gesang und runter gepitchter Stimme an Seekae. Neben Gitarre, Schlagzeug und Synthesizern muckt sich außerdem hier noch ein weiteres Instrument auf: Ein Klavier, das auch bei den folgenden Songs eine größere Rolle spielt.Pianoklänge erscheinen nämlich auch verstärkt bei "H.D.L.", der dementsprechend wie eine Ballade beginnt (bevor der Klang auch hier wieder explodiert). Wer hier eine Liebesbekundung aus alten SMS-Kürzelzeiten vermutet, muss sich mit dem genauen Gegenteil zufriedengeben.

I keep my heart down low Do you not know? Do you not know? I keep my heart down low Do you not tow? Cause I can't go, I'm dying, dying Every time you come 'round.

Auch "Islands" beginnt sehr balladig und lässt einen abdriften. Die ganze Welt wirkt plötzlich wie eine Insel. Nein Halt - man selbst ist die Insel, alles andere ist leerer Raum.

Dreaming sleepless while this city dreams of peace. I don't believe in misery I don't believe that you're near. Islands of myself, Islands of myself, Islands of myself. Can you help me?

Richtig philosophisch wird auch nochmal der letzte Track des Albums, "Live That Long". Es geht um Atheismus, Vergänglichkeit und Carpe Diem. In genauer dieser Reihenfolge:

But I don't really believe in anything, cause I know that old plans fade away. So I'm only planning for today.

Sogar ein bisschen Minimalismus schwingt mit, denn - während Schlagzeuger Max sich zunächst auf eine Cajón beschränkt - singt Danny: "Understand me when I say: All I had I gave away".

Auf diesem Debütalbum passt einfach alles zusammen, trotz des ganzen Widerspruchs, der sich wie ein roter Faden durch das komplette Werk zieht. Bei Lewis Del Mar geht es stets um das Zusammenspiel aus Harmonie und Krach, beziehungsweise den Krach als Mittel zur Harmonie, was wunderbar funktioniert, ohne zu nerven. Hilfreich ist hier nicht nur die Tatsache, dass schöne Dinge oft sichtbarer in Kombination mit Hässlichem werden, sondern auch ein feinfühliger Ästhetiksinn. Dabei ist das Album oft derart schön, dass man heulen möchte.

Tracklist: Lewis Del Mar - Lewis Del Mar
01 Such Small Scenes
02 Loud(y)
03 14 Faces
04 Painting (Masterpiece)
05 Puerto Cabezas, NI
06 Tap Water Drinking
07 Malt Liquor
08 H.D.L.
09 Islands
10 Live That Long

Lewis Del Mar von Lewis Del Mar wurde am 7.10.2016 via Columbia veröffentlicht.

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