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Lieblingstonträger: Kaleo A/B

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Mit ihrem Album zeigen Kaleo, dass auf der Welt einfach nichts mehr so ist, wie es einmal war. Zum Beispiel, dass Isländer neuerdings schrammigen, kaum deprimierenden Bluesrock basteln.

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Wenn man an die isländische Musiklandschaft denkt, drängt sich sofort und unweigerlich ein Stichwort auf: Elektrofluff. Vielleicht auch nicht, den Begriff haben wir gerade immerhin spontan erfunden, um entspannte-Songs-mit-angenehmer-minimaler-Elektronik in das angekündigte Stichwort zusammen zu fassen. Elektrofluff eben, den uns isländische Künstler wie Samaris, Ólafur Arnalds, Sin Fang und Sóley bescheren. Definitiv aber denkt man nicht an schrammige Riffs, rauchige Stimmen und prägnante Drums, mit dem Kaleo gerade auf dem Vormarsch sind.

Wie sehr Kaleo dann aber doch diesen einfühlsamen, sphärischen Klang drauf haben, mit denen sich ihre Landsmänner einen Namen gemacht haben, zeigen sie unter anderem mit "All the Pretty Girls".

Seit 2012 ist Kaleo offiziell eine Band. Die Geschichte an sich ist allerdings schon viele, viele Jahre älter: Inspiriert vom Rock und Blues der 50er und 60er Jahre, fingen die Schulfreunde JJ Julius Son (Gesang, Gitarre), Davíð Antonsson (Schlagzeug, Gesang) und Daníel Ægir Kristjánsson (Bass) mit circa 14 an, etwas rumzujammen.

Hauptsächlich Coversongs standen damals auf dem Plan, einerseits von Weltklassikern wie Nancy Sinatras "Bang Bang", andererseits auch isländische Volkslieder wie "Vor í Vaglaskógi" - ein sehr lyrischer Song, in dem das Treffen eines Pärchens im Wald beschrieben wird. Letzterer brachte der jungen Band den ersten Hype. Nachdem sie schon einige Zeit mit ihren Coversongs durch die Bars Islands tingelten, wurden sie eines Tages zu einer Radioshow eingeladen, in der sie diesen live einspielten. Die Isländer flippten aus und hypten den Song in ihre Charts. Kurze Zeit darauf (immer noch 2012) wurden sie für einen Gig beim Iceland Airwaves gebucht.

Damit wurde das Ganze ein bisschen ernster. Kaleo holten sich zur weiteren Unterstützung den Gitarristen Ruben Pollock in die Band und arbeiteten an den ersten eigenen Songs. Ihre selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlichten sie 2013 in Island.

2015 meldete sich dann das erste große Label, Atlantic Records, woraufhin die Jungs Island verließen und nach Austin, Texas zogen, wo sie ihre Musik plötzlich einer noch viel, viel größeren Masse präsentieren konnten - auf dem SXSW 2015.

Doch natürlich haben Kaleo ihrer Heimat nicht komplett den Rücken gekehrt. Im selben Jahr noch nahmen sie das Video zu "Way Down We Go" auf. Und wo würde dieser Songs visuell besser rüber kommen, als in einem verdammten isländischen Vulkan? Eben. Aber nicht nur, dass die Kulisse perfekt passt (die Jungs mussten einige hundert Meter unter die Erdoberfläche fahren), auch der Klang ist außerordentlich.


Kaleo - -Way Down We Go- (LIVE in a volcano) von alashari

Mit ihrem neuen Album fordern euch Kaleo zu einem Gedankenspiel heraus. Passt auf: Ihr kündigt euren Job, schmeißt die Uni, verkauft euren kompletten Besitz, behaltet lediglich eure zehn liebsten Gegenstände, kauft einen Wagen und fahrt. Ihr fahrt einfach, schaut nicht zurück, bis ihr einen entlegenen Ort gefunden habt - am besten irgendwo am Meer, wo es Klippen gibt, auf denen man hocken und sinnieren kann. Das ist dann euer neues Leben. Frei und am Arsch der Welt.

Als würde der Klang Kaleos nicht sowieso schon dazu anspornen, haben sie zudem noch den passenden Track aufs Album gepackt, "Automobile". Im Video dazu zeigen Kaleo übrigens auch, wie es aussieht, wenn eure Bandkollegen und deren Instrumente zu besagten zehn liebsten Gegenständen gehören. Uns liegt ein Clownswitz auf der Zunge...

Dass Kaleo auch ruhigere Klänge anschlagen können, zeigen sie nicht nur mit "All the Pretty Girls" und "Vor í Vaglaskógi", auch der letzte Track des Albums, "I Can't Go On Without You" ist von warmem Kontrabass, Streichern und langsamen, prägnanten Beats geprägt und mit JJ Julius Sons klagender Stimme irre einfühlsam. Zunächst zumindest - in der Mitte bricht nämlich die Gitarre aus und das komplette Klanggerüst explodiert, bis es sich zum Ende hin wieder fängt und langsam ausklingt. Und wir meinen hier wirklich langsam, immerhin dauert der Track 6:17 Minuten, wovon das Outro an die zwei Minuten in Anspruch nimmt.

"I Can't Go On Without You" ist dieser kleine Tritt am Ende einer jeden gelungenen Rockplatte. Nicht nur klanglich wühlt er auf, auch emotional spielt der Track mit dem Hörer. Der müsste schon das Empathie-Level eines Steins haben, um sich nicht von JJ Julis Sons Gefühlen anstecken, gar mitreißen zu lassen.

Wir können euch gar nicht sagen, wie froh wir über die Existenz dieses Songs sind. Immerhin könnte es der Heiland sein, der ein für alle Mal die negative Konnotation mit pfeifenden Rockern aus unserem Hirn beseitigt. Zum Teufel mit den Scorpions.
Überhaupt können wir nicht sagen, wie froh wir um die Existenz Kaleos sind. Einwandfreier, isländischer Rock. Dass wir das noch erleben dürfen.

Tracklist: KALEO - A / B
01. No Good
02. Way Down We Go
03. Broken Bones
04. Glass House
05. Hot Blood
06. All the Pretty Girls
07. Automobile
08. Vor í Vaglaskógi
09. Save Yourself
10. I Can't Go On Without You

A / B von KALEO wurde am 10. Juni via Atlantic (Warner) veröffentlicht.

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