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Lieblingstonträger: Dear Reader - Day Fever

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Für ihr fünftes Studioalbum hat sich die südafrikanische Künstlerin ein ganz besonderes Instrument für üppigen Klang ausgesucht: Minimalismus. Und das wirkt sich ganz schön ordentlich aufs Gemüt aus.

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Dabei ist es wirklich faszinierend, wie unterschiedlich Musik aufgenommen werden kann. Von Gefühl zu Gefühl und Moment zu Moment kann sich die Wahrnehmung ändern. So ist Day Fever nicht nur ein Album für die Nacht, sondern auch für Zeiten der Trauer, Sorgen und Zweifel. Ein generell zufriedener Mensch könnte so über Day Fever sagen, wie traumhaft und fantasievoll, geradezu kitschig es ist, während das Gefühlspendant dazu in Schmerz zergeht. Zum einen hätte man da Disney-artige Gesänge, die zum anderen gerne mit dunkel wummernden Akkorden unterlegt werden. Thematisch geht es dabei um allerlei Scumbags, die sich zur Hölle scheren sollen, Selbstzweifel, blöde Gefühle, Peter Pan - kurz: Dear Reader, aka Cherilyn MacNeil befasst sich mit dem alltäglichen Leben.

Am liebsten würde man bei Day Fever auf jeden Track einzeln eingehen. Es gibt so viel zu entdecken, so viele Klang-Details! Verschiedenste Bläser, Klanghölzer, metallene Klangstäbe, orgelartige Akkorde, unterschiedlichstes Geklacker, mal sphärische, mal dröhnende Synthesizer. Wie wundervoll auch die elektronischen Klangelemente beispielsweise in "Mean Well" funktionieren, oder die Trompeten in "Wake Him". "Placate Her" überzeugt in seinem Minimalismus. Zu hören sind hier größtenteils Gesang, Chor und zwei Gitarren. Kalt und bedrohlich klingt "If Only Is". Unheilvoll dröhnende Synths kombiniert mit schrillen Bläsern und einem treibenden, arabischen Rhythmus. Omnipräsente Mittel sind jedoch lediglich Dear Readers zarter Gesang, der Chor und der fabelhafte Minimalismus. Irre, was man damit alles anstellen kann.

Das Cover des Albums ist bei Day Fever besonders passend. Was von weitem aussieht, wie die ulkige Patchwork-Decke von Omi, macht bei näherer Betrachtung wahnsinnig viel Sinn: Die vielen kleinen, scherbenförmigen Fragmente wirken wie Erinnerungen, die nach einem greifen, einen verschlingen wollen.

Wenn es schon kein verlässliches Heilmittel gegen Kummer gibt, gibt es mit Klängen, wie man sie auf Day Fever zu hören bekommt, zumindest etwas Linderung. Das löst derart viele (gerne mal sehr unbehagliche) Gefühle aus, dass man sich danach wie ausgespült fühlt - éleos und phóbos (Jammer und Schauder) führen also tatsächlich zur Katharsis.

Tracklist: Dear Reader - Day Fever
01 Oh, The Sky!
02 Tie Me To The Ground
03 So Petty So Pathetic
04 Mean Well
05 Wake Him
06 Placate Her
07 If Only Is
08 I Know You Can Hear It
09 Nothing Melodious
10 Then, Not Now
11 The Run

Day Fever von Dear Reader wurde am 24.02.2017 via City Slang (Universal Music) veröffentlicht.

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