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Lieblingstonträger: Arcade Fire - Everything Now

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Kann eine Band, die mit den ersten vier Alben einen derartigen Hype um sich aufgebaut hat, gar als größte Bands des Substreams gehandelt wird, mit dem fünften Werk überhaupt was richtig machen? Nope. Einzige Möglichkeit: das ganze System von vornherein kritisieren.

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Spätestens seit ihrem Album Reflektor, das 2014 erschien, gelten Arcade Fire als die Heiländer der von den Massen gefeierten Musik, ohne dabei auch nur ansatzweise mainstreamig zu klingen - Tracks, die ganz ohne Trap-Elemente, Auto Tune oder A$AP Rocky als Feature auskommen.

Möglicherweise ist deswegen der Hassfaktor an Everything Now unter Fans unnatürlich (und unberechtigt!) hoch. Für den Klang von Everything Now bedienen sich die Kanadier nämlich ordentlich an Elementen aus den 80er Jahren, Stadionrock und dem eigenen Songrepertoire. Während die pompöse Diskomelodie gerne mit ABBA assoziiert wird, erinnert die Melodik der Vocals an Frankie Vallis "Can't Take My Eyes Off You" - könnte man nun scheiße finden, obwohl es eigentlich eiskalt berechnet ist. Denn Win Butler singt...

And every song that I've ever heard is playing at the same time, it's absurd.
And it reminds me of Everything Now

Strenggenommen hat diese halbe Strophe nichts mit dem Thema des Songs zu tun, da es sich darin eher um eine Person handelt, die alles hat, es dennoch nicht fühlt, jedoch vorspielt, glücklich zu sein, weswegen die Ich-Figur darauf hinweist, dass besagte Person doch alles habe, also aufhören soll, Glück nur vorzuspielen, da dies, was die besungene Figur eben hat, ziemlich wertvoll und begehrenswert ist (diese Art Mensch dürfte wohl jeder im Freundeskreis haben).

Allerdings ist das komplette Album derart doppeldeutig, dass eine weitere Interpretation (nämlich die, dass Arcade Fire mit Everything Now die aktuelle, ominöse Musikindustrie kritisieren) auch nichts mehr ausmacht.

Für den Song haben Arcade Fire übrigens erstmals Gebrauch von einem Sample gemacht: Die Flöte, die ihr vernehmen könnt, ist nämlich keine Panflöte, wie es oft spekuliert wurde, sondern ein spezieller Flötengesang namens Hindewhu, der von den zentralafrikanischen Ba-Benzélé-Pygmäen kreiert und 1982 vom Kameruner Francis Bebey im Song "The Coffee Cola Song" benutzt wurde.

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Der folgende, ebenso 80s angehauchte Song "Signs of Life" richtet sich an die Cool Kids, die Lebensinhalte aus der Vergangenheit beziehen, verstorbene Menschen kopieren und damit eigentlich gar nicht wirklich leben. Die Suche nach Hinweisen auf Leben geht somit erfolglos aus.

Those cool kids stuck in the past [...] Wait outside until it begins / Won't be the first ones in

Spend your life waiting in line / You find it hard to define / But you do it every time / Then you do it again

Looking for signs of life / Looking for signs every night / But there's no signs of life / So we do it again [...]

First kiss tastes like cigarettes / Dead man walking take your bets / Once again you lost your friends / Around and around again

"Creature Comfort" beschreibt eine tragische Geschichte. Es geht um mangelnden Selbstwert und den Drang, diesen aus Berühmtheit zu schöpfen - wenn dies nicht klappt, bleibt nur noch Suizid.
"Peter Pan" erinnert klanglich leicht an die Reggaeversion von Damon Albarn - ihr dürft euch nun ganz weit aus dem Fenster lehnen und einmal raten, um was es in dem Song gehen könnte. Kleiner Hint aus den Lyrics:

In my dreams you're dying, it wakes me up and I can't stop crying
I just wanna live forever

Es folgen "Chemistry", der unerträglich nach "I Love Rock'n'Roll" klingt, und "Infinite Content", der eine lächerlich ausgelutschte Kritik birgt: "Igitt, Konsum, igitt, wir sind alle Opfer". Gebettet ist die Message auf Stadionrock à la Foo Fighters. Das mit den Gitarren können Arcade Fire doch besser, verdammt.

Das erzürnte Gemüt glättet sich allerdings umgehend bei den Klängen von "Electric Blue", unserem Lieblingstrack des Albums. Régine Chassagne übernimmt die (irre hohen) Vocals und sorgt damit für leichte Wiederhörensfreude mit "Sprawl II". An dieser Stelle bewegt sich Everything Now thematisch weg von Gesellschaftskritik und hin zur Liebe. Es geht (möglicherweise) um eine Figur, die sich sicher war, im Sommerurlaub ihre große Liebe gefunden zu haben. Doch die Person des Begehrens reist irgendwann ab und lässt die Ich-Figur verzweifelt, leidend und heulend zurück ("Cover my eyes Electric Blue").

I thought I found it, but I found out I don't know shit

Der langsame, gelegentlich schrille Song "Good God Man" ist der perfekte Soundtrack für einen verbitterten Menschen, der allein am Tresen einer düsteren Bar hockt, seinen Whiskey schlürft und dabei rummurmelt.

"Put Your Money On Me" wiederum richtet sich an die Hoffnung der ewigen und aufrichtigen Liebe und verspricht das (in unserer Zeit zumindest) gefühlt Unmögliche. Ein lebenslanges Versprechen in Bezug auf den Partner - wer macht denn sowas noch! Deswegen ist der Song allerdings auch so unfassbar schön.

Put your money on me
If you think I'm losing you, you must be crazy
[...]
I'm never gonna let you go, even when it's easy

Im Gegensatz dazu steht "We Don't Deserve Love". Hier geht es um ein Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat, stumm nebeneinander her lebt, nicht aufeinander eingeht, absolut jede Bindung zueinander verloren hat und damit (wie der Titel unschwer erkennen lässt) den Begriff der Liebe gar nicht verdient hat.

Denn echte Liebe ist etwas Außergewöhnliches, etwas Ultimatives, etwas Einfaches - so, wie das Pärchen sie auslebt, beziehungsweise es meint, sie zu leben, ist sie einfach verschwendet. Dann lieber trennen. Denn was bringt es schon, über die Jahre ineinander verwachsen zu sein, wenn die Wurzel des Ganzen faul ist.

Wer es geschafft hat bis hier hin dem Album chronologisch zu lauschen, hat bereits früh gemerkt: Everything Now ist ein einziges Mixtape, die Übergänge von Song zu Song also fließend. Bis auf einen kleinen merkwürdigen Sprung geht sogar der letzte Track "Everything Now (continued) fast einwandfrei über in den ersten, "Everything_Now (continued)".

Daher ein kleiner Tipp für diejenigen, die mit "Chemistry" und "Infinite Content" ähnlich wenig wie wir anfangen können: Das Album eignet sich perfekt für einen 41-minütigen Weg - dann fangt ihr nämlich einfach bei "Electric Blue" an und seid am Ziel, bevor "Chemistry" und "Infinite Content" starten. So Genial. So klug. So wow.

Überhaupt ist eigentlich alles an Everything Now so genial, so klug, so wow. Denn nicht nur literarisch ist wahnsinnig viel aus dem Album rauszuholen und zu deuten - Klangkonstrukte und Marketingmasche deuten noch was viel Größeres an: Kritik an der Musikindustrie (wie schon beim Song "Everything Now" angedeutet). Aber weder larifari noch mimimimi, sondern wirklich bis ins kleinste Detail durchdacht und inszeniert.
Beispielsweise werden die großen, erfolgreichen Melodien des vergangenen Jahrhunderts - einer Zeit, in der Mainstream noch besser, zumindest variierender war - einzeln imitiert. Um dafür zu sorgen, dass das kein Schuss nach hinten wird, haben sich Arcade Fire produktive Unterstützung von Thomas Bangalter geholt. Der fett durchproduzierte Klang des Albums wirft eine unangenehme Frage auf: Wenn die Songs so konzipiert wurden, dass sie massentauglich und leicht gut verkäuflich sind - outet man sich dann als leichtes Opfer des Mainstreams?

Für die Vermarktung haben Arcade Fire ein ganzes Imperium kreiert: Die fiktive aber bösartig kommerzoriente Everything Now Corp übernahm die pompöse Promo fürs Album. Es wurden Fake-Produkte vertrieben (zum Beispiel "Electric Blue" Augentropfen, eine "Good Damn God" Bibel, "Creature Comfort" Cereals, "We Don't Deserve Love" Wein oder ein "Chemistry" Energy-Drink), eine ganze Fake-Webseite mit Verschwörungstheorien und Fake-News wurde gebastelt. Alles schreit einerseits: "Böse Musikindustrie, pfui!" Und andererseits: "Ihr schön blöden Konsumenten, pfui!"

Dass die Botschaft auf Kosten der Fans geht ist schade und der Lerneffekt sowieso fraglich. Nonchalant ignorieren wir also lieber weiterhin diese unangenehme Wahrheit und feiern Everything Now. Am besten auf dem Weg zur Disko!

Tracklist: Arcade Fire - Everything Now
01. Everything_Now (continued)
02. Everything Now
03. Signs Of Life
04. Creature Comfort
05. Peter Pan
06. Chemistry
07. Infinite Content
08. Infinite_Content
09. Electric Blue
10. Good God Damn
11. Put Your Money On Me
12. We Don't Deserve Love
13. Everything Now (continued)

Everything Now von Arcade Fire wurde am 28. Juli 2017 via Smi Col (Sony Music) veröffentlicht.

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