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Lieblingstonträger: alt-J - RELAXER

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Gewaltsames Puzzeln statt Gefälligkeit: So klingt RELAXER, das dritte Album von alt-J. Und das ist - wie jede gute Kunstausstellung - nicht immer einfach, aber schön.

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Mit RELAXER erschien am 2. Juni das lang ersehnte dritte Studioalbum des englischen Trios alt-J. Formen, die sich bilden, um sofort wieder zu zerfallen - das muss man mögen. Aber wer nach alternativer und trotzdem zusammengezurrter Musik sucht, der findet auch weiterhin noch vieles zwischen alt-J und Mainstream. Denn mit RELAXER hören unsere Knie auf zu zittern: Nein, sie produzieren immer noch nichts Gefälliges.

Genau wie das letzte Album ist auch dieses eines zum Durchhören. Damals war es ein Blockflötentrack, der uns schreiben ließ, dass die Songs nicht unbedingt zum einzeln Anhören taugen. Auch RELAXER hat keinen Shufflefaktor. Das Album ist eine runde Sache, wie die letzten beiden Alben.

Aber man weiß ja, dass eine runde Sache aus der Feder von alt-J mindestens drei Ecken hat. Auf RELAXER hat die Blockflöte Pause. An ihre Stelle treten Geräusche von sprudelndem Wasser, knisterndem Feuer, leisem Schnarchen, Scheppern und so viel Unidentifiziertes. Was die Klangvielfalt angeht, macht der Eröffnungstrack „3WW", die erste Auskopplung des neuen Albums, gleich ein klares Statement.

Das lässt schon ahnen: Im ständigen Strom der Neuveröffentlichungen kommt hier etwas auf uns zu, das nicht einfach vorbeizieht. Diese Platte verhakt sich in der Böschung und verlangt uns einige Aufmerksamkeit ab. Diese Sammlung aus Songs und Videos absorbiert unsere ganze Konzentrationsfähigkeit. Das Video zu "3WW" hat die Produktionsfirma Young Replicant beigesteuert. Es erzählt eine Geschichte von Liebe und Verlust - ganz im Gegensatz zum Song.

We love working with great directors, giving them the creative freedom to interpret our tracks as they wish. It leads to great collaborations, like this new video for In Cold Blood from Casper Balslev. As you are about to find out, a day in the life of a wood mouse can be unexpectedly dangerous... We hope you enjoy it.

Beim Versuch, diesen freien kreativen Prozess in diesen beiden Videos nachzuvollziehen, stößt man schnell an Grenzen. Aber was macht gute Kunst aus? Dass sie sich nicht offenbart. Etwas Verstricktes möchte entwirrt werden, etwas Verhülltes ausgewickelt. Die Tracks auf RELAXER regen abwechselnd zum wilden Spekulieren und zum stillen Überdenken an. Auf Hilfe von außen brauchen wir uns keine großen Hoffnungen zu machen: Die Homepage der Band wurde vor Kurzem zu einem Onlinespiel, das sich an das PlayStation Spiel LSD Dream Emulator anlehnt und mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Die wiederum unbeantwortet bleiben werden. Auf und um RELAXER herum wurde kein Handgriff nur um des Effekts willen getätigt. Wir stehen vor etwas Großem und Rätselhaften. Und im besten Fall ahnen wir.

alt-J öffnen vieleckige Wurmlöcher und lenken uns auf verwinkelte musikalische Pfade, auf denen hinter jede Ecke genau das wartet, was wir jetzt nicht mehr erwartet hätten. Wie geschieht mir? Diese Frage drängt sich zum ersten Mal beim dritten Track des Albums auf. „House of The Rising Sun" schmiegt sich mit vertrauten Lyrics an unsere Ohren, doch irgendwas an dem Song scheint von Anfang an verdächtig. Und lange dauert es tatsächlich nicht, bis die Geschichte abdriftet und sich auch das Klanggewebe unverkennbar alt-J-typisch in ganz verschieden große Maschen entzerrt. Der Klassiker scheint in die Sprache eines fremden Planeten übersetzt worden zu sein. Kaum haben wir das verdaut, biegen wir schon in die nächste Haarnadelkurve ein. In „Hit Me Like That Snare" wird ebenfalls ein Klassiker zitiert, aus weitester Ferne diesmal. Jetzt befinden wir uns in einer Garage, wo uns erst mal zart besaitete Jungs zeigen, dass sie auch gerne auf Blechdosen hauen.

Nichtsdestotrotz ist das Album, wie gesagt, eine runde Sache. Darauf besinnen wir uns spätestens bei „Adeline", einer wunderbar mystisch vertonten Ballade, in der erzählt wird, wie sich ein tasmanischer Teufel in ein Mädchen verliebt, das er beim Schwimmen beobachtet. Auf einem ganz sanften Bogen gleiten wir dann mit dem vorletzten Track „Last Year" und dem episch-choralischen Abschluss „Pleader" aus. Da haben wir die Garage schon fast wieder vergessen.

Mitte 2012 veröffentlichten alt-J ihr Debütalbum An Awesome Wave. Anfang 2013 waren sie in drei Kategorien für die Brit-Awards nominiert und Gus erzählte von dem komischen Gefühl, dort aus dem Auto zu steigen und nicht erkannt zu werden. Das kann ihnen heute nicht mehr passieren. Schon 2014 steigt Bassist Gwil Sainsbury aus, weil ihm der Wirbel um seine Person zu viel wird. Trotzdem gelingt es den restlichen drei Mitgliedern bis heute diesen Wirbel um sich selbst klein zu halten. "Bei uns geht es um die Musik, nicht um die Gesichter", das sagen sie damals. Darum und nur darum geht es der Band immer noch: Das Gewagte mit der souveränen Handwerkskunst zu kombinieren, das ist echte musikalische Qualität.

Und das ist auch das nachhaltig Faszinierende: Dieser einen Linie folgen sie. Es ist eine unglaublich zackige Linie - und die Musiker absolut zielstrebig. Sie machen vor keinem Experiment halt und vermitteln dabei den Eindruck, als wüssten sie schon seit Ewigkeiten, was sie da tun.

It's a song we began writing in our Leeds days and finished last year in London. The brass was recorded at Abbey Road; the keyboards were done on a Casiotone that cost £1.05 on eBay; and no-one is quite sure where the key change came from. We hope you enjoy it.

Vielleicht stimmt das also gar nicht. Vielleicht ist es tatsächlich ein blindes Gespür, eine schlafwandlerische Intuition, auf die sie sich verlassen. Zumindest wollen sie uns das glauben machen mit solchen sporadisch gesäten Understatement-Kommentaren zu ihren Songs.

Wer weiß, woher das alles kommt und wie das alles zusammenhängt. Vor zehn Jahren spielte John seinem Studienkollegen Gus die ersten Songs in seinem Zimmer im Studentenwohnheim vor. Inspirationen dafür kamen vom Gitarrespiel seines Vaters. Und von Halluzinogenen.

Beim Durchhören von RELAXER möchte man zwischenzeitlich fast den Kopf schräg legen und die drei Engländer belächeln. Es kitzelt die Versuchung, diese Band und ihr Gesamtkonzept jetzt einfach ins Museum zu stellen und nur noch aus sicherer Entfernung zu betrachten. Doch genau in dem Moment, wenn bei uns nach ewigem Kopfzerbrechen diese Resignation eintritt, bleibt wunderschöne Musik übrig. Herzzerreißend schön, stellenweise. Sei es, was es will: Yes, we enjoy it.

Tracklist: alt-J - RELAXER
01. 3WW
02. In Cold Blood
03. House of the Rising Sun
04. Hit Me Like That Snare
05. Deadcrush
06. Adeline
07. Last Year
08. Pleader

RELAXER von alt-J wurde am 2. Juni 2017 via Infectious veröffentlicht werden.

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