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Lieblingstonträger: James Vincent McMorrow - We Move

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JAMES VINCENT MCMORROW
James Vincent McMorrow
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Die Schizophrenie des Spätsommers wird dieses Jahr bestens musikalisch begleitet von James Vincent McMorrow und seinem dritten Album: Das ist ebenso sanft und schwerelos, wie melancholisch und bitter.

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Wir bewegen uns. Nicht nur rein physisch, sondern auch geistig. Und das ständig: Ständig reflektieren wir, loten aus, kalkulieren unseren Platz in diesem riesigen Universum neu und entwickeln uns dementsprechend. Im Falle von James Vincent McMorrow ist sein Platz nicht im Folk, in dem er sich bei seinem Debütalbum Early In The Mornings 2010 versucht hat. Freilich ein sehr gutes Album mit akustischem Schwerpunkt. Freilich eines der besten seiner Art - aber einfach nicht das, was James Vincent McMorrow als Künstler machen wollte. Deswegen kam 2014 dann Post Tropical raus. Das war weniger akustisch und schon zaghaft elektronischer. Die Kritiken waren damals ziemlich kontrovers: Die einen kürten das Album zum Lieblingstonträger, andere fanden es eher langweilig.

Mit We Move hat James Vincent McMorrow den Bogen nun perfekt geschlagen. Von Folk zu R'n'B, in all seinen Facetten: den flächigen Synths, dem Leid in der Stimme, treibenden Beats und sogar vor Autotune ist der Ire nicht zurück geschreckt.

Dieses Ausprobieren hat ihn sehr viel Energie gekostet. Ständig gefragt zu werden, warum man sich denn mit jedem Album verändern muss, ohne zu begreifen, dass es einfach nie das war, was der Künstler schaffen wollte. Das ging James Vincent McMorrow so nah, dass er auf Facebook ein Statement dazu veröffentlichte.

Thematisch hat sich in seinem Stil nicht viel geändert: Es geht auch auf We Move viel um die Liebe, aber ebenfalls um Selbstzweifel, Gesundheit, Zukunft - unsere Bedeutung auf der Erde allgemein. In "Killer Whales", beispielsweise, reflektiert sich James Vincent McMorrow und adressiert dabei eine unbekannte Liebe: "I make it hard to love me back, I know, I know". Dabei kämpft er mit der Angst, unbedeutend in diesem ganzen kosmischen Gefüge zu sein: "I'm afraid to die without leaving a mark". Ein Zeichen zu setzen - das geht nach James Vincent McMorrow wohl nur mit der Liebe. Und daran liegt euch ein klitzekleines Manko an dem Album: es ist schon sehr gefühlvoll. Das muss man mögen, sonst wird man mit We Move eher weniger anfangen können.

Klanglich hat das neue Album einiges zu bieten. "Rising Water", der erste Vorbote vom neuen Album, ist eher poppig, während "I Lie Awake Every Night" eher in Richtung Ballade geht. Im Kontrast dazu kommt "One Thousand Times" mit 80s-Flair daher. "Surreal" erinnert etwas schmerzhaft an Sam Smith, genießt aber definitiv seine Daseinsberechtigung - in der Weihnachtszeit.

"Evil" ist vom Klang her trappig und thematisch düster:

I'm a mess - still better than a wreck. This used to work for me, now I can barely even sing how I feel about myself. How this is nothing like we planned.
And I think if I'm evil. I'll be going down if I'm evil.

Bei der zweiten Singleauskopplung "Get Low" griff James Vincent McMorrow wieder zu seiner Gitarre. Anfangs klang das dazu kombinierte Autotune noch etwas befremdlich, mittlerweile haben wir uns allerdings auch an das gewöhnt. Außerdem gibt es neben der Albumversion auch eine Live-Session, in der der Song wundervoll natürlich und warm klingt.

"Lost Angles" erinnert in den ersten paar Sekunden an sein "Higher Love" vom ersten Album. Möglicherweise waren es all die Remixe des Songs, die dem Iren zeigten, wie wahnsinnig gut sein Stil zu sanfter Elektronik passt. So scheint er sich in "Lost Angles" ein bisschen zurück zu besinnen. Der Track ist weitestgehend minimal, zunächst wird die Fistelstimme lediglich von etwas Piano begleitet, irgendwann findet sich ein ganzer Chor aus geloopten James Vincent McMorrows ein. Doch nicht nur, dass er eine klangliche Referenz an sein Debüt ist, auch bildet der Track den Rahmen um das Album: Es geht darum, Dinge doch einfach auszuprobieren, sie zu wagen und sich nicht von Angst zurückhalten zu lassen.

And there's a reason that people move or people don't - People change or people stay the same completely [...] Is it better to live your life in shallow water as failling drowning in the deep end [...] Don't let fear control you.

Mit all seiner Samtheit passt We Move also wirklich bestens zum Wandel von Sommer auf Herbst. Es ist ebenso bei seichtem Sonnenschein, wie bei hoffnungslosem Regenschauer zu genießen. Wobei letzteres sogar noch besser passen würde. Denn James Vincent McMorrows neues Album ist zum Sinnieren da. We Move könnte man des Weiteren Tee-typische Namen zuschreiben: Seelenurlaub, Glücksmomente, gute Träume. Doch dies von einem Menschen, der eher weniger Taktgefühl für die schönen Gefühle des Lebens besitzt. Alle anderen dürften sich in der wohligen Wärme des Albums bestens aufgehoben fühlen, eingelullt von James Vincent McMorrows sanfter Stimme.

Tracklist: James Vincent McMorrow - We Move
01. Rising Water
02. I Lie Awake Every Night
03. Last Story
04. One Thousand Times
05. Evil
06. Get Low
07. Killer Whales
08. Seek Another
09. Surreal
10. Lost Angles

We Move von James Vincent McMorrow wurde am 2. September 2016 via Believe Germany (Soulfood) veröffentlicht.

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