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Wenn ich mir das Recht nehme zu arbeiten, hat mein Mann auch das Recht Vater zu sein

09/09/2016 12:20 CEST | Aktualisiert 10/09/2017 11:12 CEST
monkeybusinessimages via Getty Images

Ich bin Mutter und ich bin Anwältin. Zweiteres war mein Wunsch, seit ich denken kann, ersteres einer, der mich erst später ereilt hat als ich festgestellt hatte, mit meinem Mann das große Los gezogen zu haben - ein moderner Mann, der meine Karrierewünsche und Lebensplanungen nicht nur akzeptiert sondern vollumfänglich unterstützt.

Als Partnerin in unserer Kanzlei hatte ich natürlich mehr Freiheiten, als es der normale Angestellte hat. Ich konnte mir meine Zeit frei einteilen, habe viel im Homeoffice gearbeitet und meine Arbeit unterteilt in die zwingend tagsüber zu erledigende und diejenige, die ich auch problemlos Abends oder mal am Wochenende machen konnte.

Es hat mich nie gestört, dass ich die meisten Abende nicht vor dem Fernseher, sondern vor Verträgen verbracht habe, denn mir macht meine Arbeit Spaß. Außerdem komme ich aus einer Familie von Selbständigen und auch mein Mann hat sich mittlerweile selbständig gemacht.

Deswegen hatten wir immer ausreichend Beschäftigung für unsere gemeinsamen Abendstunden. Dass wir nicht beide in den Fernseher starrten sondern in unsere jeweiligen Computer hat uns beide nie gestört und wird sich auch so schnell nicht ändern.

Unsere Kinder sollen nie an zweiter Stelle stehen

Das wichtigste für uns im Leben war es jedoch, unseren Kindern nie das Gefühl zu geben, dass sie an zweiter Stelle hinter unserer Arbeit stehen. Es gibt diverse Grundregeln bei uns zu Hause, wie z.B., dass wir gemeinsam Abendessen und die Kinder gemeinsam zu Bett bringen und keine Handys am Esstisch.

Dies ist auch eine strikt telefonfreie Zeit. Ausnahmen gibt es natürlich, alles andere wäre realitätsfern, jedoch sind und bleiben es Ausnahmen.

Mit einigen Kollegen hatte ich entsprechende Vereinbarungen, dass ich die Schreibtischarbeit übernehme, solange ich kinderbedingt nicht so viel abwesend sein kann, und wenn man sich die Umsatzzahlen dieser Kollegen ansieht ist ersichtlich, dass diese durchaus von dieser Situation profitiert haben.

Ich auf der anderen Seite konnte meine Erfahrung auffrischen und das tun, was mir Spaß macht und gleichzeitig Mutter für meine Kinder sein. Ich habe in der Zeit auch einen Fachanwaltslehrgang absolvieren können sowie meine Dissertation beendet.

Gegenüber Freunden und Familie schwärmte ich von meiner Situation und wie toll doch der von mir gewählte Beruf für Mütter ist. Ich hatte alles, was ich mir jemals gewünscht hatte.

Im Kreise der anderen Partner, überwiegend Männer, versuchte ich, die Vorteile von arbeitenden Müttern hervor zu heben. Ich habe oft darauf verwiesen, dass wir in diesem Bereich stärker werden müssen. Denn bisher haben noch alle Anwältinnen entweder gekündigt bzw. ihre dreijährige Elternzeit genommen sobald sie Mütter waren.

Und viele von diesen Müttern waren unzufrieden, denn so wunderschön es ist, Vollzeit-Mutter zu sein, so schön ist es auch für uns Frauen wenn wir weitergehende Bestätigung durch unsere eigenen beruflichen Leistungen erfahren.

Ich muss doch nicht von Morgens bis Abens im Büro sitzen

Wie einfach wäre und ist es in unserem Beruf, von zu Hause zu arbeiten? Ich brauche heutzutage nicht mehr als einen internetfähigen PC sowie eine Internetverbindung. Ich muss nicht von morgens bis abends im Büro sitzen, ich muss nicht physisch präsent sein. Ob die Schriftsätze hier oder dort geschrieben werden, interessiert den Mandanten erstmal nicht. Und ob der Schriftsatz von Anwalt X oder Y geschrieben wird, weiß der Mandant oftmals nicht.

Es gehört zur Tagesordnung in größeren Kanzleien, dass jüngere Kollegen den Älteren aushelfen und Schriftsätze fertigen, die letztendlich der andere Anwalt als seinen eigenen präsentiert. Warum nicht auch Müttern diese Chance geben?

Meine Versuche stießen immer auf taube Ohren. Zu alt und zu voreingenommen in ihrer Einstellung Frauen gegenüber. Der Störfaktor Frau, den man am liebsten gar nicht einstellt, weil er ja eh schwanger wird. Am liebsten Männer. Aber das geht mittlerweile nicht mehr so einfach.

Die Quote an weiblichen Juraabsolventinnen steigt, der Bedarf steigt und der Kampf um gute Kräfte ist unerbittlich geworden. Gute Bezahlung ist gewünscht, aber für die neue Generation ist auch die Work-Life-Balance wichtig.

Vorbei ist der Trend, dass sich jeder Juraabsolvent wünscht, in einer Großkanzlei verheizt zu werden. Nicht jeder will mit Ende 20 seinen ersten Porsche kaufen können. Soft-Incentives sind gefragt. Jedoch auch hier wieder die gleiche unverständliche Reaktion der alten Partner. Keiner bedenkt, dass die „verweichlichten" Jungen das Produkt der Erziehung genau dieser sich nun beschwerenden Alten ist.

Hierarchie ist und bleibt alles

Das Problem bei Anwaltskanzleien, insbesondere in Deutschland, liegt darin, dass es sich um hierarchische Strukturen handelt. Man ist Anwalt, Rechtsfachwirtin oder Rechtsanwaltsfachangestellte.

Es gibt nichts dazwischen. Der Anwalt ist weisungsbefugt. Die Möglichkeiten, um von Rechtsanwaltsfachangestellter zu Anwalt zu wechseln sind beschränkt. Nicht unmöglich, aber auch nicht einfach. Diese Hierarchie führt bei vielen Anwälten zu Arroganz gegenüber den „Schwächeren".

So ungern ich das nun ausspreche, jedoch hat sich bei mir der Eindruck immer mehr erhärtet, dass auch Mütter gerne als die „Schwächeren" angesehen werden. Es ist für sie vielleicht nicht mehr möglich, vor dem Chef zu kommen und nach ihm zu gehen. Und das wird in der verstaubten alten Generation erwartet. Es fehlt das Vertrauen und das Verständnis, dass Mütter auch von zu Hause arbeiten können.

Dieses Misstrauen geht so weit, dass es Anwältinnen, die Mütter werden, kaum angeboten wird, von zu Hause zu arbeiten. Wenn man es, wie in meinem Fall, macht, weil man dies als Partner nun Mal selbst entscheiden kann, so stellt man fest, dass ein Großteil dies überhaupt nicht als das erkennt was es ist, und unterstellt, man arbeite ja sowieso nichts, nur weil vielleicht der Kritikübende eben nicht von zu Hause arbeiten kann.

Und wenn ich jetzt nur von Müttern spreche, so soll das nicht diskriminierend den Männern gegenüber sein. Ich denke Männer haben in dieser Hinsicht noch ein viel größeres Problem, insbesondere im Anwaltsberuf.

Männer werden in veraltete Geschlechtsrollen hineingepresst

Bei weiblichen Anwälten wird geschluckt, aber die Gesetzeslage ist klar. Bei männlichen wird, sobald der Wunsch nach Elternzeit geäußert wird, geflucht und durch Manipulation darauf hingewirkt, dass diese sich überhaupt nicht mehr trauen, es tatsächlich zu versuchen, mit dem Ergebnis, dass Männer/Väter in die veralteten Geschlechterrollen hineingepresst werden.

Ich denke auch, dass diese Problematik noch in vielen Bereichen besteht, aber gefühlsmäßig kommt es mir in der Anwaltsbranche fast mit am schlimmsten vor.

Mir persönlich ist in letzter Zeit klar geworden, dass mein Traum, den ich jahrelang gelebt habe nichts weiter ist, als ein Traum. In vielen Bereichen im Leben ist dieser Traum bereits Wirklichkeit geworden, auch wenn wir in Bezug auf Gleichstellung immer noch meilenweit von einem befriedigenden Ergebnis entfernt sind, wenn es jedoch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, so hinkt der deutsche Anwaltsstand hier noch erheblich hinterher.

Natürlich kann ich aus erster Hand nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen. Und ich bin mir sicher, dass es bereits zahlreiche Kanzleien mit einer jüngeren Struktur gibt, die hiermit ebenfalls kein Problem haben und Frauen bzw. Mütter gleichberechtigt behandeln.

Ich sehe aber auch in zahlreichen Gesprächen mit Kolleginnen, wie schwierig unser Stand in der Anwaltschaft ist, sobald das erste Kind unterwegs ist. Wie despektierlich die Gespräche hinter unserem Rücken sind, die abwertenden Kommentare über das Ende der Karriere oder die mangelnden Mutterqualitäten, entscheidet man sich für besagte Karriere.

Der Traum von Familie und Karriere

Ich bin der Meinung, dies muss nicht sein! Ich halte an meinem Traum fest, dass gerade der schöne Beruf des Juristen prädestiniert ist, um Familie und Karriere zu vereinen. Wie viele Berufe gibt es, in denen ich für einen Großteil meiner Arbeit lediglich einen PC und Internet brauche?

Wie viele Berufe wurden digital so vereinfacht über die letzten Jahre? Und doch scheint gerade dieser Beruf, mit all seinen Chancen und Möglichkeiten, noch komplett im Mittelalter versunken zu sein.

Wir müssen hier etwas ändern. Und mit wir meine ich nicht nur uns Frauen und Mütter. Ich meine alle! Die alte Generation werde ich nicht mehr zum umdenken bewegen. Die Meinungen sind festgefahren und konnten ein Leben lang gepflegt werden durch die fehlende Emanzipation ihrer Frauen.

Aber die jungen Generation, die jetzigen und zukünftigen Eltern, die können und müssen etwas ändern. Männer, nehmt Euch das Recht, Eltern zu sein, Frauen, nehmt Euch das Recht, zu arbeiten. Wir leben in Zeiten, in denen Mann und Frau arbeiten müssen.

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Wir leben in Zeiten, in denen die akademischen Leistungen der Frauen denen der Männer in nichts nachstehen. Wir leben in Zeiten, in denen Frauen genauso erfolgreich sein können wir Männer. Wir leben in Zeiten, in denen sich Paare bewusst für Familie und Kinder entscheiden können. Wir leben in Zeiten, in denen oft beide Elternteile arbeiten müssen.

Wieso also sollen dann Frauen den Löwenanteil an der Familienarbeit übernehmen? Wieso sollen sich die Männer um das Geldverdienen kümmern? Wieso kann man nicht die Arbeit teilen?!

Ich weiß, dass viele Frauen bewusst sagen, sie wollen sich ganz auf ihre Kinder konzentrieren. Ich weiß, dass viele Paare hier ihre persönlichen Lebenseinstellungen ausleben wollen, bzw. oft auch aus finanziellen und steuerlichen Gründen bestimmte Entscheidungen treffen.

Ich weiß aber auch, dass es viele Frauen wie mich gibt, die beides haben wollen. Die ihr ganzes Leben auf diesen Ideen und Prinzipien aufbauen. Und für diese Frauen sollte es kein Problem sein, beides zu tun.

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