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Wenn ich mir das Recht nehme zu arbeiten, hat mein Mann auch das Recht Vater zu sein

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Ich bin Mutter und ich bin Anw├Ąltin. Zweiteres war mein Wunsch, seit ich denken kann, ersteres einer, der mich erst sp├Ąter ereilt hat als ich festgestellt hatte, mit meinem Mann das gro├če Los gezogen zu haben - ein moderner Mann, der meine Karrierew├╝nsche und Lebensplanungen nicht nur akzeptiert sondern vollumf├Ąnglich unterst├╝tzt.

Als Partnerin in unserer Kanzlei hatte ich nat├╝rlich mehr Freiheiten, als es der normale Angestellte hat. Ich konnte mir meine Zeit frei einteilen, habe viel im Homeoffice gearbeitet und meine Arbeit unterteilt in die zwingend tags├╝ber zu erledigende und diejenige, die ich auch problemlos Abends oder mal am Wochenende machen konnte.

Es hat mich nie gest├Ârt, dass ich die meisten Abende nicht vor dem Fernseher, sondern vor Vertr├Ągen verbracht habe, denn mir macht meine Arbeit Spa├č. Au├čerdem komme ich aus einer Familie von Selbst├Ąndigen und auch mein Mann hat sich mittlerweile selbst├Ąndig gemacht.

Deswegen hatten wir immer ausreichend Besch├Ąftigung f├╝r unsere gemeinsamen Abendstunden. Dass wir nicht beide in den Fernseher starrten sondern in unsere jeweiligen Computer hat uns beide nie gest├Ârt und wird sich auch so schnell nicht ├Ąndern.

Unsere Kinder sollen nie an zweiter Stelle stehen

Das wichtigste f├╝r uns im Leben war es jedoch, unseren Kindern nie das Gef├╝hl zu geben, dass sie an zweiter Stelle hinter unserer Arbeit stehen. Es gibt diverse Grundregeln bei uns zu Hause, wie z.B., dass wir gemeinsam Abendessen und die Kinder gemeinsam zu Bett bringen und keine Handys am Esstisch.

Dies ist auch eine strikt telefonfreie Zeit. Ausnahmen gibt es nat├╝rlich, alles andere w├Ąre realit├Ątsfern, jedoch sind und bleiben es Ausnahmen.

Mit einigen Kollegen hatte ich entsprechende Vereinbarungen, dass ich die Schreibtischarbeit ├╝bernehme, solange ich kinderbedingt nicht so viel abwesend sein kann, und wenn man sich die Umsatzzahlen dieser Kollegen ansieht ist ersichtlich, dass diese durchaus von dieser Situation profitiert haben.

Ich auf der anderen Seite konnte meine Erfahrung auffrischen und das tun, was mir Spa├č macht und gleichzeitig Mutter f├╝r meine Kinder sein. Ich habe in der Zeit auch einen Fachanwaltslehrgang absolvieren k├Ânnen sowie meine Dissertation beendet.

Gegen├╝ber Freunden und Familie schw├Ąrmte ich von meiner Situation und wie toll doch der von mir gew├Ąhlte Beruf f├╝r M├╝tter ist. Ich hatte alles, was ich mir jemals gew├╝nscht hatte.

Im Kreise der anderen Partner, ├╝berwiegend M├Ąnner, versuchte ich, die Vorteile von arbeitenden M├╝ttern hervor zu heben. Ich habe oft darauf verwiesen, dass wir in diesem Bereich st├Ąrker werden m├╝ssen. Denn bisher haben noch alle Anw├Ąltinnen entweder gek├╝ndigt bzw. ihre dreij├Ąhrige Elternzeit genommen sobald sie M├╝tter waren.

Und viele von diesen M├╝ttern waren unzufrieden, denn so wundersch├Ân es ist, Vollzeit-Mutter zu sein, so sch├Ân ist es auch f├╝r uns Frauen wenn wir weitergehende Best├Ątigung durch unsere eigenen beruflichen Leistungen erfahren.

Ich muss doch nicht von Morgens bis Abens im B├╝ro sitzen

Wie einfach w├Ąre und ist es in unserem Beruf, von zu Hause zu arbeiten? Ich brauche heutzutage nicht mehr als einen internetf├Ąhigen PC sowie eine Internetverbindung. Ich muss nicht von morgens bis abends im B├╝ro sitzen, ich muss nicht physisch pr├Ąsent sein. Ob die Schrifts├Ątze hier oder dort geschrieben werden, interessiert den Mandanten erstmal nicht. Und ob der Schriftsatz von Anwalt X oder Y geschrieben wird, wei├č der Mandant oftmals nicht.

Es geh├Ârt zur Tagesordnung in gr├Â├čeren Kanzleien, dass j├╝ngere Kollegen den ├älteren aushelfen und Schrifts├Ątze fertigen, die letztendlich der andere Anwalt als seinen eigenen pr├Ąsentiert. Warum nicht auch M├╝ttern diese Chance geben?

Meine Versuche stie├čen immer auf taube Ohren. Zu alt und zu voreingenommen in ihrer Einstellung Frauen gegen├╝ber. Der St├Ârfaktor Frau, den man am liebsten gar nicht einstellt, weil er ja eh schwanger wird. Am liebsten M├Ąnner. Aber das geht mittlerweile nicht mehr so einfach.

Die Quote an weiblichen Juraabsolventinnen steigt, der Bedarf steigt und der Kampf um gute Kr├Ąfte ist unerbittlich geworden. Gute Bezahlung ist gew├╝nscht, aber f├╝r die neue Generation ist auch die Work-Life-Balance wichtig.

Vorbei ist der Trend, dass sich jeder Juraabsolvent w├╝nscht, in einer Gro├čkanzlei verheizt zu werden. Nicht jeder will mit Ende 20 seinen ersten Porsche kaufen k├Ânnen. Soft-Incentives sind gefragt. Jedoch auch hier wieder die gleiche unverst├Ąndliche Reaktion der alten Partner. Keiner bedenkt, dass die ÔÇ×verweichlichten" Jungen das Produkt der Erziehung genau dieser sich nun beschwerenden Alten ist.

Hierarchie ist und bleibt alles

Das Problem bei Anwaltskanzleien, insbesondere in Deutschland, liegt darin, dass es sich um hierarchische Strukturen handelt. Man ist Anwalt, Rechtsfachwirtin oder Rechtsanwaltsfachangestellte.

Es gibt nichts dazwischen. Der Anwalt ist weisungsbefugt. Die M├Âglichkeiten, um von Rechtsanwaltsfachangestellter zu Anwalt zu wechseln sind beschr├Ąnkt. Nicht unm├Âglich, aber auch nicht einfach. Diese Hierarchie f├╝hrt bei vielen Anw├Ąlten zu Arroganz gegen├╝ber den ÔÇ×Schw├Ącheren".

So ungern ich das nun ausspreche, jedoch hat sich bei mir der Eindruck immer mehr erh├Ąrtet, dass auch M├╝tter gerne als die ÔÇ×Schw├Ącheren" angesehen werden. Es ist f├╝r sie vielleicht nicht mehr m├Âglich, vor dem Chef zu kommen und nach ihm zu gehen. Und das wird in der verstaubten alten Generation erwartet. Es fehlt das Vertrauen und das Verst├Ąndnis, dass M├╝tter auch von zu Hause arbeiten k├Ânnen.

Dieses Misstrauen geht so weit, dass es Anw├Ąltinnen, die M├╝tter werden, kaum angeboten wird, von zu Hause zu arbeiten. Wenn man es, wie in meinem Fall, macht, weil man dies als Partner nun Mal selbst entscheiden kann, so stellt man fest, dass ein Gro├čteil dies ├╝berhaupt nicht als das erkennt was es ist, und unterstellt, man arbeite ja sowieso nichts, nur weil vielleicht der Kritik├╝bende eben nicht von zu Hause arbeiten kann.

Und wenn ich jetzt nur von M├╝ttern spreche, so soll das nicht diskriminierend den M├Ąnnern gegen├╝ber sein. Ich denke M├Ąnner haben in dieser Hinsicht noch ein viel gr├Â├čeres Problem, insbesondere im Anwaltsberuf.

M├Ąnner werden in veraltete Geschlechtsrollen hineingepresst

Bei weiblichen Anw├Ąlten wird geschluckt, aber die Gesetzeslage ist klar. Bei m├Ąnnlichen wird, sobald der Wunsch nach Elternzeit ge├Ąu├čert wird, geflucht und durch Manipulation darauf hingewirkt, dass diese sich ├╝berhaupt nicht mehr trauen, es tats├Ąchlich zu versuchen, mit dem Ergebnis, dass M├Ąnner/V├Ąter in die veralteten Geschlechterrollen hineingepresst werden.

Ich denke auch, dass diese Problematik noch in vielen Bereichen besteht, aber gef├╝hlsm├Ą├čig kommt es mir in der Anwaltsbranche fast mit am schlimmsten vor.

Mir pers├Ânlich ist in letzter Zeit klar geworden, dass mein Traum, den ich jahrelang gelebt habe nichts weiter ist, als ein Traum. In vielen Bereichen im Leben ist dieser Traum bereits Wirklichkeit geworden, auch wenn wir in Bezug auf Gleichstellung immer noch meilenweit von einem befriedigenden Ergebnis entfernt sind, wenn es jedoch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, so hinkt der deutsche Anwaltsstand hier noch erheblich hinterher.

Nat├╝rlich kann ich aus erster Hand nur von meinen pers├Ânlichen Erfahrungen sprechen. Und ich bin mir sicher, dass es bereits zahlreiche Kanzleien mit einer j├╝ngeren Struktur gibt, die hiermit ebenfalls kein Problem haben und Frauen bzw. M├╝tter gleichberechtigt behandeln.

Ich sehe aber auch in zahlreichen Gespr├Ąchen mit Kolleginnen, wie schwierig unser Stand in der Anwaltschaft ist, sobald das erste Kind unterwegs ist. Wie despektierlich die Gespr├Ąche hinter unserem R├╝cken sind, die abwertenden Kommentare ├╝ber das Ende der Karriere oder die mangelnden Mutterqualit├Ąten, entscheidet man sich f├╝r besagte Karriere.

Der Traum von Familie und Karriere

Ich bin der Meinung, dies muss nicht sein! Ich halte an meinem Traum fest, dass gerade der sch├Âne Beruf des Juristen pr├Ądestiniert ist, um Familie und Karriere zu vereinen. Wie viele Berufe gibt es, in denen ich f├╝r einen Gro├čteil meiner Arbeit lediglich einen PC und Internet brauche?

Wie viele Berufe wurden digital so vereinfacht ├╝ber die letzten Jahre? Und doch scheint gerade dieser Beruf, mit all seinen Chancen und M├Âglichkeiten, noch komplett im Mittelalter versunken zu sein.

Wir m├╝ssen hier etwas ├Ąndern. Und mit wir meine ich nicht nur uns Frauen und M├╝tter. Ich meine alle! Die alte Generation werde ich nicht mehr zum umdenken bewegen. Die Meinungen sind festgefahren und konnten ein Leben lang gepflegt werden durch die fehlende Emanzipation ihrer Frauen.

Aber die jungen Generation, die jetzigen und zuk├╝nftigen Eltern, die k├Ânnen und m├╝ssen etwas ├Ąndern. M├Ąnner, nehmt Euch das Recht, Eltern zu sein, Frauen, nehmt Euch das Recht, zu arbeiten. Wir leben in Zeiten, in denen Mann und Frau arbeiten m├╝ssen.

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Wir leben in Zeiten, in denen die akademischen Leistungen der Frauen denen der M├Ąnner in nichts nachstehen. Wir leben in Zeiten, in denen Frauen genauso erfolgreich sein k├Ânnen wir M├Ąnner. Wir leben in Zeiten, in denen sich Paare bewusst f├╝r Familie und Kinder entscheiden k├Ânnen. Wir leben in Zeiten, in denen oft beide Elternteile arbeiten m├╝ssen.

Wieso also sollen dann Frauen den L├Âwenanteil an der Familienarbeit ├╝bernehmen? Wieso sollen sich die M├Ąnner um das Geldverdienen k├╝mmern? Wieso kann man nicht die Arbeit teilen?!

Ich wei├č, dass viele Frauen bewusst sagen, sie wollen sich ganz auf ihre Kinder konzentrieren. Ich wei├č, dass viele Paare hier ihre pers├Ânlichen Lebenseinstellungen ausleben wollen, bzw. oft auch aus finanziellen und steuerlichen Gr├╝nden bestimmte Entscheidungen treffen.

Ich wei├č aber auch, dass es viele Frauen wie mich gibt, die beides haben wollen. Die ihr ganzes Leben auf diesen Ideen und Prinzipien aufbauen. Und f├╝r diese Frauen sollte es kein Problem sein, beides zu tun.

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