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In dem Moment war uns egal, dass wir Erdogan-Gegner sind: So habe ich den Putsch in Istanbul erlebt

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COUP TURKEY
In dem Moment war uns egal, dass wir Erdogan-Gegner sind: So habe ich den Putsch in Istanbul erlebt | Tumay Berkin / Reuters
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Als der Putschversuch begann, war ich gerade auf der anatolischen Seite von Istanbul. Viele Freunde haben mich angerufen. Sie wollten wissen, was da gerade passiert. Weil ich mich als Politikwissenschaftler für die aktuelle Politik mehr interessiere, dachten sie, ich wüsste es vielleicht.

Aber ich habe gesagt: "Natürlich ist das kein Putschversuch." Ich habe einfach nicht geglaubt, dass so etwas noch einmal passieren könnte.

Erst als ich im Fernsehen die Kundgebung der Putschisten gesehen habe, habe ich es begriffen. Für mich war das unglaublich: Ich habe so viel über die Militärcoups in der Vergangenheit der Türkei gelesen und gelernt. Und jetzt passierte es wieder.

Mein erster Gedanke war: Egal, wie das heute Nacht ausgeht, es wird einen schlechten Ausgang für die Türkei haben. Wenn der Putsch erfolgreich ist, haben wir ein faschistisches Militärregime. Wenn er niedergeschlagen wird, wird die AKP-Regierung hart gegen die Opposition vorgehen.

Und dennoch, als wir im Fernsehen die Kundgebung der Putschisten gesehen haben, war uns egal, ob wir Erdogan-Gegner sind oder nicht. Denn wir waren alle gegen den Coup, egal, wer dahinter stand.

Die Erklärung vieler Menschen ist zu einfach

Dass Erdogan nur über das Handy zugeschaltet werden konnte, hat uns stutzig gemacht: Könnte der Putsch vielleicht wirklich glücken? Das wollten wir auf keinen Fall.

Für viele in Deutschland oder auch in den USA ist das schwierig zu verstehen. Dort glauben viele, Erdogan habe den Putschversuch inszeniert. Das ist für sie eine einfache Erklärung.

Wir in der Türkei aber kennen die Gülenisten. Wir wussten, dass sie in vielen Bereichen des Staates Einfluss haben. Es ist ein milliardenschweres Netzwerk, keiner weiß genau mit wem Gülen und seine Organisation zusammenarbeiten. Und auch im Militär hatten sie Macht.

Wir dürfen dabei aber nicht vergessen: Gülen war ein Partner von der AKP. Sie haben jahrelang gemeinsame Sache gemacht. Ohne die AKP hätte Gülen nie so eine Macht bekommen. Erdogan hat sogar einmal gesagt: „Wir haben ihnen gegeben, was immer sie wollten."

Jetzt will die AKP es so darstellen, als wäre die Opposition mit Gülen verbunden. Doch das ist in den meisten Fällen völlig absurd.

Es bräuchte nun unabhängige Gerichte, die prüfen, wer in den Putsch involviert war. Doch die gibt es nicht.

Ein Jahr später ist die Türkei ein anderes Land

Bei der Niederschlagung des Putschversuches hatte der konsequente Widerstand des Volkes eine zentrale Bedeutung. Die Geräusche der Flugzeuge, die über uns donnerten, kennen nur Leute, die schon einmal einen Krieg miterlebt haben.

Dieses Mal hatten sich die Türken dem entschieden entgegengestellt. Anders als bei früheren Putschversuchen hatte das Militär keine Unterstützung. Als die Soldaten das gemerkt haben, ist ihr Aufstand gescheitert.

Am 15. Juli 2016 standen alle Türken zusammen. Dieses Zusammenstehen war eine gute Gelegenheit, die schon polarisierte Bevölkerung unter dem Dach der demokratischen Grundsätze zusammenzubringen.

Wenn in den staatlichen Institutionen diese Grundsätze herrschen würden, hätte die Gülen-Bewegung überhaupt nicht die Möglichkeit, die staatlichen Institutionen illegal zu infiltrieren.

Aber die Gelegenheit der gesellschaftlichen Übereinkunft wurde klar verpasst. Deshalb ist die Türkei am 15. Juli 2017 gespalten. Das hat einen Grund: Erdogan will unbedingt an der Macht bleiben. Er hat am 20. Juli einen eigenen Coup gestartet: "einen zivilen Putsch", wie Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu es nennt.

Durch den Ausnahmezustand hat das Parlament keine Funktion mehr. Seit einem Jahr hat sich daran nichts geändert. Mehr als 100.000 Menschen wurden entlassen.

Auch ich habe meinen Job an einer staatlichen Universität verloren, nur weil ich eine regierungskritische Deklaration unterschrieben habe. AKP-Kritiker war ich immer, auch als sie die Türkei zusammen mit Gülenisten regierte.

Und so war mein erster Gedanke leider richtig: Der Putschversuch hat das Land zum Schlechten verändert.

Mehr zum Thema: "Erdogan hat eine Lawine ausgelöst": Millionen Türken gehen in Istanbul gegen die Willkürherrschaft auf die Straße

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(jg)