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Angst statt Risikomündigkeit oder das Gesetz des Stärkeren in der Wissenschaft. Glyphosat als Beispiel

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MONSANTO DEMONSTRATION
JOEL SAGET via Getty Images
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„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen." So beantwortete der große deutsche Philosoph Immanuel Kant 1784 in einem Essay die Frage „Was ist Aufklärung?" Viele Deutsche haben diese Definition in der Schule gelernt.

Wie weit sie Kants Wahlspruch „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" im persönlichen und öffentlichen Leben beherzigen, steht freilich auf einem anderen Blatt. Noch immer gilt: In kaum einem anderen Land folgt die Mehrheit der Menschen so leichtgläubig emotionalen Angst-Botschaften und Verbotsforderungen wie in Deutschland. Zwar ist auch hier im Zuge der Finanzkrise das Misstrauen gegenüber der Regierung und den etablierten politischen Parteien gewachsen. Aber dafür genießen Umwelt-NGOs mehr Glaubwürdigkeit denn je.

Risikokommission

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten zwei Ministerien (Gesundheit und Umwelt) der damals in Berlin regierenden rotgrünen Koalition eine interdisziplinäre „Risikokommission" eingesetzt, die klären sollte, wie umweltbedingte Gesundheitsrisiken vernünftig bewertet und kommuniziert werden sollten. In ihrem im Juni 2003 vorgelegten Abschlussbericht betonte die Kommission unter Vorsitz von Prof. Ortwin Renn, eine vernünftige Risikopolitik dürfe nicht darauf abzielen, den Marktteilnehmern immer mehr Entscheidungen abzunehmen.

Vielmehr müsse die Politik versuchen, die „Risikomündigkeit" breiter Bevölkerungsschichten zu fördern. Doch die Arbeit dieser Kommission geriet rasch in Vergessenheit. Niemand griff ihre Anregungen auf.

Stattdessen kam es zu einer unheiligen Allianz zwischen audiovisuellen Massenmedien, Umwelt-NGOs, „grünen" Firmen und verschiedenen Ministerialbürokratien zur Propagierung einer absurden Interpretation des 1992 auf dem „Erd-Gipfel" in Rio de Janeiro angenommenen „Vorsorgeprinzips". Danach soll schon der Nachweis eines verdächtigen oder politisch unerwünschten Stoffes im Grundwasser oder in Nahrungsmitteln genügen, um ihn verbieten zu können.

im Prinzip jeder Stoff mit Risiken behaftet

Die chemische Analytik ist aber heute in der Lage, mit gängigen Methoden Stoffe in der winzigen Menge von einem Femtogramm (0,000000000000001 Gramm) und damit überall so gut wie alles nachzuweisen. Da im Prinzip jeder Stoff mit Risiken behaftet ist, wäre damit aber nichts gewonnen. Selbst das Wasser birgt ja tödliche Gefahren. Deshalb würde man es aber nicht verbieten. Wer also glaubt, es genüge, nur auf die Gefährlichkeit von Stoffen hinzuweisen, und wer die oft mühsame Arbeit der Risiko-Abschätzung und -Bewertung für überflüssig hält, erweist sich schlicht als risikounmündig.

Wegen der verbreiteten extremen Auslegung des „Vorsorgeprinzips" war es nur eine Frage der Zeit, dass auch das vom US-Konzern Monsanto patentierte moderne Herbizid Glyphosat (Markenname Roundup) in den Fokus von Umwelt-NGOs geriet. Bis vor drei Jahren wussten allerdings in Deutschland nur wenige Profis, was Glyphosat ist, obwohl es da schon seit vier Jahrzehnten in insgesamt 160 Ländern im Gebrauch war. Nicht nur Landwirte, sondern auch viele Kleingärtner griffen in Baumärkten immer häufiger zu Glyphosat-Herbiziden wie Roundup, Durango DMA oder Ortho Ground Clear, weil sie damit gute Erfahrungen gemacht hatten.

Da das kaum flüchtige Produkt über die Blätter der Unkräuter aufgenommen wird, ist es leicht anwendbar. Überdies ist es als phosphorierte Aminosäure (Phosphonat) leicht biologisch abbaubar. In der Tat galt Glyphosat, im Unterschied zu den früher in der Landwirtschaft verwendeten Chemikalien, zunächst als beinahe ideales Herbizid.

Es blockiert im Pflanzenstoffwechsel wegen seiner großen Ähnlichkeit mit dem natürlichen Phosphoenolpyruvat (PEP) gezielt den nur bei Pflanzen und Mikroorganismen vorhandenen Shikimatweg der Synthese der aromatischen Aminosäuren Phenylalanin, Tryptophan und Tyrosin durch das Enzym EPSPS. Glyphosat ist daher für tierische Organismen, die dieses Enzym nicht besitzen, nahezu ungiftig.

Prüfungen der Lebensmittelüberwachungsbehörden ohne Beanstandung

Folglich durchlief Glyphosat rund um die Welt alle Prüfungen der Lebensmittelüberwachungsbehörden ohne Beanstandung. Angefangen mit der US-Umweltagentur EPA, die nicht gerade als industriefreundlich gilt, der kanadischen PMRA bis zur Europäischen Agentur für Nahrungsmittelsicherheit EFSA in Parma/Italien. In Deutschland ist das vor 15 Jahren von einer rotgrünen Regierung gegründete Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zuständig.

Für Verwirrung sorgte deshalb im Jahre 2015 eine Publikation der in Lyon ansässigen Internationalen Krebsforschungsagentur IARC, die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehört. Darin wurde Glyphosat, kurz vor der anstehenden Entscheidung der EU über die Verlängerung seiner Zulassung, plötzlich als „wahrscheinlich krebserregend" eingestuft, obwohl andere Zweige der WHO keine Einwände gegen die Zulassung von Glyphosat erhoben hatten.

Das wirft die Frage auf, wie die IARC dazu gekommen ist. Die Agentur betreibt keine eigene Forschung, sondern wertet nur wissenschaftliche Publikationen rund um die Welt aus. Fachleute von EPA und EFSA stellten fest, dass das Urteil der IARC ausschließlich auf einer Gefahreneinstufung und nicht auf einer quantitativen Gesundheitsrisikoabschätzung aufgrund möglicher menschlicher Exposition beruht. Die IARC-Monografie stützt sich zum Teil auf Arbeiten des grünen französischen Professors Éric-Gilles Séralini, die wegen Betrugsverdacht zurückgezogen werden mussten.

Deshalb sah auch das BfR keinen Grund, vom bislang gültigen ADI (Acceptable Daily Intake) von täglich einem Milligramm Glyphosat je Kilogramm Körpergewicht abzurücken. Dieser Wert wird beim bestimmungsgemäßen Gebrauch von Glyphosat weit unterschritten. Warum also schlossen sich die Autoren der IARC-Monografie dieser Risikoabschätzung nicht an?

Anti-Pestizid-NGO

Eine mögliche Antwort liefert die Tatsache, dass sich unter ihren Autoren mit Christopher J. Portier ein Wissenschaftler befindet, der eng mit dem Environmental Defence Fund (EDF), einer einflussreichen amerikanischen Anti-Pestizid-NGO, zusammenarbeitet. Portier war im Herbst 2015 auch zu einer Anhörung des Deutschen Bundestages geladen. Der EDF ist deshalb so mächtig, weil er mit großen Anwaltskanzleien (Law Firms) zusammenarbeitet, die jede Gelegenheit nutzen, vor Gericht hohe Entschädigungssummen zu erstreiten.

Auch in Deutschland wird die Kampagne von NGOs gegen Pestizide und speziell gegen Glyphosat inzwischen professionell betrieben. Die NGOs BUND, Nabu und DUH beauftragten vor drei Jahren die bekannte Hamburger Werbeagentur VSF&P mit einem TV-Werbespot, der zeigt, wie Flugzeuge Pestizide über Kinderköpfe versprühen. Gegen solche emotionalen Kampagnen haben die Pestizidhersteller kaum Chancen.

In der Risikobewertung herrscht also zurzeit das Recht des Stärkeren. Es gilt die Parole: „Macht ist Wissen" (Michel Foucault). Da Deutschland sich der Stimme enthalten hat, kam bei der EU-Abstimmung über die weitere Zulassung von Glyphosat keine Mehrheit zustande. Wiederholt sich das, wird am Ende die EU-Kommission alleine entscheiden. Das würde dann aber wohl nicht zur Versachlichung der Risiko-Debatte beitragen.

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