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Warum auf das reiche Deutschland eine Armutslawine zurollt

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OBDACHLOS
dpa
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Es hilft überhaupt nicht, darum herumzureden: Auf uns rollt eine Lawine der Altersarmut zu. Noch scheint sie recht weit weg zu sein. Wer heute in Rente ist, hat in der Regel viele Erwerbs- und damit Beitragsjahre vorzuweisen. Daher sind unsere Rentner derzeit auch noch in nur relativ kleiner Zahl auf Sozialhilfe angewiesen, weil das Einkommen nicht reicht.

Doch ändert sich dieses günstige Szenario gerade schnell und drastisch. In den 1990er Jahren bekam der bis dahin recht gut funktionierende Arbeitsmarkt scharfe Risse. Die Langzeitarbeitslosigkeit wurde zum sehr ernst zu nehmenden Massenphänomen.

Von Mehrfacharbeitslosigkeit begann man bei der zunehmenden Zahl von Menschen zu sprechen, für die es keine so genannte Normalerwerbsbiographie mehr gab, und die sich, unterbrochen von Arbeitslosigkeit, von Job zu Job hangelten. Schließlich wuchs der Niedriglohnsektor, in dem heute rund ein Viertel der abhängig Beschäftigten tätig ist, mit kaum oder gar nicht auskömmlichen Löhnen und entsprechend unzureichenden Beiträgen in die Rentenversicherung. All die Menschen, die dies betraf, kommen nun in immer größerer Zahl ins Rentenalter.

Politiker senken bewusst das Rentenniveau

Ab etwa 2025 wird die Mehrfacharbeitslosigkeit sehr deutlich zunehmen. Gleichzeitig sinkt, politisch gewollt, das Rentenniveau. Von 53 Prozent vor den Reformen Anfang der 2000er unter Rot-Grün über derzeit nur noch 48 Prozent bis auf möglicherweise 43 Prozent in 2030. Mindestens 11,68 Euro Stundenlohn muss nach einer Modellrechnung der Bundesregierung künftig ein Vollzeitbeschäftigter 40 Jahre lang verdient haben, um eine Rente wenigstens auf jetzigem Grundsicherungsniveau zu beziehen.

In diese Versorgungslücke sollten ursprünglich mal Riesterrente und Betriebliche Entgeltumwandlung - zumindest wurde uns das so verkauft - doch müssen sie heute, 15 Jahre nach ihrer Einführung, als gescheitert gelten. Wen wundert es: Wer nur lausig verdient, hat kein Geld für Riester und co. übrig, und hat schon vor der Rente Geldsorgen genug. Nur etwa ein Viertel der Niedrigeinkommensbezieher haben deshalb eine Riesterrente.

Und fraglich ist in vielen Fällen, ob die kleine Riesterrente später überhaupt einmal wirklich vor Armut schützen wird, oder beim notwenigen Gang ins Sozialamt nicht wieder gleich von der Stütze abgezogen wird. Und auch für die Entgeltumwandung in den Betrieben gilt: Man muss sie sich erst mal leisten können. Bei Langzeit- und Mehrfacharbeitslosen gehen beide Instrumente ohnehin völlig ins Leere. Sie sollten auslaufen.

Keine weitere Förderung mehr staatlicherseits

Die rund 4,5 Milliarden, die sie dem Steuerzahler jährlich kosten, lassen sich besser einsetzen. Düster also ist alles in allem das Szenario. Doch es gibt auch gute Nachrichten, eigentlich sogar mehr Licht als Schatten: Deutschland ist mittlerweile das Land mit dem 4.-größten Bruttoinlandprodukt weltweit. Seit der letzten großen Krise, seit 2010 wächst es jährlich jahresdurchschnittlich um 2 Prozent real. Über 3 Billionen Euro sind im letzten Jahr erwirtschaftet worden.

Das Vermögen, das bei den Privathaushalten angehäuft ist, wächst naturgemäß ebenfalls von Jahr zu Jahr. Über 5,3 Billionen beträgt derzeit allein das Geldvermögen! Nach Auskunft der Bundesregierung würde die Stabilisierung des Rentenniveaus auf 50 Prozent mit rund 27 Milliarden Euro zu Buche schlagen, nicht einmal ein Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts; ein Bruchteil dessen, was bei den reichsten zehn Prozent in Deutschland jährlich auf der hohen Kante landet.

Eine Reform der Altersgrundsicherung, die nicht nur erhöht, sondern unter dem Motto „alle Leistungen aus einer Hand" auch dringend verwaltungstechnisch mit der Rentenversicherung verflochten werden muss, um den auf uns zukommenden Problemen Herr werden zu wollen, wäre mit schätzungsweise einer guten Milliarde finanziell verkraftbar.

Deutschland befindet sich keinesfalls in einer Situation, in der es irgendeiner demographischen Entwicklung ausgeliefert wäre. Deutschland ist wirtschaftlich stark und hat es in der Hand, seine Probleme zu lösen. Altersarmut ist keine Naturentscheidung. Sie ist politisch bekämpfbar. Doch muss man dies erstens wollen, und muss man zweitens den Mut aufbringen, zu einer gerechteren Verteilungspolitik.

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