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Warum so viele Chefs Arschlöcher sind - und wie ihr damit umgehen könnt

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Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurde der herzlose, no-nonsense Boss quasi zu einer Ikone und einem Cliché in der amerikanischen Gesellschaft. Hollywood möchte uns immer wieder glauben machen, dass der machiavellistische Vorstandsvorsitzende allgegenwärtig ist.

Aber das ist ja nur im Fernsehen so, richtig? Wie sieht es im wirklichen Leben aus? Bietet die Geschäftswelt diesen unmenschlichen Relikten immer noch einen Lebensraum?

Um das herauszufinden haben wir die Emotionale Intelligenz (EQ)-Profile von Millionen von Menschen in unserer Datenbank analysiert. Von einfachen Arbeitern bis hin zur Chefetage. Wir haben entdeckt, dass die Antwort Ja lautet. Organisationen fördern auch heutzutage immer noch die emotional Unfähigen. Aber es gibt Ausnahmen. Und das möchte ich hier etwas genauer erklären.

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Wir haben herausgefunden, dass die EQ-Punkte vom untersten Ende der Leiter der Unternehmensstruktur bis zum mittleren Management stetig ansteigen. Manager im mittleren Sektor stechen als Personen mit den höchsten EQ-Werten heraus.

Das liegt daran, dass Unternehmen dazu neigen, Menschen zu befördern und mit ihnen diese Positionen besetzen, die ausgeglichen sind und gut mit Menschen umgehen können. Es liegt die Vermutung nahe, dass ein Manager mit hohem EQ jemand ist, für den man gerne arbeitet.

Aber die Dinge ändern sich drastisch, wenn man vom mittleren Management ausgehend weiter nach oben schaut.

Bei Direktoren und noch höher stehenden Personen sinkt der EQ schneller als ein Geier im Sturzflug. Vorstandsvorsitzende zum Beispiel haben den niedrigsten EQ in der Arbeitswelt.

Für jeden Titel in der obenstehenden Graphik gilt, dass die Top-Performer auch die Personen mit dem höchsten EQ sind. Auch wenn Vorstandsvorsitzende über den niedrigsten EQ in der Arbeitswelt verfügen, so sind es doch die Vorsitzenden mit dem höchsten EQ, die die beste Leistung erbringen. Vielleicht wird man auch mit einem niedrigen EQ befördert, aber man wird die Kollegen mit einem hohen EQ nie übertreffen können.

Je höher man sich über das mittlere Management hinaus raufarbeitet, desto mehr schauen Unternehmen auf Metriken, wenn es darum geht, Personalentscheidungen zu treffen. Auch wenn diese kurzfristigen, gewinnorientierten Indikatoren wichtig sind, so ist es doch kurzsichtig, jemanden nur aufgrund des finanziellen Gewinns zu befördern, den er dem Unternehmen einbringt.

Noch schlimmer ist es, wenn Personen nur aufgrund ihres Wissens und ihrer langen Unternehmenszugehörigkeit befördert werden, als aufgrund ihrer Fähigkeit, andere zu inspirieren und anzuspornen.

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Unternehmen schöpfen ihr Potenzial nicht aus, wenn sie keine Führungspersönlichkeiten auswählen, die über das Gesamtpaket verfügen, das man braucht, um auf lange Sicht erfolgreich zu sein.

Sobald eine Führungspersönlichkeit einmal befördert wurde, betritt sie ein Gelände, das dazu neigt, ihre emotionale Intelligenz auszuhöhlen. Sie verbringen weniger Zeit mit der Interaktion mit ihren Mitarbeitern und verlieren den Blick dafür, wie ihr emotionales Befinden andere um sie herum beeinflusst. Es ist leicht, den Draht zueinander zu verlieren und das führt dazu, dass der EQ von Führungspersonen stetig weiter sinkt. Es ist wirklich sehr einsam an der Spitze.

Ob man nun jetzt schon zu den Führungspersonen im Unternehmen gehört oder erst auf dem Weg dorthin ist - man muss sich diesem Trend nicht beugen. Die emotionale Intelligenz unterliegt der eigenen Kontrolle. Wenn man an seiner emotionalen Intelligenz arbeitet, dann wird es nicht lange dauern, bis man die Früchte dieser Arbeit ernten kann.

Dieser Einsatz kann auch dazu führen, dass man keine Rückschläge erleidet, wenn man die Karriereleiter nach oben klettert. Selbst wenn man aus den falschen Gründen befördert wird, wird man seine Kollegen dennoch übertreffen.

Um den Anfang zu erleichtern, sind hier einige Strategien aufgelistet, die Führungspersönlichkeiten dabei helfen, den EQ zu stärken. Jeder kann sie anwenden, es kommt nur auf einen Versuch an. Auch, wenn man (noch) keine Führungspersönlichkeit ist.

1. Erkenne die Gefühle anderer an

Durchsetzungsfähige, handlungsorientierte Vorgesetzte ignorieren die Gefühle anderer zwar nicht unbedingt, aber sie reden sie klein und versuchen sie aus dem Weg zu räumen. Auch wenn es immer wieder heißt, dass dieses vor allem ein männliches Problem sei, so ist doch die Bezeichnung "Macht-Problem" zutreffender.

Menschen, die die Gefühle anderer nicht anerkennen, merken nicht, dass schwelende Gefühle ein effizientes Arbeiten verhindern.

Wenn also das nächste Mal jemand im Team eine starke Gefühlsreaktion zeigt, dann sollte man nachfragen. Und zuhören. Und dann sollte man alles noch einmal im Kopf durchgehen. Menschen fühlen sich verstanden, wenn andere ihre Gefühle anerkennen - so können sie ohne Hindernisse weitermachen.

2. Zeige auch die eigenen Gefühle

Das ist vielleicht das Einfachste, das man tun kann - so lange man es auch tatsächlich tut. Gute Führungspersönlichkeiten merken es immer, wenn jemand im Team gute Arbeit leistet. Aber oftmals zeigen sie es nicht. Wenn jemand eine tolle Leistung erbringt, dann sollte man es denjenigen wissen lassen.

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Eine schnelle E-Mail, ein Schulterklopfen - das alleine kann schon sehr viel ausmachen. Es gibt Menschen, die jeden Tag tolles erreichen - und das sollte man auch würdigen. Ein Lob kann zu ehrlicher Loyalität führen und andere dazu inspirieren, noch mehr zu tun.

3. Habe ein Adlerauge auf deine Gefühle

Die grade genannten Techniken sind sehr effizient, aber sie erfordern ein Bewusstsein der eigenen Gefühle in diesem Moment. Ein meisterhaftes Pokerface ist eine tolle Sache. Aber die am schwächsten entwickelten Punkte der Selbstwahrnehmung bei Führungspersönlichkeiten sind zu verstehen, wie die eigenen Gefühle andere beeinflussen können und zu erkennen, welche Rolle man selbst bei der Erschaffung schwieriger Umstände gespielt hat.

Mit anderen Worten: Eine tolle und effiziente Führungspersönlichkeit weiß, was sie fühlt, wenn sie es fühlt. Das kann man üben, indem man sich seine Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen einprägt, sobald die Situation sich entfaltet. Das Ziel ist es, sich selbst etwas zurückzunehmen und alles aufzusaugen, was vor einem passiert. So kann man erkennen, wie Emotionen das eigene Verhalten beeinflussen und die Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern.

4. Schlaf

Ich habe das im Laufe der Jahre bis zum Erbrechen gepredigt und kann nicht oft genug betonen, wie wichtig Schlaf für die emotionale Intelligenz und die Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen ist. Während des Schlafens lädt das Gehirn seine Akkus wieder auf, verarbeitet die Eindrücke des Tages und löscht oder speichert sie (so entstehen die Träume). So wacht man munter und mit einem klaren Kopf auf.

Bekommt man nicht ausreichend Schlaf oder nicht den richtigen Schlaf, so wirkt sich das negativ auf die Selbstkontrolle, die Aufmerksamkeit und die Erinnerungsfähigkeit aus. Schlafentzug lässt außerdem die Stress-Hormone ansteigen, auch wenn kein Stress zugegen ist.

Der Druck, dem Führungspersönlichkeiten ausgesetzt sind, führt oft dazu, dass diese Menschen glauben, keine Zeit für einen guten Schlaf zu haben. Dabei ist Schlafmangel oft die einzige Ursache, die dazu führt, dass die Dinge aus dem Ruder laufen.

5. Das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen

Ein großer Schritt in Richtung Entwicklung der emotionalen Intelligenz ist es, von sich selbst nicht negativ zu sprechen. Je mehr man negativen Gedanken nachhängt, desto mehr Macht schenkt man ihnen. Die meisten unserer negativen Gedanken sind genau das: Einfache Gedanken, keine Fakten.

Wenn man merkt, dass man den negativen und pessimistischen Dingen, die die innere Stimme einem einzureden versucht, zu viel Glauben schenkt, dann muss sich etwas ändern. Dann muss man innehalten, einen Stift zur Hand nehmen und alles aufschreiben, was einem durch den Kopf geht.

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Wenn man sich einmal die Zeit genommen hat, dem Schwung der negativen Gedanken Einhalt zu gebieten, dann lässt sich mit einem klaren Kopf und viel besser und viel rationaler beurteilen, wie viel Wahrheit tatsächlich in ihnen steckt.

Fast immer ist es so, dass ein Gedanke, der die Wörter "nie", "schlimm" oder "jemals" enthält, sich auf dem Papier als Illusion herausstellt. Wenn sich ein Gedanke auf dem Papier immer noch wie eine Tatsache anfühlt, dann sollte man einen Kollegen oder einen Freund um Rat fragen und schauen, ob diese der gleichen Meinung sind.

Die Wahrheit wird sich schon zeigen. Wenn man das Gefühl hat, dass etwas Bestimmtes immer oder nie passiert, dann ist das nur die natürliche Tendenz des Gehirns, die Bedrohung, die von einer empfundenen Häufigkeit oder einem empfunden Ernst einer Situation ausgeht, aufzublähen.

Die eigenen Gedanken von Fakten zu trennen und sie so als solche zu erkennen und zu markieren, wird helfen, dem negativen Kreislauf zu entkommen und einen positiven Blickwinkel zu erhalten.

Alles zusammenbringen

Erkennst du deinen Vorgesetzten hier wieder? Oder erkennst du hier eine Führungspersönlichkeit mit hohem EQ? Kennst du Führungspersönlichkeiten mit hohem EQ, die alle anderen blass aussehen lassen? Teilt eure Erfahrungen gerne in den Kommentaren und diskutiert über dieses wichtige Thema.

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