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Diese Essstörung bei Kindern ist häufiger als Bulimie und Magersucht, aber kaum jemand kennt sie

09/03/2017 19:46 CET | Aktualisiert 09/03/2017 19:46 CET
evgenyatamanenko via Getty Images

Die Woche der Essstörungen soll Bewusstsein schaffen. Und tatsächlich ist das Bewusstsein für diese Art der Erkrankungen während meiner Laufbahn gestiegen. Es stimmt, dass Anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimia nervosa (Bulimie), zwei psychische Krankheiten, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, mittlerweile synonym sind mit dem Überbegriff Essstörung.

Beide treten allerdings recht selten auf. Kaum jemand hat noch nichts von diesen Erkrankungen gehört - jedoch treffe ich selten Menschen, die mir andere Formen von Essstörungen nennen können.

Stell dir vor, ein Kind sitzt an einem Tisch, Besteck in der Hand, das Essen steht vor ihm. Egal was die Eltern sagen oder tun, ob sie versuchen das Kind zu bestechen, überreden oder mit einer früheren Schlafenszeit zu drohen, es will einfach nicht essen.

Fast alle Eltern kennen diese Phase, wenn ihr Kind nicht essen will. Das passiert normalerweise im Alter von zwei Jahren. Gemeinhin wird das als die kindliche Entwicklungsphase der Essens-Neophobie bezeichnet (Neophobie = Angst vor etwas Neuem). Das ist normal. Darüber muss man sich keine Sorgen machen.

Eine selektive Essstörung ist weit stärker verbreitet als Magersucht oder Bulimie

Eine selektive Essstörung ist weit stärker verbreitet als Magersucht oder Bulimie. Normalerweise tritt sie vor dem fünften Lebensjahr auf und hält bis zum Erwachsenenalter an. Du hast bestimmt schon mal von Kindern und Erwachsenen mit selektiver Essstörung gehört, aber kanntest sie unter einem anderen Namen. Solche Menschen sind dann "wählerisch".

Der Begriff ist allerdings irreführend. Was die meisten Menschen als wählerische Esser bezeichnen, ist eigentlich eine Verknüpfung von drei verschiedenen Problemen. Zwei von ihnen sind normal. Eins ist eine psychische Störung. Das Wort "wählerisch" in Bezug auf Nahrung trivialisiert den alltäglichen Kampf, den Menschen mit selektiver Essstörung und deren Angehörige führen.

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Die selektive Essstörung beginnt gemeinhin zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr, also in der selben Zeit, in der Kinder die Phase der Essens-Neophobie durchleben. Der Unterschied ist, dass ein Kind mit selektiver Essstörung diese Phase nicht verlässt. Kinder in diesem Alter verweigern in der Regel Essen das sie nicht kennen, und bevorzugen bereits bekannte Nahrungsmittel.

Obwohl das frustrierend ist, isst das Kind noch und verliert nicht an Gewicht. Kinder mit selektiver Essstörung hingegen neigen dazu, Essen generell zu meiden und zu verweigern, was zu Gewichtsverlust und Mangelernährung führt. Die Nahrungsmittel werden meist auf zwei bis drei verschiedene beschränkt, die als sicher genug empfunden werden. Meistens sind diese Nahrungsmittel reich an Fett, Zucker und/oder Salz. Und das ist schädlich für die Gesundheit.

Eltern von selektiv essgestörten Kindern verzweifeln

Ein Kind mit selektiver Essstörung scheint während der Essenszeiten einfach nur unartig zu sein. Es kann sein, dass es den Eltern nicht gehorcht, ungefragt den Esstisch verlässt oder herumzappelt. Wie schon gesagt, das ist nichts Ungewöhnliches. Aber Kinder mit selektiver Essstörung machen das jedes Mal, wenn Essen auf dem Tisch steht, und das hält jahrelang an.

An dieser Stelle wollen gutmütige Menschen gerne ihre wohlgemeinten Ratschläge loswerden. Die "Hab' ich auch schon mal erlebt"-Attitüde soll unterstützen. Als Verhaltenstherapeut und Vater kann ich jedoch sagen, dass das bei Kindern mit selektiver Essstörung so nicht funktioniert.

Die Taktiken, die den meisten Kindern durch die essens-neophobische Phase helfen, bringen nichts, oder zeigen im selben Zeitraum keine Wirkung bei Kindern mit selektiver Essstörung. Eltern von selektiv essgestörten Kindern verzweifeln daran, deren Verhalten zu unterbinden und ihre Kinder zum Essen zu kriegen - sie wünschen sich ein "normal" essens-neophobisches Kind.

Wenn sie überhaupt etwas tun können, dann nur, anderen Eltern Tipps zu geben, denn sie haben sicherlich schon fast alles versucht. Das schlimmste ist, dass Eltern von selektiv essgestörten Kindern meist die Schuld für das Verhalten ihrer Kinder gegeben wird und sie manchmal auch mit Schamgefühlen zu kämpfen haben.

Selektive Essstörung ist eine Krankheit

In mehr als zehn Jahren, in denen ich mit selektiv essgestörten Kindern zusammengearbeitet habe, kam es sehr selten vor, dass die Eltern etwas getan hätten oder tun würden, was das Problem verursacht hätte. Es ist nicht deren Schuld. Selektive Essstörung ist eine Krankheit.

Das Kind fürchtet sich vor dem Essen, hatte vielleicht ein traumatisches Erlebnis oder fühlt sich bedroht von neuen Geschmäckern, Gerüchen oder Konsistenzen. Das Verhalten hängt mit dem Essen selbst zusammen und hat wenig damit zu tun, was die Eltern getan haben oder tun. Die selektive Essstörung bleibt. Es wird mit der Zeit nicht besser und schadet dem Kind.

Wenn du also das nächste Mal siehst, wie ein Kind mit seinem Essen spielt und nichts zu sich nehmen will, ist das in 99 von 100 Fällen nur eine Phase. Die Alarmglocken sollten erst dann läuten, wenn das Verhalten sich nach dem sechsten Lebensjahr nicht verbessert und vor allem, wenn das Kind an Gewicht verliert.

Das könnte der eine von 100 Fällen von selektiver Essstörung sein. Dann sollte unbedingt professioneller Rat bezüglich der Ernährung des Kindes eingeholt werden. Wenn du ein Kind mit selektiver Essstörung siehst, sei dir dessen bewusst, dass es nicht an den Eltern liegt und dass dein Ratschlag wahrscheinlich schon ausprobiert worden ist und nicht funktioniert hat.

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Für Eltern von selektiv essgestörten Kindern ist diese frustrierende Phase, die alle Eltern erlebt haben, Alltag - ohne Aussicht auf Besserung.

Es ist möglich, sich von einer selektiven Essstörung zu erholen, aber sehr wahrscheinlich nur mit professioneller Hilfe. Es gibt überall auf der Welt Zentren, die auf diese Form der Essstörung spezialisiert sind und helfen können.

Und ich hoffe, das motiviert dich nun, mehr über Essstörungen herauszufinden, die du vielleicht noch nicht kennst. Eine selektive Essstörung ist nur eine von vielen. Es gibt weitere. Essstörungen wie das Pica-Syndrom oder Rumination, die ebenfalls weniger bekannt sind als Magersucht oder Bulimie. Vielleicht ist es an der Zeit, mehr über diese Krankheiten herauszufinden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der HuffPost UK und wurde aus dem Englischen übersetzt.

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