BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Hubert Burda Headshot

Wie Medien sich ändern - Die Infosphäre

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WELT
Thinkstock
Drucken

Teil 3 der Reihe "Wie Medien sich ändern". Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2

Gutenberg hat den Buchdruck vor mehr als 500 Jahren erfunden. Dann kamen im 19. Jahrhundert die Fotografie, das Telefon, der Film und die Schallplatte dazu, später das Fernsehen und schließlich das World Wide Web. Eine große Zeitspanne von über 500 Jahren, die zu einer Medienwirklichkeit geführt hat, wie wir sie kennen.

Diese Entwicklung hat den Verleger Dr. Hubert Burda, der die Chancen der digitalen Welt schon sehr früh erkannte, sein gesamtes Leben hindurch beschäftigt.

Davon zeugen seine persönlichen Notizen, Vorträge und Begegnungen aus rund 25 Jahren, die er nun in dem Buch "Notizen zur digitalen Revolution" veröffentlicht hat.

Das folgende Kapitel stammt von Dr. Hubert Burdas Sohn Jacob Burda.

Die Infosphäre

Am Ende dieses Bandes sehen wir uns Fragen und Problemen gegenüber, die so radikal neu sind, dass es schwerfällt, induktionsartig Vergleiche zu vergangenen Epochen zu ziehen und den Blick in die Zukunft zu werfen.

Das erste Mal in der Geschichte erleben wir, dass der Mensch aus der technologischen Wertschöpfungskette komplett ausgeschlossen ist. Technologien, die sich in einer einfachen Form zwischen der Natur und dem Menschen befinden oder auch die Interaktion mit anderen Technologien ermöglichen, werden nun deutlich komplexer und kreieren eigene Informationssysteme.

Nun entsteht eine neue Weltwirklichkeit, in der nicht nur die Menschen miteinander und mit den Technologien kommunizieren, seien es Smartphones, Laptops oder tragbare Geräte, sondern auch die Technologien sind zunehmend in der Lage, Informationen in Echtzeit auszutauschen.

Dabei verdrängen sie den Menschen aus dem eigenen Kommunikationskreis. Ein Beispiel dafür bietet das Internet of Things, welches mit einem scheinbar endlosen Volumen an Daten (Big Data) jegliche Ineffizienz bis ins Letzte bekämpft und optimiert, indem Technologien wie zum Beispiel Sensoren und Thermostate mit Hilfe von Protokollen, die nun zu neuen Interfaces werden, miteinander kommunizieren.

Gleichzeitig wird der Mensch selbst zu einem Informationsorganismus und Datenlieferanten, der rund um die Uhr mit anderen Menschen und digitalen Akteuren wie intelligenten tragbaren Geräten vernetzt ist. Schließlich wird zwischen der physischen Welt und dem Informationsuniversum nicht mehr unterschieden. So entsteht eine Infosphäre, eine informationelle Umgebung, die aus allen Informationseinheiten (Menschen, Algorithmen, Geräten) sowie aus ihren Eigenschaften, Interaktionen, Prozessen und gegenseitigen Beziehungen besteht.

Aus Informationssicht ist die Infosphäre ein Synonym für die Realität: Alles, was existent ist, ist Information, und alles, was informativ ist, ist auch existent. Denn die Infosphäre ist kein virtueller Raum, der sich von der realen Welt unterscheidet.

Es geht vielmehr darum, dass die Welt an sich zunehmend als Informationsraum und als Teil der Infosphäre gesehen wird. Vor allem die jüngeren Jahrgänge, die von klein auf immer mehr Zeit in Informationsumgebungen verbringen, werden sich wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlen, sollten sie einmal von den globalen Informationsflüssen abgeschaltet werden.

Das heißt: Was gerade passiert, ähnelt einer neuen Revolution. Luciano Floridi* beschreibt die Entstehung der Infosphäre als die vierte Revolution, die unser Bewusstsein und unsere Selbstwahrnehmung radikal verändert. Denn die menschliche Intelligenz wird gerade durch künstliche Intelligenz infrage gestellt. Man stellt plötzlich fest, dass der Mensch mit Maschinen mehr Vorsprung erreicht als mit anderen Menschen. Allerdings muss der Mensch nun seine neue Rolle erst definieren.

Welche sind die Jobs der Zukunft, welche Fähigkeiten gilt es sich anzueignen, und wie geht die Politik mit dem drohenden (massiven) Arbeitsplatzverlust durch Optimierung um?

Bei all der Veränderung durch die Maschinen gilt es jedoch auch zu bedenken, was es ist, das den Menschen als Mensch so einzigartig macht: die Möglichkeit zur Transzendenz. ICTs (Informations- und Kommunikationstechnologien) folgen den Befehlen der Urheber, das bleibt so, auch wenn sie sich dynamisch weiterentwickeln oder von ihrer Umwelt lernen. Den Blueprint schreibt der Mensch, denn nur der Mensch kann den Befehl als Befehl und das System als System verstehen. Wir sind die Lebewesen, die einen Kontext herstellen können, und soweit wir wissen, kann alles andere nur einem Kontext folgen, ohne den Kontext als solchen zu erkennen. Darin liegen der Ursprung der Kreativität und das genuin Neue.

Die Infosphäre war das Level of Abstraction, welches Turing der Welt schenkte, und es liegt jetzt an uns zu entscheiden, wie weit wir die Welt unter diesem betrachten wollen oder ob es noch etwas anderes benötigt, das der Menschheit zur ewigen Fortsetzung der Schöpfung verhilft.

*Luciano Floridi, „The 4th Revolution: How The Infosphere Is Reshaping Human Reality", Oxford University Press, 2014

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch "Notizen zur digitalen Revolution 1990-2015" von Dr. Hubert Burda, das gerade erschienen ist.
2014-12-09-BurdaBuch.jpg

Hier geht es zum E-Book

Hier geht es zur Printausgabe

Video: Buch zum Medienwandel: "So groß wie Gutenberg": Hubert Burda über die digitale Revolution

Schnelle Nachrichten, spannende Meinungen: Kennen Sie schon die App der Huffington Post?

Sie können sie rechts kostenlos herunterladen.

Get it on Google Play