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Wie eine Legalisierung Deutschland positiv verändern wird

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CANNABIS
Jeff Vinnick via Getty Images
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Normalisierung

Wie würde eine Cannabislegalisierung Deutschland verändern?

Während viele diese Frage wohl wahlweise mit der Entstehung eines ultimativen Kifferparadieses oder dem gänzlichen moralischen Verfall Deutschlands assoziieren würden, gehe ich davon aus, dass es hauptsächlich zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Normalisierung von dem kommen würde, was für manche Bürgerinnen und Bürger ohnehin schon Alltag ist: Dem eigenverantwortlichen und unproblematischen Konsum von Cannabisprodukten.

Deshalb gehe ich auch davon aus, dass der gesellschaftliche Prozess hin zu einer solchen Legalisierung bereits läuft.

Der Begriff "Normalisierung" ist zunächst ein einfacher, wenn auch wenig bekannter, Begriff der allgemeinen Soziologie, welcher sich auf eine sich wandelnde gesellschaftliche Wahrnehmung bestimmter, eventuell zuvor ausgegrenzter sozialer Rollen bezieht.

Das gilt aktuell für die Rolle der Cannabis-Raucher. Im sozialwissenschaftlichen Drogendiskurs kommt dem Begriff eine besondere Bedeutung zu. Er beschreibt nicht nur, dass die soziale Bedeutung des nicht-abhängigen Freizeitkonsums von Cannabis alltäglicher, und damit "normaler" wird, sondern beinhaltet auch, dass die übertriebene gesellschaftliche und politische Ablehnung auf ein "normales" Maß zurückgeht.

Der durchschnittliche Cannabis-Konsument braucht weder eine medizinische Suchtbehandlung, noch eine Bestrafung seines Verhaltens. Und mehr noch, er weiß dies auch und beginnt sein Recht auf einen fairen und gleichberechtigten gesellschaftlichen Status aktiv einzufordern, anstatt sich - wie früher üblich - vor dem Rest der Gesellschaft zu verstecken.

Dieser Prozess der Normalisierung ist bereits in vollem Gange und wird früher oder später zwangsläufig dazu führen, dass es zur Entstehung eines (teilweise) legalen Marktes kommt.

Etablierung

Das wirft notwendigerweise die Frage auf, wie denn so ein legaler Markt zu regulieren und zu etablieren sei. Der Begriff "Legalisierung" ist dabei im doppelten Sinne unpassend. Erstens ist damit häufig die totale, unbegrenzte Freigabe assoziiert, was eindeutig nicht so gemeint ist, wie man an der starken Betonung neuer Möglichkeiten zum Jugend- und Verbraucherschutz sieht.

Zweitens wird häufig fälschlicherweise angenommen, der Markt für Cannabis-Produkte würde dadurch erst entstehen, so als habe das Verbot diesen Markt zuvor effektiv verhindert. Dies ist eindeutig falsch, der Markt existiert bereits, allerdings als Schwarzmarkt, mit allen negativen Auswirkungen, welche die Kunden auf einem solchen Markt zu ertragen haben.

Deshalb ist Regulation der passendere Begriff, denn der bereits bestehende Markt wird zum Vorteil aller, auch der Unbeteiligten, reguliert und kontrolliert.

Wichtig für eine gelungene Regulation ist, dass sie ausgewogen ist, und nicht einseitig wie das heutige Verbot oder die Vorstellung der totalen Freigabe.

Es etabliert sich ein "normaler" Markt, der dem heutigen Schwarzmarkt in jeder Hinsicht überlegen ist.

Das bedeutet, dass es ein genau eingegrenztes Feld des gesellschaftlich Erlaubten gibt, also konkrete Regelungen bezüglich des kontrollierten Anbaus und Vertriebs, der angemessenen Besteuerung, des Jugend- und Verbraucherschutzes und des Eigenanbaus zur Selbstversorgung.

Das bedeutet ferner, dass es auch weiterhin Regelungen bezüglich eventuell strafbarem Verhalten gibt, sowohl auf der Seite des Angebots als auch auf der Seite der Konsumenten. Auf diese Weise etabliert sich ein "normaler" Markt, der dem heutigen Schwarzmarkt in jeder Hinsicht überlegen ist.

Praktisch gibt es bei der Einrichtung eines solchen Marktes einige Sachverhalte konkret zu planen. Ein Beispiel: In Colorado gab es das Problem, dass sowohl Anbau- als auch Verkaufslizenzen gleichzeitig gültig wurden, was dazu geführt hat, dass die Verkaufsstellen bereits offen waren, als es noch keine legale Ernte gab.

Dies hat weiter dazu geführt, dass die erste verkaufte Ware völlig überteuert und von zweifelhafter Herkunft war. Eine der wichtigsten, praktischen Grundlagen bei der Neu-Einführung eines kontrollierten Cannabis-Marktes ist es also, die Anbaulizenzen deutlich vor den Verkaufslizenzen zu vergeben, so dass mit Öffnung der Läden auch wirklich die richtige Ware vor Ort ist. Mit vernünftiger, sachgerechter Planung lässt sich ein regulierter Markt erstellen.

Differenzierung

Ist dies erstmal gelungen und ein solcher Markt etabliert, kommt es zwangsläufig zu einer weiteren inhaltlichen Ausdifferenzierung. Cannabis für den medizinischen Markt wird anders sein, als solches für den Freizeitkonsum. Neu gegründete Firmen, neu gezüchtete Sorten sowie neue Ernte- und Verarbeitungstechniken werden entstehen und miteinander konkurrieren.

Auch hier bedarf es im Zweifel einer weiter angepassten Regulation, zum Beispiel um hochpotente Sorten vom Eigenanbau auszuschließen und in den Verkaufsstellen höher zu besteuern als schwächere Sorten oder solche, die viel CBD enthalten (CBD ist ein beruhigendes Cannabinoid ohne Suchtpotenzial und mit präventiver Wirkung gegen Psychosen, daher ist es ein Hauptziel für aktuelle Züchtungen, einen hohen CBD-Anteil zu erzeugen).

Insgesamt ist es dieser Dreisatz von Normalisierung, Etablierung und Differenzierung, welcher Deutschland im Falle einer sorgfältig regulierten und kontrollierten Legalisierung sozial und ökonomisch am stärksten verändern wird.

Die meisten Bürgerinnen und Bürger werden davon allerdings kaum etwas bemerken, oder allenfalls als Polit- und Medienspektakel, da sie sich schlicht und einfach nicht dafür interessieren, selbst Cannabis zu konsumieren.

Dennoch gehe ich davon aus, dass sich damit die Gesellschaft insgesamt positiv verändern wird, da weniger Menschen ausgegrenzt und stigmatisiert werden und weil bei den Strafverfolgungsbehörden Kapazitäten frei werden, sich um deutlich wichtigere Dinge zu kümmern.

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