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Alle denken, Armut sei das größte Problem unserer Zeit - dabei ging es der Weltbevölkerung noch nie besser

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Der Beitrag erschien zuerst auf Future Crunch, einem vierzehntägigen Newsletter über neue wissenschaftliche Erkenntnisse überall auf der Welt, und wurde von Franziska Kiefl aus dem Englischen übersetzt.

Wenn du älter als 18 bist, dann bist du wahrscheinlich mit der Vorstellung aufgewachsen, dass die Welt in arm und reich geteilt ist.

Diese Trennung wurde in einer Zeit der globalen Ungerechtigkeit eingeführt. Im Jahr 1970 lebten ungefähr 60 Prozent der 3,7 Milliarden Menschen auf der Erde in extremer Armut.

Wenn man die Einnahmen auf der Welt damals in einer Verteilungskurve darstellen würde, sähe diese aus, wie zwei Kamelhöcker. Es gab wenige Länder mit hohem Einkommen vorne und eine viel größere Ländergruppe mit wenig Einkommen am Ende.

Über Jahrhunderte prägten Bezeichnungen wie Erste oder Dritte Welt den gesellschaftlichen Diskurs.

Das ist schade, denn diese Welt gibt es so nicht mehr.

Wenn du bereit bist, einige dieser althergebrachten Sichtweisen abzulegen, dann wird es dich freuen zu hören, dass sich die ganze Geschichte längst verändert hat.

"Seit gestern sind 250.000 Menschen der extremen Armut entkommen."

Heute leben nur 0,7 Milliarden der 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt in extremer Armut, das heißt, sie haben weniger als 1 Dollar und 90 Cent zu Verfügung.

Diese Gruppe macht weniger als 10 Prozent der Weltbevölkerung aus. Das ist der niedrigste Anteil, von Menschen die in Armut leben, der jemals gemessen wurde.

Es ist die größte ökonomische Erfolgsgeschichte aller Zeiten. Um Max Roser zu zitieren: "Seit gestern sind 250.000 Menschen aus extremer Armut entkommen."

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Sehen wir uns das näher an.

Seit Anbeginn der geschichtlichen Aufzeichnungen hat nur eine kleine Elite hohe Lebensstandards genossen. Lange waren die meisten Menschen einfach dreckig arm. Nicht Charles-Dickens-arm, sondern eine Mahlzeit pro Tag -, kein Zahnarzt-, kein Arzt-, keine Elektrizität-, auf Leben und Tod- arm.

Für die Mehrheit der Menschen war das so und blieb auch so. Ungleichheit war früher kein soziales Problem - so lief es halt einfach in der Welt.

Zu einem großen Teil haben wir das China zu verdanken

Doch die Armut ist stetig zurückgegangen, obwohl die Weltbevölkerung in dieser Zeit um das Siebenfache gewachsen ist. Und seit 1990 hat dieser Prozess immer mehr an Fahrt aufgenommen - in den letzten 25 Jahren sind durchschnittlich jedes Jahr 47 Millionen Menschen der extremen Armut entkommen.

Zu einem großen Teil haben wir das China zu verdanken.

Zwischen 1978 und 2010 wuchs ihre Wirtschaft um ungefähr 10 Prozent pro Jahr. Das brachte eine erstaunliche Zahl von 800 Millionen Menschen aus ihren Leiden heraus. Und seit 2010 geht die soziale Ungleichheit in China, dank der Mindestlöhne, ebenfalls zurück und soziale Fürsorge wird besser ausgebaut.

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Aber es ist nicht nur China. Armut wurde in jeder Region in der Welt reduziert. 1981 lebte fast ein Drittel der Nicht-Chinesischen Weltbevölkerung in extremer Armut. Im Jahr 2013 fiel dieser Anteil auf 12 Prozent zurück.

Der Geldbetrag, der theoretisch notwendig dazu wäre, jeden armen Menschen auf der Welt aus seiner Situation zu befreien, ist heute nur halb so groß, wie vor einem Jahrzehnt. Das zeigt, dass wir nicht nur die Häufigkeit extremer Armut reduzieren, sondern auch in ihre Intensität eingreifen.

Und das passiert auf jedem Einkommenslevel. Die obere Lohngrenze der ärmsten 10 Prozent ist im letzten Jahrzehnt um ein doppeltes gestiegen und das globale mittlere Gehalt von 1.100 Dollar zu 2.010 Dollar im Jahr.

Das bedeutet: Die Welt sieht ziemlich anders aus, als viele von uns noch glauben. Der doppelte Kamelhöcker von 1970 ist verschwunden - ersetzt von einer mehr oder weniger normalen Verteilungskurve. Jeder, der es über die vertikale Armutslinie schafft, kann sich heute ein Fahrrad, grundlegende Gesundheitsfürsorge und ein Handy leisten.

Deine Meinung hängt davon ab, wo du stehst

Die Leben der unteren Milliarden verbessern sich derweilen stetig, und die größten Wohltätigkeitsorganisationen sagen heute, dass wir das Ende der extremen Armut noch in unserer Lebenszeit mitbekommen werden.

Also das nächste Mal, wenn du einen Artikel liest, der Ungleichheit als größtes ökonomisches Problem unserer Zeit darstellt, nimm dir einen Moment und frage dich selbst, wer ihn geschrieben hat. Deine Meinung hängt davon ab, wo du stehst und was dich bewegt.

Wenn du ein Automechaniker in Guangzhou bist, nimmst du den Zustand unserer Welt wahrscheinlich als besser wahr, als ein Automechaniker in Adelaide. Wenn du ein Journalist in New York bist, dessen stabiles Mittelklasse-Einkommen auf einmal nicht mehr so sicher ist, dann ist es wahrscheinlicher, dass du plötzlich Artikel über Ungleichheit schreibst.

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Aber wenn du ein technischer Journalist in Kenya bist, der über Kenyas Wirtschaftsboom schreibt, dann wird man dieses Thema bei ihm nicht so oft finden.

Es ist wahr, dass die Globalisierung zu vielen Menschen unfreundlich war - vor allem zu Ländern wie Großbritannien und den USA. Diese Länder haben die Armen jahrzehntelang vernachlässigt - jetzt zeigen sich die Folgen.

Wir sollten unseren Erfolg feiern

Aber wir sprechen über einen sehr kleinen Anteil der Weltbevölkerung. Wie viele Zeitungsspalten wurden den Lebensbedingungen einiger weniger Kohlenarbeiter in den USA gewidmet, verglichen mit den hundert Millionen Menschen in Lateinamerika?

Mit dem Risiko kaltschnäuzig zu wirken ... wenn ihr euch um das Schicksal der "Weltbürger" mehr sorgt, als um das Schicksal der Arbeiterklasse in den wenigen OECD Staaten, dann solltet ihr sehr glücklich darüber sein, was die Menschheit in den letzten 25 Jahren geschafft hat.

Wir sollten damit weitermachen, die Not derer hervorzuheben, die wirklich noch in extremer Armut leben. Und wir sollten weiterhin darauf bestehen, dass unsere politischen Anführer Beschlüsse fassen, um die Ungleichheit in ihren eigenen Ländern zu reduzieren.

Aber wir sollten uns auch unseren Sieg vor Augen führen und unsere Erfolge feiern. Für den Durchschnittsmenschen auf der Erde, war die Welt noch nie ein besserer Ort, wie heute.

Und diese Geschichte wird viel zu wenig erzählt.

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