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Gesellschaft 4.0: Wissenschaftler entwickeln 8 Szenarien, wie sich Deutschland in den nächsten Jahren entwickeln könnte

30/07/2017 15:22 CEST | Aktualisiert 23/08/2017 12:34 CEST
Thomas_EyeDesign via Getty Images

Sieben Jahre ist es her, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort "alternativlos" zum Unwort des Jahres 2010 kürte. Nach der Finanzkrise gab es ein breites Unbehagen darüber, nicht mehr wirklich Herr über die Entwicklung zu sein.

Wer nun auf die vergangenen sieben Jahre zurückblickt - auf Griechenland, Syrien und die Ukraine ebenso wie auf Brexit, Erdogan und Trump -, der bekommt das Gefühl, Deutschland hangele sich von Krise zu Krise: Es wird lediglich auf Sicht gefahren, vielfach ohne ein gemeinsames Ziel. Was fehlt, sind Bilder möglicher und lebenswerter Zukünfte. Angeboten wird stattdessen häufig ein "Weiter so!" - aber das haben schon frühere Generationen gedacht. Und dann kam alles ganz anders.

Zukunftsblindheit verspielt Gestaltungschancen. Wie aber kann und sollte ein Diskurs über die Zukunft Deutschlands aussehen?

Sicher nicht so, dass jeder lediglich seine Lieblingsthemen nach vorne schiebt: Dann sprechen die Ingenieure von "Industrie 4.0", die Umweltgruppen vom "klimaneutralen Deutschland", die Netzaktivisten von "digitalen Freiheitsrechten" und die Politik von einer "neuen Sicherheitsarchitektur".

So wie es das auf Initiative von Klaus Burmeister und Beate Schulz-Montag entstandene unabhängige Open-Source-Projekt D2030 ("Deutschland 2030") in den vergangenen Monaten gemacht hat.

Wichtig war der von mehr als 200 Zukunftsbotschaftern getragenen und durch zwei intensive Online-Dialoge unterstützten D2030-Initiative, dass nicht nur ein Zukunftsbild erarbeitet wurde. Vielmehr wurden mit Hilfe des Szenario-Management mehrere denkbare Zukunftsbilder für Deutschland erarbeitet - wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche, positive und negative. Entstanden sind so acht unterschiedliche Szenarien, die eine Landkarte der Zukunft aufspannen.

Vorgestellt wurden diese Zukünfte sowie daraus resultierende Leitfragen im Rahmen einer Zukunftskonferenz in Berlin-Neukölln. Die vorliegende Zukunftslandkarte enthält zwei Hauptachsen, die sich anhand von zwei Kernfragen erklären lassen:

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Kernfrage 1: Wie ist Deutschlands Einstellung zu Veränderung und seine Bereitschaft zu globaler Zusammenarbeit?

Unterschieden werden dabei zwei Seiten: Auf der linken Seite der Landkarte ist Deutschland ein offenes Land, eingebunden in transnationale Strukturen und bereit, sich für wirtschaftlichen Erfolg proaktiv zu verändern - auch durch signifikante Zuwanderung. Auf der rechten Seite der Landkarte setzt Deutschland auf traditionelle Werte, steht transnationalen Strukturen skeptisch gegenüber und schottet sich gegen unliebsame Einflüsse ab.

Kernfrage 2: Welche Bedeutung haben in Deutschland Nachhaltigkeit und bürgerschaftliches Engagement?

So ist Deutschland im oberen Bereich der Landkarte geprägt von einer starken »Wir«-Orientierung mit bürgernahen Entscheidungen sowie einem hohen Bewusstsein für Umwelt und nachhaltigen Konsum.

Im unteren Bereich der Landkarte ist Deutschland demgegenüber geprägt von Materialismus und traditionellem Konsumverhalten - Nachhaltigkeit und bürgerschaftliches Engagement spielen aufgrund des starken Individualismus nur eine untergeordnete Rolle.

Aus der Verknüpfung dieser beiden Hauptachsen ergeben sich vier Grundszenarien:

  1. Spurtreue Beschleunigung
  2. Neue Horizonte
  3. Bewusste Abkopplung
  4. Alte Grenzen.

Die ersten beiden Grundszenarien werden jeweils durch drei einzelne Szenarien näher beschrieben. Deren Unterschiede werden deutlich, wenn man sich vier weitere Kernfragen ansieht.

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Kernfrage 3: Wie entwickelt sich die globale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft?

Hier stellt vor allem das Szenario 1A den Sonderfall eines deutlichen Rückgangs der Wettbewerbsfähigkeit dar.

Kernfrage 4: Wie entwickelt sich der breite Wohlstand in Deutschland - und was sind die Folgen für Politik und Gesellschaft?

Dabei zeigt sich eine weitere Spaltung der Gesellschaft in den Szenarien 1A und 1B, während 1C und die 2er-Szenarien einen Wohlstandsanstieg in den mittleren und unteren Segmenten ausweisen.

Kernfrage 5: Welche Rolle spielt die öffentliche Hand bei der Weiterentwicklung Deutschland?

Hier beinhalten die Szenarien 2C und 2B eine starke Position des Staates, während dieser im Szenario 2A viele Spielräume an zivilgesellschaftliche Gruppen übergibt - und die 1er-Szenarien ohnehin auf Liberalisierung und Privatisierung setzen.

Kernfrage 6: Wie ist Deutschlands Umgang mit global agierenden Konzernen und gesellschaftlicher Ungleichheit?

Hier weist das Szenario 2C den Sonderfall einer deutlich kritischen Sichtweise gegenüber der freien Marktwirtschaft und eine aktive Umverteilung auf.

Aus der intensiven Analyse dieser Zukunftslandkarte, der im Online-Dialog durchgeführten Bewertung der Szenarien sowie den Diskussionen auf der D2030-Zukunftskonferenz lassen sich sieben Thesen ableiten:

1. Beschleunigung ist keine Lösung für die Zukunft

Die drei dem Leitmotiv der spurtreuen Beschleunigung folgenden Szenarien stellen keine nachhaltigen Lösungen für morgen dar, sondern lediglich eine Verlängerung der Diskussionen der Gegenwart. Natürlich ist es wichtig, dass Deutschland im globalen Standortwettbewerb nicht ins Hintertreffen gerät und seine Kernbranchen nicht implodieren (so wie in Szenario 1A) - und auch eine einseitig von Unternehmen dominierte Welt mit erodierender Mittelklasse (so wie in Szenario 1B) ist keine wirkliche Option.

Aber selbst wenn diesen Risiken begegnet wird, befinden wir uns lediglich in einem "Wohlfühl-Wohlstand" (Szenario 1C) - lassen uns von gegenwärtigen Erfolgen einlullen. Wichtig ist vielmehr, dass wir den Mut aufbringen, über diesen tradierten Standortwettbewerb hinauszudenken.

2. Zukunft geht nur gemeinschaftlich und global

Drei Szenarien folgen dem Leitmotiv "Neue Horizonte" - und sind gleichzeitig die Zukünfte, die als besonders erstrebenswert eingeschätzt werden. Es gibt also einen Veränderungswunsch hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gemeinschaftlichkeit, aber gleichzeitig als offene und global orientierte Gesellschaft.

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Dies wird die zentrale Herausforderung der Zukunft sein: Wie organisieren wir mehr Nachhaltigkeit und mehr Gemeinschaftlichkeit in einer globalen und offenen Gesellschaft?

Die D2030-Szenarien haben einige Elemente identifiziert: bewusster Konsum, mehr Innovationen im Bildungssystem, ein neues Verständnis von Arbeit, die Sicherung hoher Medienqualität sowie transparente und bürgernahe Prozesse von der europäischen bis zum kommunalen Ebene.

3. Die Digitalisierung verlangt nach neuen Spielräumen

Im Szenario 2A wurde eine Welt skizziert, in der Unternehmen und Zivilgesellschaft enger zusammenrücken und gemeinsam Aufgaben übernehmen, die bisher der Politik vorbehalten waren (oder die es vorher noch gar nicht gab).

Das klingt nach Silicon Valley und sorgte bei den meisten Diskutanten der D2030-Zukunftskonferenz erst einmal für Sorgenfalten. Es steht aber außer Frage, dass sich digitale Plattformen zu einem zentralen Bestandteil von Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln - und dass damit Unternehmen und Bürger bzw. Verbraucher viel enger zusammenrücken.

Die Politik sollte hier nicht den Fehler machen, sich dieser Entwicklung entgegenzustellen, sondern vielmehr endlich einen Ordnungsrahmen für digitale Wirtschaft schaffen - und ansonsten vielfältigen Möglichkeiten von Open Innovation, Co-Creation und kollektiver Intelligenz als Chance begreifen.

4. Politik muss gleiche Lebenschancen für alle anstreben

Das Szenario 2C heißt „Renaissance der Politik" und skizziert ein Deutschland, in dem die zentralen Zukunftsfragen nicht jenseits der Tagespolitik stehen, sondern im Mittelpunkt des politischen Diskurses stehen. Dies hat auch dazu geführt, dass die aktive Beteiligung am politischen Leben als direkteste Form der Partizipation verstanden wird.

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Wenn man dies in stets unzureichenden Schlagworten ausdrücken müsste, dann hieße es heutzutage wohl: Politik 4.0, Parteien 4.0 oder Kommune 4.0. Essentiell für eine solche Wiedererweckung des politischen Diskurses ist aber, dass der unbedingte Glaube an die Selbstheilungskräfte der Märkte überwunden wird. Branko Milanovic hat eindrucksvoll gezeigt, an welchen Stellen in den vergangenen Jahren massive Ungleichgewichte entstanden sind. Und wer, wenn nicht die Politik, könnte an dieser Stelle eingreifen und gleiche Lebenschancen für alle sicherstellen.

5. Wir brauchen mehr globale Zusammenarbeit

Im Szenario 3 wird eine bewusste Abkopplung Deutschlands von den globalen Wertschöpfungsprozessen beschrieben. Nicht zuletzt wegen der offensichtlichen Folgen für das gegenwärtige Exportmodell ist dieses Szenario nicht nur das am wenigsten Erwartete, sondern auch die Zukunft, die am stärksten polarisiert.

In den Diskussionen der D2030-Zukunftskonferenz wurden zwei Aspekte deutlich: Zum einen brauchen wir keine Abkopplung, sondern mehr globale Zusammenarbeit. Wenn man so will: mehr Globalisierung - aber eben nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch, ökologisch, gesellschaftlich, kulturell; also letztlich eine globale Zivilgesellschaft.

Zum anderen dürfen wir uns in Deutschland aber auch nicht scheuen, in bestimmten Situationen des globalen Diskurses durch eigene Entscheidungen vorzugehen: die "Energiewende" ist dafür ein gutes Beispiel, das Festklammern am Verbrennungsmotor ein eher schlechtes.

6. Wir brauchen Akzeptanz für unsere Veränderung

Im Wunschraum der Zukünfte fanden sich nicht nur die "Neue Horizonte"-Szenarien, sondern - mit etwas Abstand - auch der "Wohlfühl-Wohlstand" (Szenario 1C). Jetzt könnte man dies als das allseits bekannte Beharrungsvermögen abtun und allein mehr Mut zu Veränderung einfordern. Es gibt aber noch eine zweite Frage: Wieviel Veränderung können wir uns (also: Deutschland) zumuten?

Gras wächst bekanntlich nicht schneller, nur weil man daran zieht. Wir brauchen Akzeptanz für unseren Veränderungspfad - und Wohlbefinden in der Gegenwart kann dabei durchaus hilfreich sein, wenn es nicht zum Ziel an sich erkoren wird. Es muss also zunächst darum gehen, die Menschen auf dem Weg in die Zukunft mitzunehmen - und dabei so viele wie möglich auch zum aktiven Mitmachen zu inspirieren. Für beiden brauchen wir neue Narrative, mehr als zahllose neue Studien und Konzepte.

7. "Zurück in die Zukunft" muss aktiv verhindert werden

Die acht von D2030 entwickelten Szenarien stellen den gesamten Möglichkeitsraum dar. Folglich gibt es auch Szenarien, die nicht gewünscht sind, deren Eintreten aber nicht ausgeschlossen wird. Dies ist neben dem unaufhaltsamen Abstieg (Szenario 1A) und der gesellschaftlichen Spaltung (Szenario 1B) vor allem das Szenario 4 (Alte Grenzen).

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Erschreckenderweise zeigen sich viele der in diesem Zukunftsbild skizzierten Entwicklungen schon heute, beispielsweise Re-Nationalisierung, Abschottung oder eine Aushöhlung der Öffentlichkeit. Bei allem Fokus auf die Chancen der Zukunft müssen gerade Zukunftsdenker auch den Kampf gegen ein solches, rückwärtsgewandtes Regressions-Szenario aufnehmen. Alte Grenzen sind keine Lösung für morgen.

Unsere Zukunftsbilder werden nur durch breites Engagement Realität

Quintessenz: Es gibt immer mehrere Zukünfte - und wenn man sich, wie bei D2030, auf den eigenen Gestaltungsbereich konzentriert, dann gibt es wünschenswerte Zukunftsbilder. Egal wie diese Zielbilder oder Visionen später benennt, Realität werden sie nur durch ein breites Engagement aller Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Wenn dieser Beitrag und unser Engagement in der D2030-Initiative dazu beitragen, dann haben sich die Mühen gelohnt. Meine Bitte: Werden auch Sie zum Kartografen der Zukunft und engagieren Sie sich, egal in welchem Kontext, für das Erkennen und Erreichen wünschenswerter Zukünfte.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade "Gesellschaft 4.0 / Inclusive Prosperity" von Huffington Post und Competence Site im Vorfeld des Drucker Forums 2017.

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