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Interviews zur Bundestagswahl

18/06/2017 14:24 CEST | Aktualisiert 18/06/2017 14:25 CEST
ThomasSaupe via Getty Images

Ich verstehe den Hass.

Ich verstehe ihn wirklich.

Die Welt lässt sich nicht länger in Gut und Böse unterteilen. Sicherheiten gibt es nicht mehr, Prinzipien ändern sich nach jedem neuen Shitstorm.

Der Puls des Lebens wird immer schneller, hektischer, kälter, brutaler - wo nur noch Produktivität und Geld als das Nonplusultra gesehen werden, bleiben Qualität und Empathie auf der Strecke.

Ich kann verstehen, dass der Rückzug ins Vertraute oftmals Hand in Hand mit dem Hass geht. Dass Sündenböcke gesucht werden. Aber mein Verständnis bedeutet nicht, dass ich den Hass akzeptiere oder toleriere.

Vieles, was Politiker und andere kirchliche und weltliche Amtsträger von sich geben, erscheint uns hochtrabend, versnobt und der Realität entrückt. In einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten sind uns trotzdem die Flügel gestutzt und wir träumen im goldenen Käfig von unserer eigenen, besseren Utopie. Aber was ist die Realität? Die echte Realität?

Genauso, wie wir verschiedene Facetten in uns tragen und je nach Situation zu anderen Menschen werden, so ist es auch mit der Realität. Es gibt keine feste, echte Realität - wir alle leben in ganz verschieden Realitäten.

Ich habe mit Mitbürgern gesprochen, die in den 70er und 80er Jahren nach Deutschland kamen und mittlerweile den deutschen Pass besitzen. Ich werte die Unterhaltungen bewusst nicht selbst und überlasse euch die Interpretation. Selbstverständlich handelt es sich hier um eine qualitative Interviewreihe und keine quantitative ;)

Hier sind Auszüge aus unseren Unterhaltungen, die ich zusammengefasst & niedergeschrieben habe.

Auf Wunsch habe ich die Namen der Interviewpartner anonymisiert.

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Zur Diskussion standen die Flüchtlingspolitik, der Umweltschutz, die Todesstrafe und Trump.

A, kam als Gastarbeiter nach Deutschland, ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist selbstständig und hat bis jetzt nie gewählt.

Ich habe bis jetzt noch nie gewählt, weil es nichts daran ändert, wie es im Land zugeht. Egal, wer da oben sitzt, es geht sowieso nicht um uns. Deutschland war ein tolles Land, mit harter Arbeit konntest du hier was werden. Ich habe noch nie in meinem Leben irgendwas geschenkt bekommen und bin stolz darauf, was ich mir hier aufgebaut habe.

Dass die Flüchtlinge jetzt alles in den Hintern geschoben bekommen, während wir arbeiten finde ich unmöglich. Was leisten die denn? Und damit meine ich nicht die, die vor Bomben fliehen, sondern die, die denken, hier gäbe es alles umsonst. Lasst sie arbeiten gehen und sperrt sie nicht in Container. Wer seinen Beitrag leistet, mit dem habe ich kein Problem. Und warum stehen die Container nie in den Bonzen-Vierteln? Da wo die Politiker selbst wohnen? Die sind doch das echte "Pack".

Meine Interessen sind einfach: Ich möchte, dass meine Kinder ein gesichertes Leben haben - Umweltschutz ist doch nur Beschäftigungstherapie für Spinner mit zu viel Zeit. Wir haben ganz andere Probleme. In meiner alten Heimat gibt es die Todesstrafe noch - trotzdem gibt es schwere Kriminalität und jeder schießt auf jeden. Es bringt also nichts, Verbrecher wird es immer geben.

Was Trump betrifft, dachte ich, das wäre ein ehrlicher Typ, der tut, was er sagt. Jetzt finde ich ihn nur noch kindisch. Wählen gehe ich aber trotzdem nicht - es wird sich sowieso nichts ändern.

B, kam als Student nach Deutschland, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er arbeitet im akademischen Bereich und ist neuer AfD-Wähler. Vorher war er Wechselwähler.

Ich habe bis jetzt immer taktisch gewählt, im Bund anders als im Land. Im großen und ganzen stimme ich mit der CDU überein. Dieses Mal wähle ich aber die AfD. Es ist die einzige Partei, die zur Flüchtlingspolitik sagt, was alle denken und ehrlich ist. Wir können nicht alle aufnehmen!

Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einem Land aufwachsen, was jedem dahergelaufenen Kerl eine Wohnung und den Lebensunterhalt finanziert, während sie nach einer guten Ausbildung von Praktika zu Praktika tingeln. Zeitarbeit ist gut genug für deutsche Akademiker, aber Flüchtlinge aus Ländern, wo kein Krieg herrscht, bekommen alles auf dem Silbertablett serviert?

Die Flüchtlinge, die ich an der Universität erlebe, sind aber was anderes. Gebildete Leute, die alle Chancen haben und sie auch nutzen sollten. Deutschland sollte unbedingt unterscheiden zwischen denen, die nur herkommen, weil sie wissen, dass selbst das Gefängnis in Deutschland besser ist als das Hotel in der Heimat und denen, die uns nutzen.

Was sollen wir mit Leuten, die nicht mal in ihrer Landessprache lesen und schreiben können? Wir brauchen Leute, die, wie die Studenten an meiner Uni, in ihrer Heimat schon zu den Besten zählen und mit ihrer Expertise Deutschland helfen können!

Allerdings: Hätte die Natur gewollt, dass wir uns vermischen, sähen wir übrigens alle gleich aus und es gäbe keine eigenständige Kulturen mehr - das blüht Deutschland in den nächsten Jahrzehnten! Nehmen Sie als Beispiel die Fische in meinem Aquarium: Verschiedene Arten leben friedlich miteinander, paaren sich aber nicht, weil es wider die Natur ist.

So sollte es auch sein! Ich bin stolz auf die Kultur meiner alten Heimat, aber auch auf Deutschland, das mir viel gegeben hat. Daher setze ich mich mit meiner Wahl für Deutschland ein.

Die Todesstrafe finde ich in Einzelfällen akzeptabel - der Täter hat ein Leben genommen, warum sollten wir ihn verschonen? Aus der Sicht der Hinterbliebenen ist es doch der blanke Hohn, wenn der Staat den Täter auch noch durchfüttern soll und er nach paar Jahren wieder frei kommt!

Ich will nicht, dass meine Steuergelder dafür genutzt werden, dass Verbrecher freie Kost und Logis bekommen. Ausserdem schrecken besonders harte Strafen nachweislich ab, der Staat sollte auch mal Strenge zeigen, Resozialisierung auf dem Ponyhof ist doch nur Urlaub für die Betreuer.

Umweltschutz ist ein wichtiges Thema und der Klimawandel kommt, aber Immigration steht für mich im Vordergrund. Das ist unser größtes Problem. Trump hat einfach nur die falschen Berater um sich, die teilweise gute Forderungen abstrus weitergeben. Gerade weil in den USA die Inkompetenz herrscht, brauchen wir ein starkes Deutschland.

C, kam als Studentin nach Deutschland, ist verheiratet und hat ein Stiefkind. Sie ist selbstständig und wählte bislang die SPD oder die Grünen.

Es gibt viel zu viel Bürokratie. Hast Du mal versucht, als Freiwillige mit Flüchtlingen etwas auf die Beine zu stellen oder ihnen die Behördengänge zu erleichtern? Selbst mein Mann, der hier in Deutschland geboren ist, versteht den Grossteil der Anordnung und Auflagen nicht - wie sollen Geflüchtete es dann tun?

Ich finde, wir sollten denen helfen, die schon hier sind. Es nützt nichts, rumzujammern - die Leute sind nun mal da. Dass Merkel und die CDU extrem kurzsichtig sind, sieht man ja am Fakt, dass sie hilfsbereit die grösste Welle der Fliehenden aufgenommen haben, die Menschen jetzt aber komplett in Stich lassen. Sehr christlich. Den Großteil der Arbeit machen Freiwillige - und das auch noch unter Auflagen!

Nicht die Flüchtlinge sind schuld, sondern die verdammte Bürokratie und die Planlosigkeit der Regierung.

Nach Afghanistan abzuschieben ist okay, wenn das Nachbarhaus zerbombt wird; aber wenn die eigene Botschaft getroffen wird, ist es plötzlich unsicher? Blödsinn. Es braucht Regeln. Deswegen finden ich den Plan der Grünen mit einem humanen Einwanderungsgesetz sehr gut. Unkontrollierte Einwanderung will doch niemand! Ich auch nicht. Da sind sich rechts und links in diesem Land doch endlich mal einig!

Umfassender Umweltschutz spiegelt sich für mich darin wieder, dass es dem Land sozial und ökologisch gut geht. Eine kaputte Natur kann nichts wiedergeben, warum glaubst du, fliehen so viele Menschen? Nicht nur wegen Krieg, sondern weil ihr Land unbewohnbar wird!

Ich hätte dieses Jahr die SPD gewählt, weil sie die größte Chance hatte, Merkel abzulösen... aber diesen Kult um Schulz fand ich suspekt - zu Recht, wirklich was dahinter ist nichts. Außerdem will ich keine große Koalition mehr, rechte Idioten oder linke Spinner, die Putin für toll halten, will ich auch nicht. Da bleiben nur die Grünen übrig.

Die Todesstrafe lehne ich ab. Ich kann für mich einfach nicht verantworten, jemanden auf dem Gewissen zu haben. Es gibt genug Fälle, wo unschuldig jemand hingerichtet wurde. Wieso reden eigentlich alle über die Türkei im Zusammenhang mit der Todesstrafe? Die USA führen die Todesstrafe doch aktuell durch!

Ich rechne außerdem damit, dass Trump vorzeitig aus dem Amt gejagt wird.

Die Gespräche wurden in Hamburg und Berlin aufgezeichnet.

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