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Ich bin nicht dazu verpflichtet, deine egoistische Neugier zu stillen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PEOPLE LOOKING AT ASIAN WOMAN
Hinterhaus Productions via Getty Images
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„Und woher kommen Sie?" Wie so oft ruinierte mir diese vermaledeite Frage den sonst so schönen, etwas zu schwülen, lauschigen Sommerabend. Sicherlich ungewollt, tritt die nette, ältere Dame bei mir ins volle Fettnäpfchen.

Außenstehende werden es schwer nachvollziehen, müssen und können es auch gar nicht nachvollziehen - es sei denn, sie könnten sich meine Haut und mein Haar überziehen.

Akzeptiert einfach, dass Fragen wie diese für einige Leute einfach nur noch lästig sind.

Auf meine freundliche, aber bestimmte Antwort "Hamburg" wurde - wie erwartet - nachgehakt. "Aber woher kommen Sie wirklich?"

Ich war echt versucht, zu sagen "Von Zuhause" oder "Da, woher sie auch gekommen sind", aber ich entschied mich für die einfachste Lösung. Hamburg. An meiner Antwort wird auch die zehnte Nachfrage nichts ändern:

Ich bin aus Hamburg. Punkt.

Mein klarer Wink mit dem Zaunpfahl war leider vergebens, denn es wurde penetranter.
"Aber ich sehe es ihrem Gesicht an, dass Sie irgendwo aus Asien kommen."
(Asien ist groß. Sehr groß. Für Ostasien hätte es Bonuspunkte von mir gegeben).

Da hatte ich es wieder. Auf ewig Fremde zu sein. Auf ewig auf das Aussehen reduziert zu werden.

Auf meine Erklärung, dass ich Wildfremden meinen Lebenslauf und Stammbaum (woher ich komme) nicht preisgeben werde, kam die Antwort "Aber ich bin doch nur neugierig! Wenn ich so Menschen wie Sie sehe, will ich es einfach wissen! Es interessiert mich einfach." Ich. Ich. Ich.

Es gab in Europa mal Menschenzoos, wo Mitmenschen, die keine weiße Hautfarbe hatten, fröhlich von einer zahlender Kundschaft begafft wurden.

Nun ist das dankenswerterweise schon lange nicht mehr so und als komplett rassistisch bekannt; an der Tatsache, dass Menschen immer noch als Objekt der Neugier dienen müssen, hat sich nichts geändert.

Schön für dich, dass du neugierig bist

Schade für dich, dass ich keine Lust habe, objektiviert zu werden, um deine Neugier zu befriedigen. Es geht dir in dem Moment nämlich nicht um mich als Person, sondern um das, was ich äußerlich darstelle.

Ich bin nicht dazu verpflichtet, deine egoistische Neugier zu stillen, darauf habe ich keinen Bock. Bitte suche dir ein Hobby, dass deinen unbändigen Drang nach neuen, exotischen Dingen füllt.

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Wo ist die Kinderstube geblieben? Warum ist es so schwer, zu akzeptieren (nicht zu tolerieren, das wäre was anderes!), dass man andere Mitmenschen nicht stören soll?

PoC (people of color) verstehen und beantworten die Frage nach dem "Woher kommst du" natürlich alle sehr unterschiedlich. Für manche ist es was ganz Lockeres, für andere ein wunder Punkt.

Eins ist aber sicher: PoC haben hier das Sagen. Es ist ihre Erfahrung, nicht deine.

Wenn du aber wie ich in einer zweistündigen Vorstellung gefühlt die einzige PoC warst und dann draußen damit konfrontiert wirst, dass bei einigen Zuhörern nur deine Hautfarbe hängen geblieben ist, dann kannst du dir sicher sein, dass ich andere Prioritäten habe, als dir zuzuhören.

Ich werde eure banale Neugier nicht befriedigen

Ich bin immer wieder erstaunt, wie beleidigt Menschen reagieren, wenn man ihnen sagt, dass man aus Hamburg kommt. Stichworte wie „fragile whiteness" würden ein viel zu großes Fass aufmachen, gehören aber sicher auch zum großen Ganzen.

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Denn es wurde tatsächlich versucht, mir Schuldgefühle aufzudrängen, weil ich nicht willens war, die banale Neugier einer fremden Person aufzulösen.

Die Aussage, dass ich nicht so sei, wie andere Asiaten hat mich auflachen lassen. Klar bin ich nicht wie eine Inderin oder eine Usbekin - ich bin Hamburgerin.

So wie unserer Autorin geht es vielen Menschen in Deutschland. Was habt ihr erlebt? Erzählt uns eure Geschichte und schickt sie an blog@huffingtonpost.de

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Natürlich weiß ich, dass mit diesem Satz das Klischee vom sanft lächelnden, nie aufbrausendem Wesen aus dem Land der Sonne (am besten noch mit Schirm und kokett hinter dem Fächer verstecktem Gesicht) gemeint ist. Sorry, not sorry.

Du hast kein Recht darauf, zu erfahren, woher ich komme.
Du hast kein Recht darauf, zu fragen, was meine Eltern "so" machen.
Und nein, ich bin nicht so wie "alle" Asiaten sind.
(Was das "alle" suggeriert, ist ein Thema für einen ganz anderen Blogpost...)

Viel interessanter ist für mich die Frage, wohin wir gehen

Reden wir doch gleich darüber, auf welchem politischen, sozialen oder kirchlichen Weg wir uns gerade befinden. Ob wir ein Stück des Weges sogar zusammen gehen können.
Oder, ob wir ganz unterschiedliche Pfade beschreiten und uns im Diskurs näher kommen.
Warum bist Du hier auf diesem Planeten? Das will ich wissen.

Ganz ehrlich, mich interessiert, was du machst, was du willst, was dich bewegt und was dir Freude macht. Auch das, was dich verärgert, möchte ich von dir wissen!

Deine DNA ist mir egal.

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.