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Als Kind wollte ich nichts sehnlicher sein als "weiß" - was es bedeutet, in Deutschland mit einer anderen Hautfarbe aufzuwachsen

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ASIAN CHILD SAD
Sasiistock via Getty Images
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Ich war acht Jahre alt und hatte Todesangst.

Vor 25 Jahren, am Samstag, den 22. August 1992, brannte die Erde in Rostock-Lichtenhagen. Fünf Nächte lang ließen Rassisten ihrem Hass und ihrer Aggression freien Lauf - ohne eine Reaktion der Polizei oder der Öffentlichkeit.

Es kam noch schlimmer. Mehr als 3000 Schaulustige jubelten, als diese Idioten einen Appartmentblock anzündeten. Über hundert vietnamesische Arbeiter und eine TV-Crew waren still im Gebäude gefangen, niemand half. Die Ausschreitungen dauerten an.

Die Ziele: Häuser und Wohnungen ausländischer Arbeiter und Flüchtlinge. Die damalige Regierung, die CDU (ironischerweise steht das "C" für "Christlich" war schnell zur Stelle, um die Schuld an den Krawallen den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen in die Schuhe zu schieben, die angeblich den Frieden stören würden.

Monatelag sah ich nur Flammen, wenn ich meine Augen schloss

Diese Bilder aus dem Fernsehen brannten sich buchstäblich ein und ließen mich nicht los. Alles, was ich hören konnte, war das krachende Geräusch eines zersplitternden Molotov-Cocktails und einen Mob lachender Leute, vereint in ihrem Hass. Ich war mir sicher, dass unser Haus - früher oder später - das nächste war, was brennen würde. Meine schlaflosen Nächte waren voll mit Gedanken, wie man am besten aus einem verqualmten Gebäude entkommt.

Im Laufe dieses Sommers realisierte ich, dass ich nicht Deutsch war. Jedenfalls nicht in den Augen dieser betrunkenen Nazis mit ihren stolzen Bierbäuchen, schlechten Frisuren und ostdeutschem Akzent. Nachdem mir meine Augen einmal geöffnet wurden, war es schmerzhaft, die Realität des People of Color-Daseins in der Diaspora zu akzeptieren.

Die aktuelle Entwicklung und der Rechtsruck machen mir erneut Angst. Ich habe mich - trotz Alltagsrassismus - immer in Deutschland wohl gefühlt. Noch.

Denn das Erstarken der Rechtsradikalen und die Normalität, mit der dieser Rechtruck geschieht - das ist ein Alptraum.

Mehr zum Thema: "So viel Aggressivität wie noch nie": Aktuelle Zahlen der Polizei zeigen, wie der Wahlkampf in Ostdeutschland eskaliert

Ich muss mir jetzt eingestehen, dass Nicht-PoC meine Mühen nicht verstehen und frage mich, ob sie meine Erfahrungen jemals nachvollziehen können. Ein Teil von mir hegt da keine hohen Erwartungen, aber will dennoch nicht aufgeben und glaubt noch an das gegenseitige Verständnis.

Ich werde nie den Moment vergessen, als meine Englischlehrerin in der Schule "Schlitzaugen" imitierte, um den Begriff "almond" (Mandel) zu erklären. Oder die regulären "yellow face" Sketche in TV-Shows, wo man sich über den Akzent und das Aussehen von Ostasiaten lustig machte.

Viele dieser Charaktere wurden von Schauspielern gespielt, die jetzt Schwergewichte in ihrer Branche sind. Für diese bigotten Leute habe ich nur ein müdes Lächeln übrig, es ist schizophren, sich in Anti-Rassismus Kampagnen zu engagieren und für Diversität zu werben, während man selbst dazu beigetragen hat, Vorurteile in die Welt zu setzen.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Als Kind wollte ich nichts sehnlicher sein als "weiß"

Jede Puppe, jeder Charakter in einem Buch, Star in einem Film und jedes Vorbild war nämlich - weiß. Selbstzerstörende Zweifel waren oftmals ein täglicher Begleiter. Aber auch wenn es klingt wie ein Klischee, Musik half mir, mich aus dieser Spirale des Zorns zu befreien. Musik und eine große Dosis Selbstakzeptanz.

Ich habe Violine studiert und hatte dadurch die Chance, in einer multikulturellen Gruppe erwachsen zu werden, wo es wenig Platz gab für rassistische Ausbrüche. Eine laute, farbenfrohe Vereinigung, bestehend aus fast allen Ländern dieser Erde. In dieser Umgebung spielte es keine Rolle, ob man Gelb, Weiß oder Schwarz war - allein das Können zählte.

Es war ein willkommener Wechsel vom alltäglichen Rassismus und ich begrüßte diese leistungsorientierte Welt der Musik, nutzte sie als kurzzeitige Flucht. Ohne die Musik wäre ich sicher bitter, aggressiv oder apathisch geworden.

Selbstverständlich hinterlässt es Spuren, wenn man konstant Mikro-Aggressionen ausgesetzt ist

Ich vergleiche es damit, dass man dauernd mit dünnen Nadeln gestochen wird; entweder fängt man an zu bluten oder man wird empfindungslos. Ich werde von kompletten Fremden gefragt, woher ich denn "wirklich" herkomme und es wird eine komplette Analyse meines Familienstammbaumes erwartet.

Meine Antwort "von Zuhause" lässt diese Menschen unbefriedigt zurück; was sie aber nicht realisieren ist, dass diese scheinbar unschuldige Frage uns PoC von unseren Mitbürgern und Mitbürgerinnen isoliert. Diese Frage macht uns zu Fremden in unserem eigenen Land und zerstört jede Hoffnung auf Akzeptanz.

Anstatt "Woher kommst du? " zu fragen, möchte ich gerne die Frage hören "Wohin willst du gehen? " Damit wir erkunden können, ob wir einen Teil des Weges gemeinsam gehen, ob sich unsere Wege kreuzen oder in komplett andere Richtungen gehen.

"Sowas wie dir gebe ich nicht die Hand."
"Schmecken deine Hunde gut?" 
"Geh zurück in dein Land!" 
"Meine Ex-Freundinnen waren alles Asiaten. Ich liebe Asien, es ist so ein tolles Land." 
"Oh, Ich wusste nicht, dass du das 'R' aussprechen kannst." 
"Ihr seht alle gleich aus, wie erkennt ihr euch??" 
"Es ist so exotisch, dass du aus Asien kommst." 
"Ching, chang, chong."
"Ich hoffe, du wirst zurück nach Nordkorea gebombt." 
"Du bist gar nicht so nett wie ich dachte, nicht wie Asiaten so sind."'
"Für ein Schlitzauge ist dein Deutsch echt gut."

Dies ist ein kleiner Auszug von den harmlosen Beleidigungen, die ich mir anhören muss. Auf dem ersten Blick erscheinen sie euch vielleicht nicht besonders aggressiv, aber die Menge an verbalen Angriffen wird zu einem erdrückenden Gewicht auf der Seele eines PoC.

Ich glaube, dass wir alle rassistisch sind

Machen wir uns nichts vor, denn die meisten modernen Gesellschaften haben rassistische Einstellungen. Aber manche Menschen sind einfach besser darin, sich gegen Rassismus zu stemmen, indem sie Wissen, Erfahrung und Empathie anwenden.

Wir sind zwar nicht mit der Fähigkeit auf die Welt gekommen, andere Menschen nach ihrer Hautfarbe zu kategorisieren und vorzuverurteilen, aber es wird uns jeden Tag eingetrichtert. In der Schule, durch die Medien und die Vorbilder, denen wir folgen. Und wenn wir lernen können, rassistisch zu sein, können wir es auch wieder "verlernen".

Bin ich mittlerweile eine richtige, echte Deutsche? Ich weiß es einfach nicht, denn obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, glaube ich, dass ich dieses Ziel noch nicht ganz erreicht habe - und es auch nie erreichen werde.

Denn eine komplette Akzeptanz ist gegenwärtig nicht möglich und wegen meines Aussehens werde ich auch nie in der Masse verschmelzen.
Ich lebe in zwei Welten, weiß die Ausbildung, den Frieden und die Möglichkeiten dieses Landes zu schätzen und möchte dieses Wissen auch mit anderen teilen.

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Auswandern sehe ich mittlerweile als ernsthafte Option

Aber die Bundestagswahl 2017 und der Wahlkampf haben mich nachdenklich gemacht. Mittlerweile überlege ich tatsächlich, welche Länder mir bessere Optionen bieten, welche Länder mir eine Zukunft geben können. Wo ich nicht befürchten muss "entsorgt" zu werden oder wo ich mich nicht mehr rechtfertigen muss, zu diesem Land zu gehören.

Ich schaue, welche anderen Länder es zu schätzen wissen, was ich einbringen kann und will. Und da gibt es einige. Südkorea, Kanada und - trotz Trump - die USA. Die Einwanderungsbedingungen mit ihren Tests und Punktesystemen sind eine Hürde, aber eine Hürde, die zu bewältigen ist, wenn man die richtige (Aus)Bildung, Sprachkenntnisse und Mobilität mitbringt.

Ich erinnere mich auch an den türkischen Taxifahrer, der seit über dreißig Jahren hier lebt, aber in zwei Jahren wieder in die Türkei ziehen will. In ein, seinen Worten nach, "fremdes Land, mit einem Despoten als König und keiner freien Presse". Alles scheint für ihn besser, als sich in Deutschland weiter mit Alltagsrassismus, dem Erstarken rechter Parteien, steigenden Mietpreisen und sozialer Kälte zu befassen.

Es klingt wie Paranoia? Das ist die Realität für viele PoC. Aus einem winzigen Samen wird ein mächtiger Baum - aus einer Idee, eine Bewegung. Aus einem harten Kern eine Masse. Aus Schweigen Gewohnheit. Dies kann für positive Kräfte, aber auch für Radikale gelten.

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Diese Trägheit und verstörende Gleichgültigkeit gegenüber der Vorstellung, dass wieder Rechtsradikale in den Bundestag einziehen könnten - all das sind für mich Indikatoren, dass es für mich Zeit ist, einen Plan B zu erstellen.

Eine gute Freundin hat vor fünf Jahren alle Brücken in Deutschland abgebrochen und ist nach Südkorea gezogen. Selbstverständlich ist das Leben dort kein Zuckerschlecken. Aber bei einem Besuch sagte sie mir, dass sie hier nicht andauernd angestarrt wird, keine belästigenden Fragen kommen und ihr Kind in Frieden aufwachsen kann. Einfach mal ich selbst sein, ohne nachdenken zu müssen, ob die Person vor dir nur deine Hülle sieht oder deinen Charakter. Das ist ein Luxus, den PoC nicht haben.

Freunde beschwichtigen mich, sagen Dinge wie: Lass uns doch nicht alleine mit diesen Nazis! Aber es ist nicht meine Aufgabe, gegen den Strom zu paddeln, während der Großteil mit dem Motorboot in die andere Richtung düst. Es ist nicht meine Aufgabe, die Verantwortung zu übernehmen, euch "alleine" gelassen zu haben.

Meine Zukunft ist nicht braun. Und Deine?

Hört auf, PoC ein schlechtes Gewissen einzureden, indem ihr uns als emotionale Geisel benutzt. Lasst uns unsere Wünsche! Denn unser Leben war und ist in Deutschland nicht leicht - wir wurden von Erfahrungen geprägt, die ihr nie durchleben musstet.

Es ist für mich und andere PoC kein Scherz, keine Eintagsfliege und kein vorübergehender Zustand. Die erschreckende Realität ist, dass viele meiner Mitmenschen der Überzeugung sind, dass Menschen, wie ich keinen Platz in Deutschland haben.

Wenn einen rechtsradikale Partei mit einer zweistelligen Summe in den Bundestag einziehen sollte (was in vielen Landtagen bereits geschehen ist), ist für mich 1933 nicht weit.

Eine Partei mit Funktionären und Mitgliedern, die PoC, LSBTTIQ, Hilfesuchende und Andersdenkende wahlweise entsorgen, aus Hubschraubern werfen oder gleich über den Haufen schießen möchten. Bevor ich vor verschlossenen Grenzen sehe, handele ich lieber. Meine Aufgabe ist es, mich um meine Zukunft und die meiner Familie zu kümmern. Meine Zukunft ist nicht braun. Und Deine?

Quo Vadis, Deutschland? Der 24. September 2017 wird es uns zeigen.

Die Autorin erreicht ihr unter @Novemberbeetle.
Der Beitrag wurde zuvor teilweise auf Englisch veröffentlicht.

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