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Lieber eine Fremde im fremden Land, als fremd in der Heimat - warum ich Deutschland verlassen möchte

02/10/2017 10:49 CEST | Aktualisiert 02/10/2017 14:25 CEST
da-kuk via Getty Images

Ausländer raus!

Das ist die neue Realität, mit der ich mich wohl oder übel in Deutschland abfinden muss. Und es ist kein Zustand, den ich mir für meine Familie wünsche.

Als ich vor der Bundestagswahl 2017 schrieb, dass ich lieber eine Fremde im fremden Land sein möchte, als eine Fremde in der Heimat zu werden, hatte ich noch die Hoffnung, dass sich meine Befürchtungen in Rauch auflösen würden. Aber nach dem Einzug der AfD in den Bundestag muss ich neuen Tatsachen ins Auge sehen. Und diese sind schmerzhaft.

Denn Deutschland war für mich immer das Land, wo ich die besten Chancen erhalten habe. Die beste Ausbildung. Die besten Freunde. Die besten Ideen.

Ich weiß nicht, ob meine "dicke Haut" dünner geworden ist, oder nicht - aber die Bundestagswahl hat etwas zutage gefördert, was früher oder später hochgekommen wäre. Wie die Lava aus einem ausbrechenden Vulkan explodiert, brechen jetzt alle politischen Dämme. Die neue Selbstverständlichkeit der Rechten vergiftet die Atmosphäre. Meine Luft wird dünner.

Die Normalisierung der Nazis 2.0

Ob Links, Mitte oder Rechts - jeder Politiker möchte sich im Dunstkreis der AfD profilieren - für eine 13% Partei, denen angeblich 87% entgegen treten, hat diese Nazi-Partei innerhalb weniger Tage mehr Schaden angerichtet, als ich in meinen Alpträumen gesehen habe.

Jeder Tag überschlägt sich mit neuen Meldungen. Sachsens Ministerpräsident Tillich möchte, dass "Deutschland Deutschland" bleibt. Abgesehen davon, dass es unser Deutschland erst seit 1990 gibt, spielte davor nur 1867 eine Rolle. Was für ein Deutschland schwebt Tillich vor? 1930? Ohne mich.

Die Normalisierung der Nazis 2.0 hat bereits begonnen. Medien, wie "Die Zeit", hofieren Frauke Petry, die trotz Austritts aus der AfD eine rechtsradikale Frau bleibt, und geben ihr die Möglichkeit, vor Millionen Leserinnen und Lesern einen Image-Wandel zu vollziehen. Von der depperten Radikalen zur sanften, gemäßigten Dame.

Mehr zum Thema: "Hexenjagd": Das sagt Frauke Petry über ihre letzten Monate in der AfD

Bekannte und Freunde schreiben, dass sie die Schlagzeilen mit der AfD nur nerven. Und die CDU stimmt in Thüringen gemeinsam mit der AfD gegen ein Denkmal und Entschädigungsfonds für die Opfer der NSU. Es wird sich nur noch um wenige Jahre handeln, bis die CDU auch bundesweit mit der AfD gemeinsame Sache macht. Meine Sachen sind im Kopf schon gepackt.

Nachbarn rufen mir "Ausländer raus" hinterher

Ich mache mir keine Illusionen, dass sich die Lage für uns People of Color (PoC) in Deutschland verbessern wird. Die Gedanken der NS-Zeit haben seit den 40er Jahren in vielen Köpfen überwintert und beginnen jetzt, Früchte zu tragen. Selbstsüchtige Aktionen wie #87Prozent täuschen nicht darüber hinweg, dass dies nur ein Beruhigungsmittel ist, um sich selbst zu versichern, dass man nicht zu den "Bösen" gehört.

Im Alltag taugen mir #87Prozent nichts, wenn mir Nachbarn, die ich seit Jahrzehnten kenne, hinterherrufen "Ausländer raus!" In einer weltoffenen Stadt wie Hamburg, eine Stadt, die ich liebe, fallen solche rassistischen Auswüchse noch deutlicher auf. Soll ich weiter Beleidigungen runterschlucken und brav weiterleben? Eine erdrückende Vorstellung.

Mehr zum Thema: Was 11 Deutsche mit Migrationshintergrund der AfD jetzt zu sagen haben

Ich begreife die kommenden vier Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl als meine große Chance. Als Chance, Optionen auszuloten und meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Denn ich werde meine Heimat verlassen.

Dieses Anbiedern der Parteien an die rechtsradikale Ideologie, die übrigens auch in Sachen Sozialpolitik, Klimaschutz und Finanzpolitik rückwärtsgewandt ist, macht mich krank.

Es raubt mir meine Kraft, mich um meine Anliegen wie Kulturpolitik und Umweltschutz einzusetzen.

Und ich merke, wie das andauernde Anrennen gegen Anfeindungen und Alltagsrassismus meinen Charakter verändert. Das geht so nicht. Zynismus, Verbitterung, Paranoia - so etwas kann ich nicht gebrauchen. Das bin ich nicht. Der Einzug der AfD ist für mich der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

Die Ablehnung in meiner Heimat schmerzt

Selbstverständlich gibt es kein Land auf dieser Welt, das frei von Problemen ist. Selbst Vorzeigeländer wie Schweden haben ihre Probleme mit Neonazis - aber, so eine Freundin, die dorthin ausgewandert ist, redet man dort offener und direkter darüber.

Südkorea ist für mich genauso eine Option wie Kanada und Neuseeland - Formalitäten wie Sprachkenntnisse und Ausbildung sind das geringste Hindernis - der Globalisierung der Studienabschlüsse sei Dank.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.png Inside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Ich habe bereits lange genug im Ausland gelebt, um zu wissen, dass es in der Fremde nicht rosig zugeht. Aber die wachsende Ablehnung in meiner Heimat schmerzt in der Seele mehr, als sie es im Ausland jemals tun wird.

Ich liebe Hamburg und auch Franken habe ich, insbesondere die Weinberge und herzlichen Menschen, in guter Erinnerung. Aber ich fühle, wie die Daumenschrauben des Rechtspopulismus immer enger und enger werden. Es kann so nicht weitergehen.

Ständig mit zwei Realitäten, die einer Deutschen und einer PoC, konfrontiert zu werden und ständig daran erinnert zu werden, dass man nicht dazugehört - dann bin ich lieber eine Fremde, in einem anderen Land. Trotz aller Schwierigkeiten. Denn die Schwäche, zu einer Fremden in meiner Heimat zu werden, kann ich mir nicht leisten. Es geht um mein Leben.

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