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Wie die AfD die Fußball-EM für ihre Propaganda nutzt

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BOATENG GAULAND
dpa
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In einem Gespräch mit der FAS sagte der AfD-Vize Gauland der Zeitung: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

In einem Land, wo jeder regelmäßig vor einem internationalen Fußball-Event der bessere Bundestrainer ist und in bierseeliger Laune mehr oder weniger hemmungslos den Stammtischparolen gefrönt wird, wirft diese Aussage hohe Wellen  - in jedem "Lager".

Es ist perfide, dass Gauland mit der Anrede „Die Leute" jeden von uns anspricht und so ein gewaltiges Medienecho für die AfD erzwingt, auch Personen wie ich, die mit Fußball wenig am Hut haben, tun ihre Meinung kund. Man darf nicht vergessen, dass die AfD keineswegs eine dumme Einzeller-Partei ist (egal, wie ihre Wähler und die Nähe zu Pegida sie aussehen lässt), sondern eine sogenannte „Professoren-Partei", gegründet und geführt von Akademikern. Dazu ist die AfD auf verschiedenen sozialen Netzwerken präsent und wird hochprofessionell beraten - sie wissen genau, was sie tun.

Die Aussage von Gauland baut auf der Prämisse, dass alle („die Leute") so denken und erschafft eine fiktive Gemeindschaft, die angeblich die Gedankenwelt der AfD unterstützt. Ein „ich" wäre ehrlicher in Gaulands Interview gewesen, aber in dem Zusammenhang war das Spiel der Abgrenzung „wir gegen die anderen", welches die AfD so gerne spielt, nicht nützlich für die Partei.

Getreu dem Motto „Any press is good press" wird die EM 2016 von der AfD gehijackt und versucht, sich auf Kosten eines Nationalspielers zu profilieren. So tanzt die AfD weiter um ihren heißen Brei rum, wie es ein antiquierter Professor vor einem Groschenroman tun würde, und emotionalisiert durch simple Metaphern und Denkmuster eine Debatte über die Zukunft Deutschlands, die schon lange öffentlich und rational geführt werden sollte.

Die AfD sieht sich als Stimme des Volkes

Es ist paradox, die AfD  -  mit ihren hochgebildeten Führungskräften - sieht sich als Stimme des „Volkes" und speist die Paranoia derjenigen, die sich selbst als soziale Außenseiter sehen. Und die Außenseiter beißen an. Die AfD, die Nebelmaschine  -  mal lullt sie ihre Anhänger in wohlig-warmes Vergessen, mal verschleiert sie die Wahrheit und spielt mit Urängsten aller Menschen: Die Angst vor dem Fremden.

Dieser Satz von Gauland sagt übrigens sehr viel über ihn persönlich aus: Ein Boateng soll gern für uns schuften, aber dazugehören wird und soll er nicht.

Ausgrenzung statt Integration, Abwehr statt Akzeptanz. (Aber immer schön die Drecksarbeit machen, ohne Proteste.) Ein ähnliches Beispiel gab es in den USA, wo ein Fan versuchte, dem Footballer Cardale Jones den Mund zu verbieten und eine gewaschene Retourkutsche bekam.

Kann man eigentlich sachlich und argumentativ gegen die Aussagen von Gauland (an die er sich plötzlich nicht mehr erinnern will) vorgehen? Das braucht man in dem Fall gar nicht, denn die AfD-Chefin Frauke Petry biederte sich flugs mit einem Tweet an die Nationalmannschaft an und nul­li­fi­zie­rte scheinbar Gaulands Aussage(n). Mitnichten. "Die Leute" lernen bereits in der Vorschule, dass man etwas geschehenes nicht immer mit einer Entschuldigung wiedergutmachen kann.

Der Gau ist da  -  and here to stay

Um es mit einer sportlichen Metapher zu umschreiben: Die AfD ist derzeit die Janet Jackson mit ihrem Nippelgate beim Superbowl. Die AfD ist das hässliche Resultat der zunehmenden Radikalisierung und Polarisierung der Parteienlandschaft: Maximale Provokation für die maximale Aufmerksamkeit.

Als Gau bezeichnet man unter anderem eine  -  durch natürliche Grenzen - in sich geschlossene politische Siedlungsgemeinschaft.

Wie wir damit umgehen, dass On - und Offline immer mehr Parallelgesellschaften entstehen, die aneinander vorbei leben und reden, ist ein großes Problem. Der hysterische Ausschlag auf der Social-Media-Messlatte bezeugt, dass dieser zerstörerisch subtile Alarmismus besonders in der digitalen Welt, die anscheinend resistent gegen Vernunft ist, auf einen dankbaren Nährboden trifft.

Quo vadis, Deutschland? PS: Natürlich zuerst die EM gewinnen!

Der Text wurde zuvor auf Medium veröffentlicht.