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Ich bin 88 und schlage jeden Tag Heiratsanträge aus - das habe ich allen jungen Frauen zu sagen

21/09/2017 12:35 CEST | Aktualisiert 21/09/2017 12:47 CEST

Ich versuche junge Frauen ernst zu nehmen, aber es fällt mir schwer. Sie sagen, sie wären stark - aber sie haben kaum Selbstbewusstsein. Sie haben Angst davor, zu kämpfen.

Am liebsten würde ich ihnen sagen: Egal, worum es geht, reißt euch zusammen und kämpft.

Wenn euch etwas nicht passt, sagt es.

Wenn euch etwas stört, ändert es.

Wenn ihr unfair bezahlt werdet, hört auf, dort zu arbeiten. Ja, so einfach ist es.

Aber jammert nicht. Und seid selbstbewusst. Das ist sehr wichtig.

doris

Ob das Feminismus ist, weiß ich nicht. Ich habe mich nie mit Feminismus beschäftigt. Ich bin nie auf eine Universität gegangen. Alles, was ich kann, habe ich mir selbst beigebracht.

Theorien, Definitionen und Gerede haben mich noch nie interessiert. Was mich interessiert, sind Taten.

"Tu etwas, wenn du ungerecht behandelt wirst"

Meinen ersten persönlichen Kampf hatte ich als junge Schülerin. Einer meiner Lehrer hatte es auf mich abgesehen. Er hat mich ständig dran genommen und unpassende Sprüche von sich gegeben. Ich konnte ihn nicht leiden.

Als er einmal besonders unfreundlich war, bin ich aufgestanden und gegangen. Deshalb hat er versucht, mich in seinem Fach durchfallen zu lassen.

Das habe ich mir nicht gefallen lassen. Ich bin zum Direktor gegangen - als junges Mädchen, das war damals sehr ungewöhnlich - und habe ihm gesagt: "Dieser Lehrer, den Sie da angestellt haben, behandelt mich auf unverschämteste Weise. Tun Sie etwas!"

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Nun ja, was mit dem Lehrer danach passiert ist, weiß ich nicht. Ich jedenfalls bin in dem Fach nicht durchgefallen.

Was ich daraus gelernt habe: Tu etwas dagegen, wenn du ungerecht behandelt wirst. Sonst ändert sich auch nichts.

"Weil sie gesagt haben 'Du kannst das nicht machen' habe ich es natürlich gemacht"

Ich glaube, ich habe so früh angefangen, auf mich selbst zu vertrauen, weil ich es musste. Meine Eltern waren einfache Leute und ständig damit beschäftigt, irgendwie Geld zu verdienen. Geschwister habe ich nicht.

Nach der Schule hätte ich gerne studiert, aber meine Familie hatte nicht genug Geld. Also habe ich angefangen zu jobben und zu malen. Tatsächlich habe ich sogar einige Bilder verkauft.

Noch lieber aber schrieb ich und bekam Lust, für eine Zeitung zu schreiben.

"Du kannst nicht einfach für eine Zeitung schreiben", haben die Leute gesagt. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand deine Texte kauft, hier in New York."

Also habe ich einen Text geschrieben und ihn einer New Yorker Zeitung verkauft. Ich bin einfach vorbei gegangen. Es war der erste Text, den ich je einer Zeitung angeboten habe - sie haben ihn gedruckt.

Ich hatte keine Ahnung von Tanz und habe erfolgreiche Tanz-Kritiken geschrieben

Es war eine Tanz-Kritik. Ich mochte Tanz, aber hatte eigentlich keine Ahnung davon.

"Woher kannst du das?", haben mich die Leute gefragt. "Woher weißt du, was du schreiben musst?"

Und ich habe gesagt: "Weil ich hinsehe."

Ich habe die Menschen beobachtet und aufgeschrieben, was ich sehe. Mehr nicht. Es war keine große Kunst. Aber die meisten Menschen sehen wahrscheinlich nicht richtig hin.

Normalerweise bin ich erfolgreich in dem, was ich tue. Weil ich von den Dingen, die ich tue, überzeugt bin.

"Die Menschen merken, wenn du von etwas überzeugt bist"

Bei der Zeitung habe ich meinen Ehemann kennengelernt: Jack Diether. Er war damals ein sehr bekannter und erfolgreicher Musik-Journalist. Auch von ihm war ich überzeugt. Sein ganzes Leben lang.

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Die Menschen merken es, wenn du von etwas überzeugt bist. Sie erinnern sich dann an dich. Mich kennen so viele Menschen, dass es mich irritiert.

Ich bin 88 Jahre alt und glücklicherweise geht es mir gut. Aber auch wenn es mir mal nicht so gut geht, stehe ich auf und ziehe mich an. Jeden Tag. Das ist wichtig.

Kinder habe ich nicht, es ist einfach nie passiert. Aber ich habe viele Freunde. Nur leider vergesse ich ihre Namen. Das war früher nicht so. Gesichter vergesse ich nie, aber Namen.

Jeden Tag grüßen mich Leute und fragen mich, wie es mir geht und ich habe keine Ahnung, wie sie heißen. Einmal wurde ich an der Hüfte operiert, seitdem habe ich einen Gehwagen.

Mich haben Menschen im Krankenhaus besucht, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie sie heißen. Aber das habe ich ihnen natürlich nicht gesagt. Denn das wäre nicht sehr freundlich gewesen.

doris

"Ich plane regelmäßig neue Kämpfe"

Viele Menschen fotografieren mich, wenn sie mich sehen. Das verstehe ich nicht, aber es stört mich auch nicht.

Den Tag verbringe ich meistens damit, die Tänzer und Musiker im Park zu beobachten. Einmal haben sie sogar einen Song für mich geschrieben - mit meinem Namen darin, das muss man sich mal vorstellen.

Wenn ich das nicht tue, dann plane ich neue Kämpfe. Denn ich habe mir vorgenommen, nie aufzuhören zu kämpfen. Gerade kämpfe ich dagegen, dass der Künstler Ai Weiwei seine neue Kunst-Konstellation unter dem Triumphbogen im Washington Square Park ausstellt.

Er will das ausgerechnet zur Weihnachtszeit machen und das gefällt den meisten New Yorkern gar nicht - denn dann kann der Weihnachtsbaum nicht an dem Ort aufgestellt werden, an dem er seit 14 Jahren aufgestellt wird.

"Für Langeweile habe ich keine Zeit - allein schon wegen der Heiratsanträge"

Ich mag Kunst, aber Ai Weiwei kann seine Konstellation wirklich auch woanders aufstellen. Deshalb verteile ich jetzt Flyer im Park und setze mich im Community Board des Viertels ein.

Im Community Board bin ich viermal die Woche. Mein Leben wird nie langweilig, dazu habe ich gar keine Zeit.

Allein schon die Heiratsanträge auszuschlagen, die ich jeden Tag bekomme, kostet Zeit. Ich bekomme wirklich Heiratsanträge, auch von jungen Männern. Sie finden mich cool. Sie sind verrückt. Ich lehne selbstverständlich alle Heiratsanträge ab.

Übrigens liebe ich Schokolade. Also, falls mir jemand Schokolade schenken möchte: Ich bin jeden Tag im Washington Square Park. Ich sage es nur. Man weiß ja nie. Die Sorte ist egal.

Das Protokoll wurde von Amelie Graen aufgezeichnet.

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