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"Wir fühlen uns schuldig für unsere Armut" - was es bedeutet, in einer armen Familie zu leben

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Wir streiten sehr oft wegen Geld. Weil wir nicht genug davon haben. Wir diskutieren darüber, wessen Schuld das ist. Deshalb dreht sich an manchen Wochenenden bei uns alles um unsere Finanzen.

Wie kommen wir an mehr Geld? Wie kommen wir über die Runden? Wie können wir Unvereinbares miteinander vereinen und finanzielle Mittel aus der Luft greifen?

Pünktlich am letzten Tag eines jeden Monat steigt die Spannung zu Hause an. Wegen der Rechnungen, die am darauffolgenden Tag fällig sind. Der Stress, der dabei entsteht, führt dazu, dass wir uns selbst weniger wertschätzen.

Wir reduzieren uns auf finanzielle Verdienste. Unsere Identitäten sind daran gebunden, ebenso wie unsere Wünsche und Bedürfnisse. Als Eltern, Versorger, Menschen, die etwas zu bieten haben - wir messen unseren Wert an unserem Verdienst.

Weil wir uns schämen, wenn wir nichts haben. Man macht sich verwundbar, wenn man nicht genug zum Leben verdient. Wir denken, dass Luxus etwas sei, dass wir auch brauchen. Die Scham, dass wir aber nie dazu gehören werden, erschwert uns den Kampf ums Überleben.

Wir himmeln ein System an, das uns im Stich lässt.

Wir fühlen uns schuldig für unsere Armut

Obwohl mein Mann zwölf Stunden pro Tag arbeitet, streiten wir uns täglich wegen Geld. Wir kämpfen gegeneinander, weil es schwerer wäre, einfach gegen das Stigma Armut zu kämpfen. Stattdessen machen wir weiter und ärgern uns. Wir ärgern uns sogar darüber, wenn wir müde sind und schlafen wollen. Denn: Schlaf ist Zeit, in der wir Geld verdienen könnten.

Es gibt dutzende weitere Gründe, uns selbst die Schuld zu geben. Zum Beispiel weil unsere Kinder nicht in einer sicheren Umgebung aufwachsen können. Weil wir uns Sicherheit nicht leisten können. Weil ich eine Depression hatte. Weil wir uns eine Pizza bestellten, als wir zu schwach zum Kochen waren. Weil wir die Kreditkarten überziehen.

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Wegen einer Kreditkartenrechnung, die ich nicht begleichen konnte, war ich letzte Woche sogar vor Gericht.

"Warst du schon einmal hier?", fragte mich eine Frau im Warteraum.

"Nein, du etwa?", erwiderte ich.

"Jup, ziemlich oft", meinte sie.

"Ich weiß allerdings nicht, warum. Bei mir gibt's nichts mehr zu holen."

"Was machen die dann also?", fragte ich.

"Sie rufen dich auf, damit du mit den Anwälten sprichst und ihnen deine Situation erklärst. Manchmal sind sie nett, manchmal aber nicht - als würdest du es mit Absicht machen. Ich würde ja zahlen, wenn ich könnte", sagte sie, "aber ich kann nicht."

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Zu Hause sagen wir selten, dass wir etwas nicht können. Wir sagen solange "Gib mir mehr Zeit", bis wir nicht mehr können. Wir sagen "Ich schaue, was ich tun kann", als könnten wir unseren Teufelskreis durchbrechen.

Wenn wir resignieren, fühlt es sich so an, als würden wir unsere Situation akzeptieren. Und für Schuldner ist das eine Todsünde in diesem Land. Wir sollen weiter in einem System mitwirken, dem wir eigentlich entgegen stehen.

Ich fühlte mich wie eine Närrin

Als ich hörte, wie diese Frau so offen darüber sprach, was sie nicht leisten könnte, fühlte ich mich wie eine Närrin. Ich bin ein Mensch, der davon ausgeht, dass eine nicht bezahlte Rechnung am Zahlungsdatum wie durch Zauberhand beglichen wird.

Ich stelle mir vor, ich hätte mehr, als ich eigentlich besitze, auch wenn ich gerade gar nichts habe. Ich stelle mir vor, dies sei nur ein Stolperstein, der zwischen mir und meinem Grundrecht auf Reichtum steht.

Im Grunde genommen will ich diesen Gedanken nicht aufgeben. Ich will daran glauben, dass ich eines Tage nicht mehr arm bin. Ich könnte nicht überleben, wenn ich diesen Glauben verliere. Ich weiß, dass ich einen vollen Kühlschrank, einen sicheren Lebensort und einen gesunden Körper verdient habe.

Ich bin es wert.

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Aber der Himmel wird sich nicht einfach öffnen und Geld auf mich regnen lassen. Und das Universum verteilt Reichtum nicht nach einem Moralkodex. Stattdessen gibt es Systeme, die Menschen wie uns unterdrücken - und Scham ist das Schwert, das unser Potential zerteilt. Mit unserer Scham unterstützen wir eine Hierarchie, die unsere Ziele nicht unterstützt.

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Zu Hause streiten wir wegen Geld - und dann vertragen wir uns wieder, jedes Mal. Wir erinnern uns, dass wir mehr wert sind als das, was wir einem Fremden schulden. Und während wir uns manchmal im Leben etwas leisten können oder eben nicht, lernen wir, unseren persönlichen Wert nicht zu vergessen.

Wir lehren uns Zärtlichkeit, wenn uns gesagt wird, dass wir hart sein sollen. Wir arbeiten daran, das wir uns nicht weniger wert fühlen, weil wir arm sind. Denn das, was wir haben, verleiht unserem Leben Sinn.

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Von Dominique Matti, Bloggerin und freie Autorin

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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Der Beitrag erschien auf Medium und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.

(kap)