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Aufschrei eines Schülers: "Wir lernen nur, um es dann wieder auszukotzen"

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SCHUELER
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Über unsere Bildungspolitik wird viel diskutiert. Jeder behauptet, man müsse an der einen oder anderen Ecke des Systems nur kleine Verbesserungen vornehmen - und schon würde sich die Bildung der deutschen Schüler bessern. Doch das ist ein falsches Denken.

Ihr erinnert euch sicher an den Tweet der Schülerin Naina: "Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ne´ Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen."

Ich als Schüler kann ihr nur zustimmen. Unsere Bildungspolitik scheitert bereits an den existierenden Schulformen. Wir haben drei Schulformen (Haupt-, Realschule und Gymnasium), in welche die Kinder bereits direkt nach der Grundschule einsortiert werden. Das heißt, Kinder mit etwa 11 oder 12 Jahren werden hier bereits „sortiert". Werden sie für schlau gehalten, kommen sie auf ein Gymnasium.

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Entsprechen sie dem Durchschnitt heißt es: Ab in die Realschule. Und sollten die Grundschullehrer der Meinung sein, dass das 11 Jahre alte Kind bereits jetzt schon zeigt, dass es nicht überdurchschnittlich intelligent ist, so wird es auf die Hauptschule geschickt.

Ich frage mich dabei, wie man 11-jährige Kinder bereits hier einsortieren kann und sie „abstempelt". In unserer Gesellschaft haben sich bereits viele Vorurteile verstrickt. Zum Beispiel das, dass Hauptschüler grundsätzlich dumm sind und Gymnasiasten die Bildungselite der Zukunft. Kindergleich nach der Grundschule für ihr Leben abzustempeln und auszusortieren, halte ich für falsch.

Sicher, mit genug Ehrgeiz und Talent kann man sich hart hocharbeiten, dennoch: Welche Motivation hat ein von der Gesellschaft als „minderintelligent" abgestempelter Hauptschüler denn noch, sich schulisch besonders anzustrengen? Fängt nicht schon hier die Demotivation und vorgeschriebene Perspektivlosigkeit an?

Aber was soll man auch erwarten von Lehrplänen, die einem viel unnützes Wissen vermitteln.

Oder wissen Sie heute noch, was die Französische Revolution ausgelöst hat - oder wie genau man ein Gedicht richtig interpretiert?

Nein? Nun, Schüler wissen sowas. Allerdings - wozu? Ist es nicht sinnvoller, dass man Schülern auch Dinge vermittelt, die sie brauchen? Wie schaffen sie es, eine Familie zu ernähren? Was genau sind Steuern und wann sind sie zu zahlen. Wie verhält es sich mit Versicherungen?

Die Schule hat den Bildungsauftrag, uns auf das Leben vorzubereiten - aber sie tut es überhaupt nicht. Sie vermittelt uns Themen, die bei einem normalen arbeitenden Bundesbürger auf große Fragezeichen stoßen dürften.

Es gibt unter Schülern einen Begriff, der sich "Lernbulimie" nennt. Er beschreibt die Situation sehr deutlich. Als Schüler lernt man nicht fürs Leben, keineswegs, man lernt für die Klausur, und „kotzt" dort sein ganzes auswendig gelerntes Wissen auf das Blatt und hofft auf eine gute Note. Hat man diese erhalten, ist das Thema durch und das nächste wird in sich hineingefressen. Lernen wir so die Dinge, die wichtig sind, um unser Leben zu meistern?

Die Lehrer an sich können sehr demotivierend sein

Ich bekomme als Schüler immer deutlicher das Gefühl, dass heutzutage JEDER Lehrer werden kann. Und hat dieser sein Staatsexamen überlebt, kann er ohnehin tun und lassen, was er will.

Eine Geschichte dazu: Ein Mädchen hat im Abitur als Prüfungsfach Geschichte und ist dort absolut schlecht. In ihren ganzen anderen Fächern allerdings sieht es relativ gut aus. Aber trotzdem. Bei jeder Notenbesprechung mit ihrer Geschichtslehrerin die gleichen Worte: „Du bist sehr schlecht in Geschichte. Du wirst dein Abitur auf dieser Schule nicht schaffen. Ich empfehle dir, dein Abitur lieber auf der berufsbildenden Schule zu machen, es ist leichter."

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Ob diese Lehrerin damit Recht hat, sei dahingestellt, aber die Tatsache, dass Lehrer, die uns aufs Leben vorbereiten sollen, sich uns so in den Weg stellen, anstatt uns zu helfen, spricht Bände. Das ist auch leider kein Einzelfall. Natürlich gibt es auch ganz andere Lehrer, die uns wirklich helfen, aber heutzutage bilden sie traurigerweise die Ausnahme.

Aber: Welche Möglichkeiten hat man als Schüler, sich gegen Lehrer zu wehren, die einen unfair behandeln? Ich sage es Ihnen - KEINE.

Spricht man mit den Lehrern direkt und wagt es, sie zu kritisieren, läuft man Gefahr, dass diese aufgrund von verletztem Stolz oder ähnlichem die Bewertung verschlechtern und sich mittels der Erklärung „Der Schüler beteiligt sich weniger am Unterricht" raffiniert aus der Affäre ziehen.

Selbst die Schulleitung ist im Zweifelsfall ein schlechter Ansprechpartner. Denn oftmals stehen die Rektoren und Rektorinnen hinter ihren Kollegen, da es leichter ist, einen Schüler zurechtzuweisen als einen Kollegen.

Das sind nur ein paar der Gründe, warum Schüler durch den ständigen Druck, durch das Erwarten von perfekten Leistungen immer häufiger depressiv, antriebslos und ausgebrannt sind. Unser Schulsystem hat seinen Bildungsauftrag schon lange verfehlt. Es setzt Schüler unter Druck, bringt ihnen Dinge bei, die so für ihr weiteres Leben nicht gerade essenziell sind, und sorgt damit selbst für die Perspektivlosigkeit und Chancenungleichheit im Schulalltag, die von Experten getadelt werden.

Deshalb bitte ich unsere Politiker:

Hört auf zu reden. Hört auf zu schwafeln und handelt endlich. Ändert das System! Entlastet Schüler und Lehrer und lehrt uns das, was wir für unser Leben auch wirklich brauchen.

Vor allem: Nehmt den Druck, denn ansonsten braucht ihr euch nicht wundern, wenn Beamte und andere bereits in jungen Jahren an Burnout erkranken oder viele die Schule abbrechen, weil sie schlicht ausgebrannt sind.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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