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Ego und Gier in Unternehmen

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Wenn mich Unternehmen als Mentalcoach zur Persönlichkeitsentwicklung buchen, dann gleicht diese Aufgabe oft einem Profiling der Mitarbeiter. Durch mein Vorgespräch weiß ich meistens, welcher Teilnehmer verstärkt anfällig für Erkrankungen ist oder vielleicht schon mit einem Erschöpfungszustand ausgefallen war. Der Verlauf eines solchen Seminars ist immer ähnlich. So auch dieser in einem namhaften Unternehmen für IT-Lösungen in der Informationstechnik. Die Teilnehmer waren die Personalchefin und Führungskräfte aus verschiedenen Abteilungen.

Das Seminar begann damit, dass es nicht begann. Denn zum vereinbarten Zeitpunkt waren nur drei der insgesamt 10 Teilnehmer im Meetingraum. Dies sagte bereits viel über die Führungsqualitäten der Teilnehmer aus. Auch der Geschäftsführer kam zu spät. Erst nach und nach trudelten die restlichen Teilnehmer ein, teils mit dem Handy am Ohr. Ich konnte die Anspannung dieser Führungskräfte förmlich spüren. Physisch waren sie nun alle da, aber geistig noch an ihrem Schreibtisch oder sonstwo.

Mir war klar, dass ich die ungeteilte Aufmerksam brauche, sonst wäre jede Minute verschenkte Zeit. Für mich und für die Teilnehmer, die in den ersten Minuten immer wieder auf ihre Smartphones sahen. Nach 15 Minuten verließ ich den Raum mit den Worten:

„Ich rufe mal kurz meine Freundin an."

Stille! Nach einer Minute kam ich wieder rein und erklärte, dass man dies die Spiegelmethode nennt, mit der man Bewusstsein schaffen und Menschen zu einer Handlung veranlassen kann. Was die Führungskräfte in der Minute meiner Abwesenheit gedacht haben, überlasse ich jetzt mal Ihrer Phantasie. Fakt ist, dass die Personalchefin sich erhob und zu den Führungskräften sagte: „Sie haben fünf Minuten Zeit, Ihren Assistentinnen mitzuteilen, dass Sie die nächsten sechs Stunden nicht erreichbar sind. Weiterhin bitte ich Sie, jetzt ihre Telefone auszuschalten". Offenbar hatte sie sofort verstanden, was ich erreichen wollte, und sie hatte gehandelt. Chapeau!

Danach hatte ich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden und das Seminar wurde ein voller Erfolg. Es geht immer um das Hier und Jetzt, um die volle Aufmerksamkeit auf den Moment. Denn das Gehirn verarbeitet nur die Informationen, auf die wir uns konzentrieren. Alles andere wird gelöscht, auch wenn es zur Realität dazugehört. Nach der anfänglichen Profilierung der extrovertierten Teilnehmer, wuchsen die Introvertierten über sich hinaus. Es wurden viele Blockaden gelöst, die wie so oft nichts anderes waren als Missverständnisse in der Kommunikation.

In den kommenden 14 Tagen bekam ich von verschiedenen Teilnehmern zum Teil sehr persönliche Emails, wie sehr ich ihnen aus der Seele gesprochen und wie positiv sich das Miteinander verbessert hätte. Es sei das beste Seminar gewesen, das sie je besucht hätten, weil jeder Mitarbeiter nun mehr Eigenverantwortung übernommen hätte. Es ging nicht mehr darum, was die anderen für mich tun können, sondern was kann ich für andere tun kann. Denn eine erfolgreiche Unternehmensführung wird immer zwischen Menschen und durch Gefühle erzielt. Dies hatten die Teilnehmer verstanden und umgesetzt.

Keine Weiterbildung in der Persönlichkeitsentwicklung wird den gewünschten Erfolg nachhaltig erzielen, wenn die Teilnehmer nicht aus freien Stücken an dem Seminar teilnehmen. Diesen Wunsch nach freier und kreativer Entwicklung finden wir besonders in der Generation Y. Das Potenzial des Menschen zu aktivieren liegt darin, Raum dafür zu schaffen. Dies in einer inspirierenden Gemeinschaft.

„Wenn Du schnell ans Ziel kommen willst, geht allein. Wenn Du weit kommen willst, geh gemeinsam."

Neurowissenschaftler der Universität Würzburg konnten einen Zusammenhang zwischen Gier als Persönlichkeitsmerkmal und riskantem Verhalten herstellen. Hochriskante Spekulationen von Mitarbeitern der Finanzdienstleistungsbranche trugen zu einem Teil der Finanzkrise bei. Ob in Deutschland oder den USA. Die Namen in Deutschland sind uns noch gut in Erinnerung. In Amerika weitete sich im Sommer 2007 die US-amerikanische Immobilienkrise zu einer weltweiten Finanzkrise aus, deren Folgen bis heute den Markt belasten.

Was bedeutet Gier genau?

Es ist der Wunsch nach mehr, koste es, was es wolle - einschließlich eines exzessiven Streben nach materiellen Gütern. Also die Bereitschaft, dass das eigene Streben mehr auf Kosten von anderen gehen zu lassen. Für mich eine gruselige Vorstellung. Besonders, wenn man sieht, zu was Menschen im Fernsehen alles bereit sind, je größer die Chance auf einen hohen Gewinn ist. Der Geschmack der Peinlichkeit kippt hier leider oft in Traurigkeit und hat nichts mehr mit lustiger Unterhaltung zu tun. Wenn man zwei Personen bittet, je einen Ballon mit dem Ziel aufzublasen, dass der mit dem größeren Ballon eine Million Euro erhält, man jedoch alles verliert, wenn der Ballon platzt, dann kann man Gier Live und in Farbe erleben.

Somit kann die Risikoneigung anhand des Persönlichkeitsmerkmals Gier vorhergesagt werden. 1986 hielt der Investor Ivan Boesky eine Rede, deren Auswirkungen heute noch zu spüren sind. Leider keine Rede, die die Welt ein Stück besser machte, sondern eher das Gegenteil. „Gier ist gut", sagte Boesky zu Absolventen der amerikanischen Haas School of Business, „gesund ist sie auch. Ihr könnt gierig sein und euch trotzdem in eurer Haut wohl fühlen."

Was ich wirklich schlimm finde, ist die Erkenntnis der Studie, dass gierige Menschen Schwierigkeiten haben, aus Fehlern zu lernen und ihr Verhalten anzupassen. Somit werden auch nach einem Bankencrash, nach kurzer Erholung, wieder hochspekulative Geschäfte gemacht. Auch bei Managern können hohe Boni, Vergütungen auf finanzielle Erfolge, Gier aktivieren. Auslöser können ebenfalls Aspekte der Unternehmenskultur sein. Glauben Sie mir, wenn Gier wie eine Seifenblase zerplatzt, dann fallen viele tief, denn viel Geld allein macht nicht glücklich. Es ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, wenn man die Balance nicht verliert. Es ist wichtig unser Handeln zu hinterfragen, um einen neuen Blickwinkel unseres Strebens zu bekommen. Hut ab vor allen Topmanagern, die sich aus dieser Gierspirale befreit haben und seitdem ein neues und mehr als zufriedenes Leben führen.

Den Sinn des Lebens finden

Hierzu zählt unter anderem Alexander Hartmann. Er arbeitete knapp 15 Jahre lange in der Finanzbranche und war auf dem besten Weg, ein Gordon Gekko zu werden, wie ihn Michael Douglas in der Rolle des skrupellosen Finanzhais in dem Film „Wall Street" spielte. Zuletzt war er als Abteilungsleiter verantwortlich für knapp 50 Mitarbeiter in einer international tätigen Schweizer Privatbank. Inzwischen hat Hartmann eine Ausbildung zum Sozialpädagogen in einem Schweizer Waisenhaus gemacht. Trotz seiner Position hatte er weder finanziell bis ans Lebensende ausgesorgt, noch wurde er gefeuert. Größer hätte also der Kontrast kaum sein können, und dies freiwillig. Hartmanns Gewissen wurde so laut, das er ihm gehorchte und diesen Schritt ging. Ich habe Hochachtung vor solchen Menschen, die eine Handlung eingehen, die ihr gesamtes Leben ändert.

Ein weiteres Beispiel ist Stefan Roggenkamp. Gut zehn Jahre arbeitete er als Investmentbanker in London und konstruierte Finanzderivate für die japanische Investmentbank Mizuho. Als Leiter eines Teams mit 90 Mitarbeitern war sein Leben bestimmt von viel Arbeit, aber auch begleitet von einem enormen Gehalt und hohen Boni sowie einem schnellen Leben mit dicken Autos und vielen Partys. Ausgerechnet die Wirbelstürme Katrina, Wilma und Rita richteten zwischen Ende August und Ende Oktober 2005 nicht nur in der Natur verheerende Schäden an, sondern auch an Roggenkamps Karriere. Über Nacht vernichteten die Stürme ein Gros der Gewinne seines Derivatefonds und auch seinen Job.

Dieses Ereignis ließ ihn zurück auf den Bauernhof seiner Eltern ziehen. Nach einer Auszeit gründete der damals 36-jährige 2006 sein jetziges Unternehmen - Roggenkamp Organics - als Hersteller von Biolebensmitteln. Diese sind heute neben namhaften Supermärkten auch in Biomarktketten wie Alnatura und Basic erhältlich, aber auch in Feinkostläden wie Käfer˙s in München. Auch er genießt dieses ganz andere Leben mit anderen Werten.

Stück für Stück ändert sich unsere Welt und wir sollten weniger Angst davor haben, was kommt. Vielmehr sollten wir uns auf unseren Ursprung des Lebens besinnen. Denn hier liegen eine Menge Chancen und Möglichkeiten. Nicht weniger erfolgreich, nur mit einer anderen Definition von Erfolg.