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Lean und Industrie 4.0 - Konkurrenten oder Partner?

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BUSINESS
Klaus Vedfelt via Getty Images
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In den 1990er Jahren erfasste die Lean Philosophie Deutschland: Produktionen werden seitdem industrieübergreifend nach Lean Kriterien gestaltet und verschlankt.

Das Ziel: Eine produktivere, höherwertige, flexiblere und einfachere Produktion. Ähnlich enthusiastisch wird 2016 der Trend zu Industrie 4.0 propagiert. Was verbirgt sich dahinter und wie verträgt es sich mit dem klassischen Lean Ansatz?

Im Kern bezeichnet der Begriff „Industrie 4.0" als vierte industrielle Revolution tiefgreifende Innovationen durch die Informations- & Kommunikationstechnologie: Diese machen zum einen dank Echtzeitdatenverarbeitung und Maschine-zu-Maschine Kommunikation die Produktion der Zukunft weitaus flexibler. Zum anderen lassen sich mit ihnen individuelle Kundenwünsche leichter und besser umsetzen.

Eine Studie von Bitkom und dem Fraunhofer IAO prognostiziert einen Bruttowertschöpfungs-Zuwachs des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus von 77 Mrd. € in 2013 auf 100 Mrd. € in 2025 - dank Industrie 4.0.

Was Industrie 4.0 für die klassische Lean Philosophie bedeutet

Um zukünftig wettbewerbsfähig zu sein, müssen Unternehmen diese technologischen Entwicklungen ausschöpfen: Der Kunde von Morgen fordert Produkte, die individuell auf ihn und seine Bedürfnisse zugeschnitten sind - was wiederum eine äußerst flexible Produktion erfordert.

Diese Entwicklung sowie verkürzte Produktlebenszyklen werden die Produktion komplexer machen - die Lean Philosophie könnte mit ihren klassischen Methoden bald an ihre Grenzen stoßen:

Verschlankte, verschwendungsarme Prozess-Strukturen und Abläufe haben die Produktion zwar deutlich flexibler gemacht. Auch ein breites Spektrum von Produktmengen und -varianten kann so kostengünstig, zeiteffizient und ressourcenschonend hergestellt werden.

Aber: Kundenindividuelle Produktwünsche einzeln zu fertigen lässt sich nur schwer mit festen Cycle Times und standardisierten Prozessen vereinbaren. Werden in einer klassischen Lean Production Produktionsprozess, Durchlaufzeit oder Pufferbestand verändert, muss auch das Kanban-System angepasst werden. Ein weiteres Problem: Die Marktnachfrage wird künftig stärker schwanken - was es erschweren wird, mittels klassischer Lean Methoden die Kapazitätsauslastung zu nivellieren.

Dadurch ergeben sich folgende Fragen:

  • Sind Lean Prinzipien und Methoden noch zeitgemäß?
  • Werden sie durch die 4. Industrielle Revolution und ihre neuen Technologien abgelöst?
  • Oder können die etablierten Lean Mechanismen sich an die veränderten Kunden- und Marktanforderungen anpassen...
  • ...und kombiniert mit den technischen Möglichkeiten von Industrie 4.0 die Basis einer wettbewerbsfähigen Produktion der Zukunft bilden?

Die Antwort liegt nicht im Entweder-oder, sondern im Sowohl-als-auch.

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(© vetre/Fotolia)

Lean Production & Industrie 4.0 profitieren voneinander

Schlanke und verschwendungsarme Prozesse ermöglichen es überhaupt erst, Industrie-4.0-Technologien erfolgversprechend zu implementieren: Schlechte und verschwendungsreiche Prozesse einfach zu automatisieren bzw. zu digitalisieren, macht die Prozesse nicht besser.

Die gewünschten Einsparungen bleiben aus und die Kosten der Automatisierung steigen massiv an. Nach Kriterien der Lean Production ausgerichtete Prozesse erfüllen genau das. Eine auf minimierte Verschwendung ausgerichtete Produktion sorgt außerdem dafür, dass der Automatisierungs- bzw. Digitalisierungsaufwand auf essenzielle Prozess-Schritte konzentriert werden kann.

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Umgekehrt wird aber auch Industrie 4.0 den Lean Gedanken beschleunigen: Smart Factorys ermöglichen eine schnellere, flexiblere Produktion mit geringerem Verschwendungsgrad.

Wer Echtzeitdaten aus allen Unternehmensbereichen automatisiert erfasst und analysiert, der
  • reduziert die Bestände entlang der gesamten Supply Chain signifikant
  • und ermöglicht einen schnellen, verschwendungsarmen One-Piece-Flow individualisierter Produkte.
Industrie-4.0-Technologien sind kein Widerspruch zu existierenden Produktionssystemen: Sie ermöglichen Lean Reifegrade, wie sie bei der Einführung des Lean Gedankens in den 1980er Jahren kaum vorstellbar waren.

Auch die Lean Methoden selbst werden sich durch neue IT-Lösungen verändern: So werden digitale, automatisierte E-Kanban-Systeme die klassischen Kanban-Karten ablösen.

Lean & Industrie 4.0: Sinnvollen Einsatz und Kundennutzen sicherstellen

Hierbei gilt allerdings zu beachten: Die durch Lean Prinzipien reduzierte Komplexität sollte nicht wieder ansteigen, weil neue Technologien überstürzt eingesetzt werden.

Solange Technik nicht als Selbstzweck maximiert wird, sondern die Wertschöpfung aus Kundensicht fokussiert, sind Lean und Industrie 4.0 keine Konkurrenten, sondern Partner: Gemeinsam ebnen sie den Weg zu einer wettbewerbsfähigen, ressourcenschonenden Produktion, die zukünftigen Marktanforderungen gerecht wird.

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