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Superlehrer, Superschule, supergeil: Der offene Brief

19/08/2015 13:47 CEST | Aktualisiert 19/08/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Der offene Brief

Als probates mediales Druckmittel seitens der Elternschaft haben sich offene Briefe erwiesen, wenngleich sich diese von Schulen schlecht steuern und noch schlechter kontrollieren lassen. Über hundert Jahre nach Emile Zolas berühmten offenen Brief über die wahren Hintergründe der Dreyfuss- Affäre60 gehört das Instrument des offenen Briefes zum festen Portfolio der Krisenkommunikation, um auf Missstände aufmerksam zu machen und Entscheidungsträger zum Handeln aufzufordern.

Der wohl berühmteste offene Brief im Bildungswesen wurde im Jahr 2006 nicht von Eltern, sondern von Lehrkräften der inzwischen überregional bekannten Berliner Rütli- Hauptschule verfasst:

»Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen. (...) Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert.«

Eine Bankrotterklärung der Hauptschule in Berlin.

Die Wirkung des Brandbriefes war immens. »Welchen Sinn macht es, dass in einer Schule alle Schüler/ innen gesammelt werden, die weder von den Eltern noch von der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt bekommen, um ihr Leben sinnvoll gestalten zu können? «, fragte das Kollegium im Jahr 2006.

Heute gibt es in Berlin keine Hauptschulen mehr, heute gehört die Rütli- Schule zum Campus Rütli, hat zahlreiche Kooperationspartner aus Wirtschaft, Politik und Kultur und eine Schirmherrin, die Christina Rau heißt. Die Lehrerausstattung stimmt, in das Schulgebäude, die Mensa, die angrenzende Turnhalle sind Millionen geflossen. 2014 entließ die Schule ihre ersten Abiturienten. Das Beispiel zeigt: Offene Briefe als Brandbriefe wirken.

Zumindest in der Bildung, zumindest damals. Denn heute nimmt ihre Anzahl ein wenig überhand und man muss schon kräftig die Buschtrommel schlagen, um bei so vielen Briefen noch mediales Gehör zu finden.

Im April 2015 ergab eine Google Suche nach den Stichworten »offener Brief« und »Schule « 258000 Treffer.

Darunter Briefe von Schulleitern an ihre Minister, von Lehrern an ihre Schulaufsichten, von Eltern an ihren Bildungsminister, von Schulleitern und Lehrern an die Eltern, von Schülern an ihre Lehrer, von Schülern an ihre Schulleiter - und von Eltern an ihre Lehrer.

Wenn der Adressat nicht die administrative Obrigkeit ist, dann ist der offene Brief meist Ausdruck einer entzweiten Schulgemeinschaft. Dann ist der Brief ein Beleg dafür, dass Eltern und Lehrer nicht mehr miteinander kommunizieren können und sich Hilfe über den medialen Weg versprechen.

Zum Beispiel um Probleme zu kommunizieren, die von der Schule, von den Lehrern nicht im Sinne der Eltern gelöst wurden. Oder um einen Lehrer loszuwerden: Da regen sich Eltern öffentlich über einen Sportlehrer auf, im Nu steht der Kollege mit seinen rücksichtslosen, konservativen Unterrichtsmethoden in der Zeitung und die eigene Schule am Pranger. Das möchte man als Schule nicht.

Von den Zeitungen werden viele dieser offenen Briefe mit Dankbarkeit aufgenommen. Selbst wenn es sich um Einzelfälle handelt, werden diese schnell verallgemeinert. In Berlin schaffen es auf diesem Wege 30 von 600000 Eltern schulpflichtiger Kinder mühelos, ihre Meinung über die Medien an die große Glocke zu hängen.

MERKE: Bad news are good news.

Presse- und Medienvertreter freuen sich über schlechte Schulnachrichten. Offene Briefe funktionieren daher gut als PR-Instrument, um eigene Interessen durchzusetzen. Aber am Ende leidet das Schulimage. Und während sich die Drehteams an manchen Schulen die Klinke in die Hand geben, fragt man sich als Lehrer: Wie soll ich hier konzentriert arbeiten?

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Superlehrer, Superschule, supergeil

2015-08-17-1439846384-1054087-Cover_Sttzer.jpg

ISBN: 978-3-442-17542-0

Goldmann


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